Full text: Hessenland (2.1888)

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ein,, Stück Brot" oder „Handel" d. h. die 
Gelegenheit zu einem Raube durch den 
„Baldower" — Kundschafter — ausgemacht, 
so fanden sie sich auf Benachrichtigung, die nicht 
selten durch die Wirthe vermittelt wurde, auf 
dem bestimmten Sammelplatz, dem sogenannten 
„bezinkten Emmes" ein, von dem der Marsch 
— oft stundenweit — nachdem vorher Einer die 
Führerschaft übernommen und die Rollen vertheilt 
hatte, nach dem Orte angetreten wurde, wo der 
Diebstahl, Einbruch oder Raub ausgeführt 
werden sollte. 
Dos hauptsächlichste Terrain, von dem aus 
dieses Gesindel seine Streif- und Raubzüge 
unternahm, war die durch Wälder und Gebirgs 
züge vielfach durchschnittene Gegend zwischen der 
unteren Diemel und unteren Ed der und dem 
Waldeck'schen Gebirgsland, welche ihnen noch 
dadurch größere Sicherheit bot, daß dort drei 
Reichskreise aneinander stießen, es somit für sie 
ein Leichtes war, von dem einen in den andern 
zu kommen, wo des ersteren Gerichtsbarkeit 
aufhörte. 
In vielen kleinen Wirthen fanden diese 
Menschen verschwiegene Herbergierer, Warner 
und Hehler, auch Vermittler zur Erlangung von 
Pässen, Zeugnissen rc. So hatten die christlichen 
Mitglieder in Volkmarsen ihre Niederlage im 
„Weißen Roß" bei dem Wirthe Hülseberg; 
während die jüdischen im „Stern" beim Rabbi (!) 
verkehrten. Weitere Absteigequartiere hatten sie 
beim Wirthe Börger zu Zwergen; bei Heisterhagen 
auf dem Keller zu Marburg; im Halben Monde 
zu Peckelsheim; im Feldscheershause zu Scherfede 
und bei dem Hüttenmanne auf der Eisenhütte 
des Klosters Bredelar. 
Bei dem Wirthe Börger zu Zwerge war es, 
von wo aus, nachdem sich der alte Drucker 
wieder eingefunden hatte, in rascher Folge die 
nachverzeichneten Räubereien begannen: 
1. am 25. oder 26. Januar der Raub bei 
dem siebenundsiebenzigjährigen Pastor 
Schimmelpfeng zu Hümme; 
2. vom 10. auf 11. Februar der Raub bei 
dem Handelsmann Judas Meyer zu Madfeld; 
3. am 13. Februar der Raub in dem Pfarrhause 
zu Alme; 
4. vom 15. auf 16. Februar der Raub bei 
den Herren von Wrehde zu Menne; 
5. vom 20. auf 21. Februar der Raub auf 
der untersten Oelmühle bei Naumburg im 
Niederhessischen; 
6. vom 25. auf 26. Februar der versuchte 
Raub auf der Reichshosmühle zu Vacha; 
7. vom 23. auf 24. März der Raub bei dem 
Lehrer Nagel zu Otterbach im Groß 
herzogthum Hessen; 
8. vom 25. auf 26. Mürz der Straßenraub 
an dem Handelsmann Moses Levi aus 
Gemündeu an der Wohra im Walde 
zwischen dem Kloster Haina und dem Dorfe 
Löhlbach; 
9. vom 16. auf 17. April der Raub bei betn 
Pfarrherrn Rappe zu Welda unb 
10. vom 17. auf 18. April der Raub bei den 
Müllersleuten Striepecke auf der Steinmühle 
an der Diemel bei der Stadt Rohden. 
Als der alte Drucker in Zwerge anlangte, 
fand er seine alte Anne-Marie nicht dort; auch 
wollten seine Spießgesellen ihren Aufenthaltsort 
nicht kennen, obgleich sie recht wohl wußten, daß 
sie auf einem Dorfe nahe bei Volkmarsen mit 
dem „Erkel'schen Schuster" kampiere. Denn als 
der alte Drucker zu Braunschweig „in der Karre" 
ging, hatte sich die Alte mit Jenem, der mit 
seinem Tauf- und Familien-Namen Philipp 
Günterberg hieß, und aus Erkel, wo er das 
Schuhmacherhandwerk betrieben, gebürtig war, 
daher der Spitzbubennamen „Erkel'scher Schuster", 
zusammengethan, welchem mütterlichen Vorbilde 
auch die schöne Gertrud nachahmte, indem sie 
Ersatz für den schwarzen Hann-Adam in dem 
Gilbert Eller, einem Matador der Bande suchte. 
Da die Räuber das cholerische Temperament 
des Alten fürchteten, so verschwiegen sie ihm 
vorläufig die Untreue seiner Anne-Marie, und 
dem großen Hann-Peter blieb es vorbehalten, 
eine gelegentliche Verständigung herbeizuführen. 
Zur Zeit des Raubes im Pfarrhause zu Alme 
(13. Februar) war jedoch diese noch nicht erfolgt. 
Als Stelldichein zu diesem Raube war dazumal 
die Eisenhütte des Klosters Bredelar nugegebeu, 
und auf dieser Hütte war es, wo der alte Drucker 
den Erkel'schen Schuster, in welchem er seinen 
Nebenbuhler noch nicht ahnte, zum ersten Male 
wiedersah. Hann-Peter, der Alles vermeiden 
wollte, was den beabsichtigten „Handel" hätte 
stören können, hielt seinen Schwiegervater unter 
irgend einem Vorwände von der Theilnahme 
und auf der Eisenhütte zurück. Indessen war 
das nur eine Galgenfrist, denn am nächsten 
Tage erhielt er doch Aufklärung und das machte 
ihn so wüthend, daß er erklärte, er werde an dem 
nun geplanten Raube bei den Herren von Wrehde 
nur darum Theil nehmen, weil er hoffe, dabei 
seinen Todfeind treffen und züchtigen zu können. 
Da der „Handel" durch solches Gebühren leicht 
gestört hätte werden können, ging der rothe 
Konrad zeitiger, als verabredet, nach dem be 
zeichneten Sammelplatz, der kleinen Kapelle in 
der Nähe von Menne, um den Erkel'schen Schuster 
zu warnen. Dieser war schon am Platze, hörte 
den rothen Konrad in größter Ruhe an und schien 
es darauf ankommen lassen zu wollen, ja er
        

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