Full text: Hessenland (2.1888)

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eschichle öer 
äuberbanöe des „allen Muckers". 
Von Ludwig Mohr. 
(Fortsetzung.) 
Nach Druckers Gefangennehmung, und während 
er in der Karre ging, hatte der große Hann- 
Peter das Erbe der Führerschaft angetreten. 
Bei dem Einbrüche auf Gut Watzum war auch 
er, wie bereits bemerkt, und sein Schwager 
Hann-Jost Mein betheiligt, ja nach den späteren 
Geständnissen des Mein, wären sie Beide es 
gewesen, die nach geschehenem Raube die be 
trächtliche Menge Silbergeschirrs in einem 
Wäldchen beim sogenannten Klapperkruge ver 
graben hätten; er — Mein — habe dasselbe 
aber später nicht mehr vorgefunden, der Hann- 
Peter habe es ausgegraben und verkauft, 
als Antheil seien ihm später von Jenem 
3 bis 7 Thaler gegeben, während Hann-Peter 
aus dem Erlös eine Kaution von 40 Rthlr bei 
dem Regiment des Herzogs von Braunschweig 
zu Halberstadt, bei das er sich gleich nach dem 
Raube zu Gut Watzum hätte annehmen lassen, 
gestellt habe. Hann-Peter hat das nie zugestanden, 
im Gegentheil behauptet, daß diese Kaution von 
ihm im Handel mit Galanterie-Waaren erworben 
sei. Aber wozu brauchte er bei dem Regimente 
eine Kaution ? fragen wir uns. Die Beantwortung 
wirft ein eigenthümliches Licht auf die damaligen 
Zeit- und Heeres-Verhältnisse. Drei Monate 
im Jahr hatte er zu dienen; die übrige Zeit 
gehörte ihm. Er wurde beurlaubt, trieb während 
des Urlaubs seinen angeblichen Handel, und die 
Preußische Uniform mußte ihm dabei mehr als 
ein Mal, wie aktenmäßig feststeht, über manche 
Fährlichkeit weghelfen. 
Wir würden, als etwas Nebensächliches, den 
Umstand wegen Vergrabung des Silberzeugs 
unberührt gelassen haben, wären wir dadurch 
nicht an einen Feuilleton-Artikel erinnert worden, 
der vor Jahren in einer Zeitschrift irgendwo zu 
lesen war und den Silberfund, den bei Hildesheim 
ein Soldat bei Schanzarbeiten gemacht, zum 
Gegenstand seiner Besprechung hatte. Dieser 
Silberfund, der einst der Tagespresse ein großes 
Material lieferte — hielt man ihn u. A. doch für das 
Tafelgeschirr des Varus, das aus der Teutoburger 
Schlacht hierher geflüchtet und vergraben worden 
sein sollte — wurde von dem Verfasser jenes 
Artikels als wahrscheinlich aus dem Watzumer 
Raube herrührend bezeichnet. Leider sind die 
Gründe, die zu dieser Behauptung angeführt 
wurden, dem Gedächtnisse des Verfassers total 
entfallen. Greifen wir nach diesem Abschweife 
wieder die Geschichte der Drucker'schen Bande 
auf, die sich allgemach wesentlich verstärkte. 
Hann-Peter leitete die Räubereien, theilte diese 
Leitung jedoch zeitweise mit einem aus Polen 
eingewanderten Juden „Mentel Polack", der 
von herkulischem Wüchse war, und in dessen 
Hand die Führung der israelitischen Mitglieder 
lag, die verhältnißmäßig stark vertreten waren. 
In diesem Punkte unterschied sich das Nieder 
hessische Gauner-Gesindel von den Vogelsberger 
und Wetterauer Räubern, die höchst ungern 
duldeten, daß Juden an ihren Unternehmungen 
Theil nahmen; sie brauchten diese blos zur 
Abnahme und zum Verkaufe gestohlener Sachen. 
Die Gauner wechselten ihre Namen, so oft sie 
es für gut fanden oder die Umstände sie dazu 
nöthigten; nur ihre Spitzbuben-Namen, bei denen 
sie sich nannten und kannten, erlitten eine 
Abänderung nie. Wir geben davon in den 
nächsten Zeilen eine Blumenlese und zwar 
der christlichen, als: Weidenbaums Görg; schwarzer 
Liborius; Gilbert Eller; rother Konrad; kleiner 
Michel oder Michelchen; rother Becker; Lieder- 
Konrad; rother Gottlieb; kleiner Heinrich; Hann- 
Töffel; Cöllnischer Wilhelm; Cöllnischer Anton 
oder FlachvordemWind; scheeler Rößler; schwar 
zer Konrad; Kammerjägers-Jungen; langer 
Johann rc.; und der jüdischen: Schmul (der 
Schwiegersohn des schon genannten Mentel Polack); 
Meyer Eleassar, kurzweg Leyser; Joseph Markus; 
Abraham Moses Levi, vulgo Gäul-Afromche; 
Arischer-Leib-Docker; Simon Moses; auch 
„Schimschen" oder „Schamschen" oder „Sabelchen 
Kimm" genannt; Herz Fresser; kleiner Husar; 
Schwarz-Bärchen; Löbchen Hegel u. A. m. 
Ihre Umgangssprache hatte diese Bande mit 
denen anderer Gauner-Verbindungen gemein; es 
war diese Sprache das Vehikel, an dem sie sich 
erkannten und derer Ursprung aus dem Ebräischen 
von ihrer Verbindung mit den Auswürflingen 
der Judenschaft zeugt. 
Man würde sehr irren, wollte man, verleitet 
durch das Wort Bande, sich vorstellen, daß das 
Gesindel ein zusammengerottetes, wohl gegliedertes 
Ganzes mit sogenanntem Räuberhauptmann und 
bestimmtem Unterschlupf gebildet hätte. Sie 
zogen vielmehr vereinzelt im Lande umher, 
hatten ihre Patente und Pässe, trieben tagsüber 
zum Scheine das ehrsame Geschäft von Hausierern, 
Händlern, Zinngießern rc. und blieben nachts in 
Herbergen, deren Wirthe „kochem" (die da 
klug d. h. es mit den Dieben hielten) waren. War
        

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