Full text: Hessenland (2.1888)

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Ueberraschung darüber Ausdruck verleiht, daß 
Föppel noch zu einem guten Schachspieler ge 
macht werde, besonders der Direktion gegenüber. 
„Der Einsender kennt letztere wahrlich nicht," 
ruft der Protestler aus, „denn sonst müßte er 
wissen, daß sie keinem äußern Einflüsse, am 
wenigsten dem eines Opernmitgliedes, Raum 
giebt, und Herr Föppel hat gewiß niemals auch 
nur den entferntesten Gedanken gehegt, zu in- 
flnenziren; denn ein tüchtiger Rivale dürfte ihm 
für sein anerkanntes Streben, täglich fortzu 
schreiten, nur sehr wünschenswerth sein." Aus 
schieden in der Oper, außer der bereits erwähnten 
Soubrette, Mad. Christiany, die Prima-Donna 
Mad. Matys und Dem. Mons. Der Abgang 
der Mad. Matys wurde ebenfalls zu einem 
Zankapfel in den auswärtigen Kunstorganen. 
Don der einen Seite wurden die Forderungen 
dieser Sängerin, bedeutende Gageerhöhnng und 
alleiniges Beherrschen des ersten Faches, in 
welches sie sich mit Dem. Pistor theilen mußte, 
als übertrieben, von der andern jedoch als ganz 
in der Ordnung befindlich hingestellt. Mad. Matys 
sei seit ungefähr einem Jahre für Dem. Meisel 
bach engagirt und ihr nicht allein das von 
dieser vertretene Fach zugestanden, sondern ihr 
von der „Operndiktatur" (damit ist Spohr ge 
meint) auch theils mündlich, theils kontraktlich 
zugesichert worden, daß sie mit Dem. Pistor in 
einzelnen Parthien, wie z. B. Donna Anna, 
Desdemona, alterniren solle. Nichts aber sei 
von alle dem geschehen. Dem. Pistor sei nicht 
nur im alleinigen Besitz ihrer Parthien geblieben, 
sondern habe auch noch Emmeline (Schweizer 
familie), Aloise, Pamyra (in Rossini's Belage 
rung von Korinth) u. a. die sich im Besitz der 
Meiselbach befunden, dazu erhalten. Nachdem 
das Drängen der Mad. Matys um Erweiterung 
ihres Repertoirs und eine damit verbundene 
Gageerhöhung erfolglos geblieben sei, habe sie 
gekündigt und sei jeder Bühne, in deren Ver 
band sie trete, zu gratuliren und vorzugsweise 
Hamburg, wo sie, wie das Gerücht verlaute, 
demnächst gastire, da in dem dortigen akustisch 
gebauten Theater sich ihre kräftig schöne und 
volle Stimme trefflich vernehmen lassen werde. 
Als hervorragend unter ihren dramatischen 
Leistungen werden die „Vestalin" und die beiden 
Jüdinnen in den Halovy'schen und Marschner- 
schen Opern bezeichnet. Ein „Unpartheiischer" 
giebt ferner sein Urtheil über Mad. Matys 
dahin ab: „Eine ganz liebliche, nicht sehr kräf 
tige Stimme, von einem ziemlich vollen und 
runden Klange, eine gute Schule, die ihr jedoch 
die fliegende, Präeise und elegante Gewandtheit, 
welche alle Staffagen und Verzierungen des 
Gesanges leicht und richtig, im schnellen Fluge 
intonirt und markirt, nicht einlernen konnte, und 
ein passendes Sopranspiel (!), wie es fast jeder 
bessern Sängerin fabrikmäßig eingepaukt wird, 
sichern der Mad. Matys ani Künstlcrhorizvnte 
einen ehrenwerthen Platz. Die Dem. Pistor hat 
kräftigere Töne in der Höhe des Sopran, und 
kolorirt mit mehr Geschmack und Volubilität." 
Zu einer weiteren merkwürdigen Erörterung des 
Werthes der Mad. Matys führte auch der Um 
stand, daß der Direktor Ringelhardt in Leipzig 
vier Jahre vor dem Kasseler Engagement für 
zwei Gastrollen ihr nur sechs, nach anderer An 
gabe sogar nur vier Friedrichsd'or ,ü dis- 
cretion“ bezahlt habe. Mad. Matys war da 
mals noch Dem. Beraneck und ehe sie in 
Kassel engagirt wurde, mit Beifall in Han 
nover aufgetreten. Ihre niusikalische Aus 
bildung verdankte sie einem siebenjährigen 
Aufenthalt im Prager Konservatorium, wonach 
sie zunächst als Mitglied der dortigen Oper 
aufgenommen wurde. 
Im Schauspiel-Personal trat zu der ange 
gebenen Zeit auch die Kündigung des in „alten 
Rollen" beschäftigten Carl Schmidt ein, welche 
zu nachfolgendem Erguß Veranlassung gab: 
„Dem Vernehmen nach soll auch der seit sechs 
zehn Jahren bei dem hiesigen Hoftheater ange 
stellte Herr Carl Schmidt seine Entlassung er 
halten haben; wahrscheinlich beruht dies Gerücht 
aber auf einem Mißverstündniß, welches wir 
um so mehr glauben müssen, als sich Herr 
Schmidt in der langen Reihe von Jahren nicht 
allein als tüchtiger Künstler, sondern auch als 
moralisch gebildeter Mann die Achtung des 
Publikums erworben hat. Daß er diese im 
höchsten Grade besitzt, beweist die allgemeine 
Theilnahme, welche sich, als man von einer Ent 
lassung erfuhr, unter sämmtlichen Einwohnern 
Kassels laut aussprach und sich fortwährend 
aussprechen wird, denn einen Künstler, welcher 
seine Blüthenzeit und besten Kräste einer be 
deutenden Hofbühne — und so können wir doch 
wohl die Unsrige mit Recht nennen — opferte, 
kann man wohl nicht ohne wichtige Gründe mit 
einer rechtlichen Familie in die Welt stoßen, 
wenigstens haben wir bis jetzt noch kein Beispiel 
der Art, und eine solche Handlung gehört unter 
die Seltenheiten aller Zeiten." Die Entlassung 
Schmidt's erfolgte jedoch thatsächlich und erhielt 
er eine Gnadenpension von monatlich fünf 
Thalern. *) (Wird fortgesetzt in zwangloser. Folge.) 
*) Einige Details über Schmidt sind in Nr. 10 des 
„Hessenland', voriger Jahrgang, in dem von R.-L. 
versagten Artikel: „Ein Brief Karl Seydelmann's über 
das Kasseler Theater aus dem Jahre 1832" mitgetheilt.
	        

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