Full text: Hessenland (2.1888)

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Erträge zur Geschichte öes Dasselbe Kostheaters. 
Von Wilhelm DenneKe- 
I. 
In den dreißiger Jahren besaß Kassel noch 
nicht so viele Lokalblätter, wie gegenwärtig, in 
welchen die Leistungen des Hoftheaters besprochen 
wurden, dafür geschah das letztere aber um so 
mehr in auswärtigen Kunstorganen, und in den 
selben platzten die Geister der Herren Recen 
senten zeitweise mit großer Heftigkeit aufeinander, 
da natürlich Jeder das von ihm ausgesprochene 
Urtheil nach Möglichkeit vertheidigte. Diese 
öffentlichen Stimmen und sonstige Zeitungs 
mittheilungen seien nun benutzt, um, wenn vor 
läufig auch in bunter Folge, dem Leser Stim 
mungsbilder aus der damaligen Theater- und 
Journalistenwelt vorzuführen. 
Nehmen wir für heute das Jahr 1836, welches 
die öffentliche Aufmerksamkeit in besonderem 
Grade beschäftigt zu haben scheint. Sehr gefühl 
voll beginnt der Kasseler Korrespondent der 
Leipziger „Allgemeinen Theater-Chronik" sein 
Referat über die hiesige Bühne im August des 
genannten Jahres mit den Worten: „Unser 
Theater war, wie jedes Jahr, sechs Wochen ge 
schlossen; Alles sehnte sich nach dem Genusse 
balsamischer Lüfte in Anschauung der Kunst 
ausstellung in der Natur. Wir sahen die blüthen- 
duftenden Kelche sich öffnen, die Rosen lächelnd 
ihre Knospen zur Sonne wenden, und wohl ge 
fiel es uns, hingestreckt unter dem duftenden 
Strauch des spanischen Flieders, wo die grü 
nenden Säulen der Bäume eine Festdekoration 
bildeten. Jetzt aber, wo schon düstere Nebel die 
Ferne umziehen, und sich Naturerscheinungen 
als großartige Wunder der Schöpfung zu be 
kämpfen scheinen, freut es uns, berichten zu 
können, daß am 2. d. M. unsere Bühne wieder 
eröffnet ward." Liest man diese idyllische Er 
öffnungsrede, so wird man es kaum glaublich 
finden, daß die Kasseler Korrespondenten, zumal 
Franz Dingelstedt und der Doktor Lobe sich 
gegenseitig so heruntermachen konnten, wie es 
nach Verlauf weniger Wochen geschah. Das erste 
Stück, welches nach den Ferien zur Darstellung 
gelangte, war Banernfeld's „Bürgerlich und 
romantisch", und wird das danialige Ensemble, 
Bolzmann, (Ringelstern), Mad. Ahrens (Catha- 
rine), Onanier, (Unruh) und Mons, (Sittig), 
als „recht gelungen" hervorgehoben. Als Komiker 
war Herr Meaubert sehr beliebt und wird auf 
dessen vollkommene Wiederherstellung und dem- 
nächstiges Auftreten besonders hingewiesen. Auf 
klärung über die Art der Krankheit des Künstlers 
giebt eine aus Pyrmont vom Juli datirte Mitthei 
lung : „Meaubert, Hofschauspicler von Kassel, hat 
sich einen sehr unglücklichen Schuß beigebracht; die 
Kugel ging durch die Brusthöhle, ohne jedoch 
das Herz zu berühren; die Wunde ist zwar ge 
fährlich, doch nicht geradezu tödtlich, wenn nicht 
andere Umstände dazutreten, die bei seiner großen 
Nervenschwäche fast zu befürchten sein dürften. 
Letztere war so bedeutend, daß er, nachdem er an 
scheinend gesund und von seinem Irrsinn befreit, 
die Heilanstalt verlassen, nach einer Viertelstunde 
Sprechens ohnmächtig wurde." Meaubert blieb 
noch bis zum Oktober im hiesigen Engagement 
und ging dann nach Breslau. Der Kasseler 
Korrespondent schreibt darüber in der „Theater- 
Chronik" vom 14. September: „Die Altäre des 
Komns stehen nunmehr, nachdem sie kürzlich 
sehr besucht waren, auf hiesiger Bühne leer und 
verwaist. Herr Meaubert, früher in Dresden, 
in Braunschweig und nachher am hiesigen Theater 
für komische Parthien cngagirt, verläßt uns, dem 
Vernehmen nach, eine größere Kunstreise zu 
machen, und zunächst in Breslau zu gastiren. 
Der Antheil und die Liebe des Publikums be 
gleiten ihn, theils weil er als Schauspieler all 
gemeinen Beifall fand, theils weil man an das 
traurige Intermezzo aus dem Leben dieses 
Mannes, der so viele Andere heiter gemacht, 
noch immer mit Theilnahme zurückdenkt. Er war, 
einzig wohl in Folge körperlicher Leiden, in ver- 
wichenem Frühjahr eine Zeit lang gemüthskrank 
und deswegen außer Stande, am Theater fort 
zuwirken. Daß jede, auch die geringste Spur 
dieser Störung verschwunden, bewies sein zwei 
maliges Auftreten in dem letzten Monat, als
        

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