Full text: Hessenland (2.1888)

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„Mein lieber Fritz! 
Seit Deinem gütigen Besuche in Barmen hab' ich 
von Dir nichts gehört und gesehen und Du magst Dich 
wohl recht wundern, ein Blatt von meiner Hand zu 
erhalten. Leider ist die Veranlassung keine erfreuliche. 
Der traurige Gesundheitszustand Deiner armen Schwester 
gibt sie mir. 
Zu Teplitz sah ich Deinen Schwager, den Herzog, 
täglich. Cr sprach mir mit dem tiefsten Gefühl der 
Liebe und Besorgniß von dem Zustande der lieben Marie 
und versicherte mich wiederholt auf das Bestimmteste, 
daß er sowohl als die Aerzte zu der Ueberzeugung ge 
kommen seien, ihre Genefung, ihr Leben, hänge viel 
nrehr als man es glauben könnte von Dir, lieber 
Fritz, ab; denn die Besorgniß Deine brüderliche Liebe 
verlohren zu haben, unlergrabe ihre schon geschwächte 
Gesundheit u. sey sogar ihr Leben in Gefahr. 
Sobald ich das gehört u. mich überzeugt hatte, daß 
das kein fa^on de parier sondern tiefer Ernst beym 
Herzog war, nahm ich mir fest vor, Dich, lieber Vetter, 
davon auf irgend einem Wege in Kenntniß zu setzen. 
Und nach langer reiflicher Ueberlegnng glaub' ich den 
besten u. rechten zu wählen indem ich mich im Ver 
trauen an Dich selbst wende u. Dir offen erzähle was 
ich gehört u. was mich so tief bewegt weil ich nicht 
zweifeln kann, daß es wahr sey. — Es ist nur zu er 
klärlich, daß man sich gehüthet hat, Dir so Trauriges 
mitzutheilen; ja es ist von der Art, daß es Dir nur 
von einem nahen Verwandten den Du stets mit Deinem 
Vertrauen beehrt hast, mitgetheilt werden konnte. Nun 
weißt Du es. — Jetzt aber beschwöre ich Dich, lieber 
Fritz, verliere keine Zeit! Gewiß Dein Bruderherz sucht 
schon nach Mittel u. Wegen. Wähle nicht lange. Thue 
das Erste das Beste was Dein Herz Dir angibt. Nur 
einen Beweis der Liebe, sey's eine theilnehmende Er 
kundigung zu Meiningen, ein paar Zeilen von Deiner 
Hand, ein kleines Angebinde so recht geschwisterlich, 
späther vielleicht einen kurzen Besuch; doch verzeihe mir, 
lieber Fritz, Du wirst schon das Beste wählen u. Gott 
wird Dich° segnen. Ich weiß ja, wenn Du auch Ur 
sachen zur Verstimmung hast — die sind todt u. be 
graben, sobald Du Deine liebe Schwester in Gefahr 
weißt. 
Nun lebe wohl, lieber Vetter, u. glaube, daß Du 
durch die Beweise von Theilnahme für Marie ihr selbst 
keine größere Freude machen wirst als nur, denn ich 
gestehe es, ich bin so stolz zu glauben Du werdest es 
auch ein Wenig aus Freundschaft für mich thun; ich 
verdiene es wegen meiner alten, treuen Liebe zu Euch 
Allen. 
Dir ganz vertrauend u. mich Dir herzlich empfeh 
lend, mein lieber Fritz! 
Dein 
Berlin, 10. November treuer alter Vetter 
1835. Friedrich Wilhelm." 
Der königliche Detter hatte Recht: der Kur 
fürst fand nicht nur Mittel, die Schwester von 
seiner brüderlichen Liebe zu überzeugen; er fand 
auch sofort den Weg nach Meiningen und hatte 
dann die Freude, die Herzogin bald aller Gefahr ent 
rissen zu sehen. Ihre letzte Anwesenheit in Kassel 
unter der Regierung ihres Bruders siel in das 
Jahr 1865. Der Kurfürst war damals selbst 
bedenklich erkrankt und Herzogin Marie 
eilte deshalb von Meiningen an sein Kranken 
lager. Wer erinnert sich nicht noch in Kassel 
der Ovationen, denen die hohe Frau überall be 
gegnete, wo sie sich öffentlich zeigte, und mit 
welchen Gefühlen verließ sie die „ihr so theuere 
Stadt", als auch ihr die Freude zu Theil wurde, 
den Bruder wieder genesen zu sehen! 
Daß auch das Leid nicht an ihr vorüber 
ging, wen kann das Wunder nehmen? Keines 
Menschen Leben ist ohne alles Leid. Sie selbst 
spricht sich in einem Briefe vom 3. Oktober 1880 
in diesem Punkte so schön aus, wenn sie sagt: 
„trotz vielem Leid, was ja in einem langen 
Leben nicht ausbleiben kann, habe ich im Laufe 
desselben auch des Guten so unverdient und viel 
genossen, daß, wenn es mit dem Herzog vereint 
geschehen kann und Gott mir Diejenigen erhält, 
die meinem Herzen theuer sind, ich auch recht 
gern noch länger lebe." 
Mag nun auch der Tod des einen oder anderen 
Gliedes ihrer von Liebe umschlungenen Familie 
manche Wunde geschlagen haben, — Wunden der 
Jugendzeit waren ja ohnehin unter ihrem schönen 
Familienleben vernarbt, — mag es auch unend 
lich schmerzlich für sie gewesen sein, nur drei 
Jahre vor dem Feste der diamantenen Hochzeit 
den theueren Gemahl zu verlieren: sie konnte 
doch auch, wie sie selbst anerkennt, auf „vieles 
Gute", auf reiche Freuden im Leben zurückblicken, 
woran das ganze Land Meiningen dann eben so 
innigen Antheil nahm, wie an ihrem Leid. 
Ihre Kinder und ihre Enkel, — welche Lust ge 
währten sie dem Herzen der zärtlichen Mutter 
und wie waren sie Alle bemüht, ihr Freude zu 
bereiten! Selbst ihr Alleinsein in den letzten 
Jahren ihres Lebens suchte Jedes so wenig fühl 
bar als möglich zu machen; besonders hatte es 
sich der kunstsinnige Sohn, Herzog Georg, von 
dem einst Bechstein sang: 
Du stehst verklärt einst von des Nachruhms Glanze, 
Unsterbltch — in der Mediceer Kranze. — 
besonders dieser hatte es sich zur Aufgabe ge 
macht, alltäglich der Mutter Gesellschaft zu 
leisten, die dann mit regem Interesse des er 
lauchten Sohnes Ideale in seinem eigenen künst 
lerischen Schaffen verfolgte, wohl wissend, daß 
die Kunst ein Graal ist, der auch für den 
Fürsten die geweihte Schaale bildet, „daraus 
die Menschheit trinkt vom Göttermahle." 
Als ihr Enkel, der Erbprinz Bernhard sich 
im Jahre 1877 mit Prinzessin Charlotte, der 
ältesten Tochter des deutschen Kronprinzen ver 
lobte, durchzuckte wohl anfänglich eine nur weh 
müthige Freude ihr Herz. Der Name Charlotte 
erinnerte sie an die zu früh verblichene und 
ebenfalls kunstbegabte erste Gemahlin ihres Sohnes 
und rief politische traurige Erinnerungen in ihr 
wach. Doch ihre große Seele siegte über Beides. 
„Der Bund ist aus gegenseitiger Herzensneigung 
geschlossen", schrieb sie unterm 30. April, „und 
Bernhard fühlt sich im Besitze seiner allerliebsten
        

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