Full text: Hessenland (2.1888)

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Der Alte sah Marielies an, als ob er seinen 
Ohren nicht traue. Nach den letzten Schilderungen, 
die er ühMMMesen gehört, hätte er sicher so 
viel Liebe ste ll Thier nicht von ihr erwartet. 
Eine Weile schloß er nun die Augen zu und zog 
die Stirn in so krause Falten, als denke er über 
etwas scharf nach, dann war es plötzlich, als fliege 
etwas Blitzendes über sein Antlitz. Man sah es 
an dem schmunzelnden Ausdruck der runzligen 
Züge, Bast hatte nicht vergeblich gegrübelt und 
etwas recht Wirksames gefunden. 
„Sag einmal, Dirn'", begann er dann, „hast 
du denn auch wirklich so viel Kurasche, wie man 
von deiner Gestalt erwarten sollt'?" 
„Ei freilich, Bast", gab das Mädchen beherzt 
zurück. „Wann's gilt den Schimmel zu retten, 
der mein' Vater selig vor dem Geschoß vom 
Wilderfritz fortgetragen hat, dann mach' ich 
selbst 'nen Gang in den Geisterschlag.,, 
„Na, das ist grad uit nöthig. Aber du mußt 
morgen abend gegen halber sechs vorm Geläut 
durch den stillen Grund gehen und nachher auf 
dem Woddensberg 'ne schwarze Nießwurz langen. 
Kennst doch das Gewächs, das mitten im Winter 
die schönen weißen Blumen hat?" 
„Gewiß, Bast, ich kenn's ganz genau. Aber 
was soll dann mit der Nießwurz geschehn?" 
„Die läßt du den Hannes in den drei höchsten 
Namen dem Schimmel mit 'nem Heftpflaster au 
das Geschwür kleben. Wann das nit hilft, dann 
ist naut mehr zu machen. Morgen gegen Abend 
will ich einmal selbst nach dem Gaul gucken." 
Marielies dankte dem Alten herzlich für seinen 
guten Rath und fragte nach ihrer Schuldigkeit. 
Der Kräuterbast erklärte jedoch, erst dann einen 
Lohn nehmen zu können, wenn das Mittel dem 
kranken Pferd etwas genützt habe. Anfangs wollte 
das Mädchen nicht darauf eingehen, als aber der 
Alte sagte, er pflegte selbst bei den Reichsten 
nicht von seiner gewohnten Regel abzulenken, er 
hob sie sich, um fortzugehen. 
In diesem Augenblick faßte Bast ihre Rechte 
und sagte , indem er einen erstaunten Blick über 
sie hingleiten ließ: „Bist doch 'ne statiöse Dirn', 
Marielies! Warum freist du denn nur nit, hast 
doch gewiß schon längst das Geriß?" 
Das Mädchen wurde über und über roth und 
strich sich vor Verlegenheit die Schürze glatt. 
Erst nach einer Pause entgegnete sie: „Der Rechte 
ist halt noch nit dagewesen, Bast." 
„Schau, schau, der Rechte war noch nit da!" 
erwiderte der Alte schmunzelnd. „Das ist natür 
lich nur ein Bursch, der ebensoviel einbringt, als 
dem Jochenhauues selig seine reiche Erbdirn'?" 
„Wo denkt Ihr denn hin!" versetzte Marielies 
wahrhaft erschrocken. „Ich habe Geld und Gut 
genug und nehm' nur einen, der mich zuerst ein 
bissel lieb hat. — Freilich, der wird wohl nimmer 
kommen!" 
„Ei, weshalb denn nit, wenn ich fragen darf, 
Dirn' ?" 
Um die frischen Lippen des Mädchens spielte 
ein schmerzliches Lächeln. Dann entgegnete sie 
mit einem Anflug- leidenschaftlicher Gereiztheit: 
„Weil ich ohne mein Geld und Gut gewiß keinem 
Bursch' im ganzen Kirchspiel in die Augen stechen 
thät. — Aber als Zugab' laß ich mich nun ein 
mal nit freien, lieber bleib ich all mein Lebtag 
ledig. Hab' ich nicht recht, Bast?" 
„Gewiß", hast grad so recht wie en armer 
Bursch, der einmal zu mir gesagt hat, er hätt 
'ne reiche Erbdirn' so über die Maßen gern, daß 
er sie der Reichsten vorzög' und wenn sie so blutarm 
wär' wie die lahme ©ritt im Gcmeindshaus. 
Weil aber nun grad das Gegentheil davon der 
Fall ist, dcrnthalb thut er sich, grad wie du auch 
naut vergeben." 
Marielies hatte sich bei den Worten des Alten 
entfärbt. Ihre Brust wogte heftig, die Finger 
verschlangen sich fest ineinander, während sie den 
Kräuterbast gespannt forschend ansah und mit 
unsichrer Stimme fragte: „Darf ich wissen, wer 
der Bursch ist, der das zu Euch gesagt hat?" 
Der Alte tupfte sich mit dem Zeigefinger in 
die Augenwinkel, als ob ihm etwas hineingeflogen 
sei. Wäre Marielies nicht so erregt gewesen, 
sic hätte bemerken müssen, daß es ihm trotz dieser 
Bewegung nicht gelang, ein schalkhaft heiteres 
Lächeln zu verbergen. Dann erwiderteer: „Nein, 
Dirn', das kann ich dir nit sagen, ohne mein 
Wort zu brechen, und so aut hab ich all mein 
Lebtag noch nit gethan. Aber was liegt dir denn 
auch an dem armen Bursch! Wir wollen lieber 
noch 'eu wink von dei'm Rechten schwätzen." 
Ganz verlegen wußte Marielies nicht, was sie 
darauf erwidern solle. Gar gern hätte sie den 
Namen gekannt, aber sie schämte sich nach der 
entschiedenen Abweisung des Alten noch weiter 
zu forschen. Bast aber that, als merke er nicht, 
was in ihr vorging, und fuhr fort: Ein Mittel 
giebt's schon, Dirn', damit du dir dein' Rechten 
ausfindig machen kannst. Ich hab's schon mehr 
Weibsleut von deiner Art gerathen." , 
(Fortsetzung folgt.) 
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