Volltext: Hessenland (2.1888)

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Laufe der Zeit der Stammvater und das Haupt 
einer weitverzweigten Räubersippe wurde. Es mag 
das um das Jahr 1774 gewesen sein; er nannte 
sich damals „Johann Seipel," welchen Namen 
er, seitdem er aus dem Gefängnisse zu Homberg 
ausgebrochen war, angenommen hatte, und auf 
welchen er seine Kinder taufen ließ. Mit dieser 
Flank trieb er einen Porzellan-Handel und 
nebenbei gelegentlich das Geschäft der Langfingerei. 
— Der Krug geht jedoch solange zu Wasser, bis 
er bricht. Im Jahre 1777 ward er abermals 
gefänglich eingezogen und kurzer Hand von dem 
Gericht an eine Preußische Werbung abgegeben. 
Solche Auslieferungen von Verbrechern von 
Seiten der Gerichte an die überall in den deutschen 
Territorien sich befindenden Oesterreichischen und 
Preußischen Werbe - Stationen waren in jener 
Zeit an der Tages-Ordnung; es war das ein 
Auskunftsmittel, das bei beiden Theilen sich einer 
gewissen Beliebtheit erfreute: den Heeren schaffte 
es auf die billigste Weise Rekruten, und die Ge 
richte wurden durch dies Verfahren langen und 
nicht selten beschwerlichen Prozeduren überhoben. 
Freilich kamen diese Werbungen auch sehr oft den 
Verbrechern zu statten, indem sie den Gerichten 
(waren sie entwichen oder wurden sie verfolgt) da 
durch ein Schnippchen schlugen, daß sie unter 
fremden Namen Handgeld nahmen. 
Stelzener oder Seipel, wie er jetzt hieß, kam 
wieder nach Wesel, wohin ihn seine Anne-Marie 
begleitete und machte 1778 den Feldzug in Bayern 
mit. Darnach ging er als Kolonist nach Polen, 
von wo er 1781 mit seiner Genossin zurückkehrte. 
Nach seiner Rückkehr suchte er sich eine andere 
Gegend aus, wo man ihn und seine Vergangen 
heit nicht kannte. Er trieb sich bald im Pader- 
born'schen, bald im Braunschweig'schen umher, 
seinen Aufenthaltsort stets wechselnd und damit 
beschäftigt, Linnenzeug der Landbevölkerung zu 
drucken. Von dieser Hantierung rührt sein 
späterer Gaunernamen: „Der alte Drucker" 
und der seiner Anne-Marie: „Die alte 
Druckerin" her. 
Ueber ein Jahrzehnt trieb er es auf diese 
Weise. Da gerieth er in die Gesellschaft seiner 
Schwäger, deren Namen in den Gerichtsannalen 
als „Hann-Karl" und „Philipp Franke" 
berüchtigt sind. Mit diesen führte er im Pader- 
born'schen verschiedene Diebstähle aus, und gar 
bald ward in dieser Gesellschaft der Gelegenheits 
dieb zu einem Dieb und Räuber von Profession 
schlimmster Sorte; denn, einmal dahin gekommen, 
war es sein Dichten und Trachten: Gleichgesinnte 
zu einer Bande um sich zu sammeln, mit welcher 
er das Geschäft — um uns so auszudrücken — 
schwunghaft betreiben könne. Das Mittel dazu 
mußten seine inzwischen herangewachsenen Töchter 
abgeben, die — sämmtlich nicht häßlich — (die 
dritte war sogar von solcher Schönheit und 
jugendlicher Frische, daß sie in ihren Kreisen die 
„schöne Gertrud" hieß) er an Gauner von Ruf 
verkuppelte, so 1795 die älteste, Christiane, an 
den „großen Hann-Peter," die zweite, Ja 
kobine, vulgo „Druckers Dickes," an den 
„Hann-Jost Mein" und die dritte, die schöne 
Gertrud, an den „schwarzen Hann-Adam". 
Letzterem, dessen Tauf- und Familien - Namen 
Johann Adam Wenderoth war, werden wir in 
dieser Skizze noch mehr als ein Mal begegnen. — 
Diese Drucker'sche Sippe, zu welcher noch der 
älteste Sohn, der sogenannte „DruckersHannes," 
welcher von dem Räuber „Stumpf-Hannes," 
auch „Stumpf-Arm" genannt, aus der Taufe 
gehoben worden war, und einige andere zu rechnen 
sind, die mit ihr verschwistert und verschwägert 
waren, als der „Mannes," ein Schwestersohn 
der alten Druckerin, der Erkel'sche Schuster 
u. a. m. bildeten den ursprünglichen Stock, aus 
welchem die später weitverzweigte Verbrecher- 
Bande erwuchs. 
Eine Reihe von Jahren trieb diese Familie 
ihr Unwesen, ohne daß es den Gerichten gelang, 
der frechen Diebe und Einbrecher, deren Namen 
man nicht einmal zu kennen schien, habhaft zu 
werden, bis endlich nach einem Einbrüche bei dem 
Kammer - Rath Hecht zu Gut Watzum im Hildes- 
heim'schen im Jahre 1801 der alte Drucker, der 
schwarze Hann-Adam und Druckers Dickes in dem 
Kruge„Zum Lämmchen" im Preußischen AmteHorn- 
burg als des Raubes verdächtig arretirt wurden. 
Bei diesem Einbrüche stiegen die Räuber, be 
stehend aus dein alten Drucker, dessen drei 
Schwiegersöhnen und deren Frauenzimmern, auf 
einer hohen Leiter durch das Fenster der Milch 
kammer ein, durchstöberten bei brennender Lunte 
das Haus, erbrachen Thüren, Schränke, Kisten 
und Kasten, ohne daß die Hans-Jnsaßen er 
wachten und raubten eine bedeutende Menge 
werthvollen Silbergeschirres, Tischzeug, Linnen, 
Bettwerk und andere Sachen. 
Der alte Drucker und der schwarze Hann-Adam 
wurden nach Braunschweig ausgeliefert und durch 
den dortigen Stadtmagistrat durch Urtheil vom 
5. Januar 1803 jeder auf fünf Jahre zur 
„schweren Karre" verurtheilt. Der alte Drucker 
figurirte in diesem Prozesse als „Johann Ernst 
Ludwig" aus „Berlin," als welcher er auch ab 
geurtheilt ist. Schon um Weihnachten 1805 ent 
ließ man ihn, rmd zu Neujahr 1806 traf er in 
Zwergen im Niederhessischen bei der Bande wieder 
ein, die, durch seilte Ankunft neu belebt, in dem 
Zeitraum von wenigen Monaten zehn Räubereien 
verübte, welche mit den größten Gewaltthätig 
keiten verknüpft waren. (Fortsetzung folgt.) 0W V
        

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