Full text: Hessenland (2.1888)

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man das Beste, was die Tischbein in der Portrait 
malerei hervorbrachten, schätzte, es erblaßt neben 
den Meisterwerken von Malern wie Richter, 
Angeli, Lenbach und Kaulbach. 
Die Natur, unentstellt durch Perrücke und 
Schönpflästerchen, ist wieder in ihre Rechte ge 
treten und ein frischer Hauch durchweht das 
Kunstschaffen der Gegenwart. 
eschichte der 
äuberbanöe öe§ „alten 
Von Ludwig Mohr. 
Druckers". 
om sieben und zwanzigsten Oktober bis zehnten 
November des Jahres Eintausend achthundert 
und zwölf wurden die Bewohner der weiland 
Königlich Westphälischen Haupt- und Residenz 
stadt Kassel durch : öffentliche Verhandlungen in 
Athem gehalten, die in einem Saale des rechten 
Flügels von dem alten Landgrafen-Schlosse statt 
fanden, welcher bei dem großen Schloßbrande im 
November Eintausend achthundert und elf stehen 
geblieben war, und die mit der Verurtheilung 
eines Theiles jener zahlreichen und verwegenen 
Gauner- Räuber- und Vagabunden- Sippe ab 
schlössen, die länger als zwei Jahrzehnte ihr Un 
wesen in den Fulda- und Werra- Departements 
des Königreichs, also in Niederhessen und den 
angrenzenden Nachbargebieten, trieb. 
Wie nachhaltig dieses Vorkommniß auf die 
Gemüther der Zeitgenossen wirkte, mag ^aus dem 
Umstande erhellen, daß sich die Kunde davon im 
Laufe der Zeit im Munde der Bevölkerung zu 
dem Märchen gestaltete, die weitläufigen Keller 
gewölbe unter den Anfängen der Kattenburg 
hätten einer Räuberbande zum Schlupfwinkel 
gedient. 
Auf Grund der Anklage-Akte des General- 
Prokurators des Königs, Freiherrn von Hanstein 
zu Marburg, der einschlägigen Gerichtsverhand 
lungen und Mittheilungen von Zeitgenossen werden 
wir versuchen, in gedrängter Kürze eine Geschichte 
der verurtheilten Räubersippe und damit einen 
Beitrag zu der Geschichte der gesellschaftlichen Zu 
stände zu Ansang dieses Jahrhunderts zu liefern; 
verwahren uns jedoch von vornherein gegen die An 
nahme, als beabsichtigten wir einen Räuber-Roman 
ä la Spieß, Kramer und Genossen zu schreiben. 
Der Stifter jener wandernden Diebes- und 
Räuber-Gesellschaft war Johannes Stelzener, ein 
aus Brotterode im Schmalkaldischen gebürtiger 
Papiermacher, dessen Vater aus Sachsen stammte 
und dort einwanderte. Der junge Stelzener war 
noch nicht zehn Jahr alt, als er den Vater durch den 
Tod verlor und zählte noch nicht vierzehn, als 
er das elterliche Haus verließ, weil ihn die 
Mutter — die sich wieder verheirathen wollte, 
und der er im Weg gewesen zu sein scheint — 
mißhandelt hatte. Er ging auf Tagelohn in 
eine Papier-Fabrik der Umgegend. Acht Jahre 
hielt er es darin aus; dann aber bewogen ihn 
eine eingetretene Theuerung und die geringen 
Verdienste, diese Beschäftigung aufzugeben und 
nach Frankfurt a. M. zu wandern, andere zu 
suchen. Da er jedoch dort eine solche nicht fand, 
die Sparpfennige auf die Neige gingen, und 
die Noth an ihn herantrat, suchte er eine 
Preußische Werbung auf und ward Soldat. Er 
war zwei und zwanzig Jahre alt, als er in Wesel 
den bunten Rock anzog. Die strenge Preußische 
Mannszucht scheint jedoch dem, an ein ungebundenes 
selbstständiges Leben gewöhnten Burschen auf die 
Dauer nicht zugesagt zu haben; denn schon nach 
zwei Jahren sehen wir ihn fahnenflüchtig 
die Wetterau »agierend durchstreifen. Zu seinem 
Verderben machte er auf diesen Fahrten die Be 
kanntschaft einer liederlichen Dirne, der Schwester 
des später zu Marburg Hingerichteten Räubers 
„Stumpf-Hannes", Gertrude Keller, that sich 
mit ihr zusammen und fing einen Tassen-Handel 
an. Durch sie kam er mit den Mitgliedern der 
Wetterauer - Räuberbande, bekannt unter dem 
Namen „die Platten"*), in Fühlung. Mer 
Jahre trieb er es in dieser gesegneten Gegend 
und dem nahen Vogels-Gebirge, bis er eines 
Tages mit seiner Begleiterin wegen eines Linnen 
tuch-Diebstahls, den er in Verbindung mit dem 
berüchtigten Gauner „Wilhelm Guntermann" zu 
Haine ausgeführt hatte, gefänglich eingezogen 
wurde und nach Kassel ausgeliefert werden sollte. 
Auf dem Schube nach dort ging er jedoch mit 
seinen Begleitern aus dem Gefängnisse in Hom 
berg, den sogenannten „Bohlen," „auf Reisen," 
was aus der Diebessprache in das ehrliche Deutsch 
übersetzt, soviel heißt, als er brach aus. Kurze 
Zeit darauf tauchte er in der Umgegend von 
Wetzlar auf, wo er ein neues Verhältniß mit 
einer Person gleichen Gelichters wie die Keller, 
„Anne-Marie Flank," einging, durch die er im 
*) F. L. A. von Grolmann. Aktenmüßige Geschichte 
der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden. Gießen 
1813, pag. 205.
        

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