Full text: Hessenland (2.1888)

Alle, welche das Glück hatten, dieser über alles 
Lob erhabenen einzigen Fürstin und Frau im 
Leben näher zu stehen. 
Hessens Prinzessin M a r i e F r i e d e r i k e W i l- 
helmine Christiane, geboren zu Kassel den 
6. September 1804, war die zweite Tochter des 
Kurfürsten Wilhelm II. und dessen Gemahlin, 
der Kurfürstin Auguste, geb. Prinzessin von 
Preußen, einer Schwester des Königs Fried 
rich Wilhelm III. Es waren also König 
Friedrich Wilhelm IV., KaiserWilhelm I., 
Kurfürst Friedrich Wilhelm I. und die 
Herzogin Marie rechter Geschwister Kinder und 
die verwandtschaftlichen Beziehungen der Höfe 
von Berlin, Kassel imb Meiningen sehr nahe. 
Prinzessin Marie verlobte sich am 15. März 
1825 mit dem jungen Herzog Bernhard 
Erich Freund von Sachsen-Meiningen. Es 
war ein Bund, von dem man schon länger ge 
sprochen hatte, weil nicht die Politik, sondern 
die eigenen Herzen die jungen Herrschaften zu 
sammenführte. Acht Tage später, am 23 März, 
fand dann im Kurfürstlichen Bellevue-Schlosse 
die Bermählnngsfeierlichkeit statt und zwar mit 
einer außerordentlichen Prachtentsaltung, wobei 
namentlich auch der, seit Konstantin dem Großen 
an den verschiedensten Höfen eingeführte, in 
Hessen aber damals außer Mode gewesene Fackel 
tanz wieder in das Festprogramm des Kurfürst 
lichen Hofes aufgenommen wurde. Dieser Fackel 
tanz gewann damals sogar ein besonderes In 
teresse, indem Spohr, der eben die ersten 
Stufen seines Ruhmes erstieg, dafür eine eigene 
Musik schrieb, nämlich seine eben so reizende als 
nachmals berühmt gewordene Faustpvlonaise, deren 
edele Form alle Welt so sehr entzückte, daß seit 
dem. selbst noch in der jüngeren Generation, 
Fanstpolonaise und Prinzeß Marien's Hochzeit 
tu Kassel gewissermaßen in einen Begriff ver 
schmelzen. Spohr hatte übrigens auch eigens 
für diese Feierlichkeit seinen „Berggeist" kom- 
ponirt. 
Fr. Müller, der Nestor der Kassel'scheu 
Künstler, rühmt aus jener Zeit „den herzgewin 
nenden Liebreiz der fürstlichen Braut und die 
männliche Schönheit des fürstlichen Bräutigams;" 
allein beide bezeugten, daß die Schönheit des 
reiferen Alters die höchste der menschlichen Er 
scheinung ist, denn in einem Alter, welches ein 
volles halbes Jahrhundert weiter zählt als der 
Müller'sche Ausspruch, war die Herzogin erst 
recht eine schöne, edele und herzgewinnende Er 
scheinung , während des Herzogs hohe, ritterliche 
Gestalt noch nichts von ihrer „männlichen Schön 
heit" eingebüßt hatte. Und wenn es damals in 
Hessen hieß, mit der Prinzessin Marie sei eine 
der guten Genien aus dem Hessenlande geschieden, 
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so begreifen wir heute voll und ganz die inhalts 
reichen Worte, welche von den Ufern der Werra 
zu uns Hessen herüberdringen: „Eine Her 
zogin Marie bleibt unvergessen für alle 
Zeiten!" Ja, welches Volk könnte eine Fürstin 
vergessen wie diese: zielbewußt in all' ihrem 
Thun; jeder ihrer Wege die Spuren ihres segens 
reichen Wirkens hinterlassend; eine evangelische 
Christin voller „selbstlosen Liebe und demüthigem 
Glauben;" eine Mutter des Landes in des 
Wortes edelster Bedeutung; eine Samariterin 
den Kranken und eine Wohlthäterin der Armen, 
und bei alle dem — eine Königin ans dem 
Throne, die zugleich stolz darauf war, daß 
ihre Wiege im Lande zu Hessen gestanden hatte, 
so daß eine ihr nahe gestandene Dame sie mit 
besonderer Vorliebe „die beste Hessin" nannte! 
War sie doch eine von allen deutschen Rcgenten- 
familien hochverehrte Fürstin; und gewiß, es 
gibt nicht einen deutschen Hof, an welchem die 
Nachricht von diesem Tode nicht ein schmerzliches 
Gefühl hervorrief. 
Und wie sie selbst von aller Welt geliebt 
wurde, so liebte sie ihre alte hessische Heimath 
und umfaßte mit gleicher Liebe ihre neue Hei 
math , ihr theueres Meininger Land. „Wie 
lieb ich mein Vaterland habe", schrieb sie noch 
im Oktober 1884 dem Stadtrath der Residenz 
stadt Kassel, „empfand ich mit voller Macht, als 
ich vor einem Monate dahin kam, um die Gräber 
meiner geliebten Mutter und Geschwister zu be 
suchen , denn trotz allen für mich so traurigen 
und schmerzlichen Wechsels behielt die Freude, 
mein geliebtes Kassel wieder zu sehen, doch die 
Oberhand in meinem Herzen. Gott behüte die 
mir so theuere Stadt und lasse seinen Segen 
auf meinem geliebten Hessenlandc ruhen, an 
dessen: Wohl und Wehe ich nie aufhören werde, 
den innigsten Antheil zu nehmen." 
Mit unendlicher Zärtlichkeit und Liebe hing 
sie auch an ihrem Gemahl, dem im Jahre 1882 
verstorbenen Herzog, sowie an ihren Kindern, 
dem jetzt regierenden, hochsinnigen Herzog Georg 
und ihrer Tochter Auguste, vermählten Prin 
zessin Moritz von S a ch s e n - A l t e n b u r g. 
Doch hing sie zugleich mit unendlicher Liebe an 
ihrem einzigen Bruder, dem Kürfürsten Fried 
rich Wilhelm I., so daß sie einst von einer 
schweren Krankheit heimgesucht wurde, als sich 
im Leben einmal ein Mißto» zwischen Bruder 
und Schwester eingeschlichen hatte, den jedoch der 
nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. 
in einem Briefe an den Kurfürsten damals in 
völlige Harmonie auflöste. Der Brief zeigt ein 
so schönes inniges Verhältniß zwischen den fürst 
lichen Geschwisterkindern, daß er werth erscheint, 
der Vergessenheit entrissen zu werden. Er lautet:
	        

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