Full text: Hessenland (2.1888)

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deinen Anschauung erst lebensfähig und lebendig 
vor das Auge trat. 
Als Bonito der Direktor der Akademie plötzlich 
starb, bat Tischbein den König ihm dies Amt zu über 
tragen, für welches man Raphael Mengs im Auge 
hatte, indem er seine große Liebe zur Kunst be 
tonte und den Wunsch, den Gang der Studien 
an diesem Institut in ein besseres Geleise zu 
bringen. Dagegen wurde heftig intriguirt und 
besonders hervorgehoben, daß den Deutschen bei 
ihrer Kälte und ihrem Phlegma das höhere Wesen 
der Kunst unerreichbar sei. Auf solche Behaup 
tungen gründeten die Gegner der Tischbein'schen 
Kanditatur ihren Plan. 
Der Tag kam heran an dem man sich auf die 
Kanzlei zu begeben hatte, um den Willen des 
Königs zu erfahren. Die Konkurrenten fanden 
sich im Sekretariat des Prinzen Belmonte ein, 
wo ihnen sofort die Bedingungen des Programms 
vorgelesen wurden. ..Seine Majestät verlangt 
eine Probe des Talentes mit dem der Maler 
begabt sein muß, um ohne Vorbereitung die Skizze 
eines historischen Gemäldes zu entwerfen, ohne 
irgend welche Hülfsmittel. Wer diese Beding 
ungen annimmt, muß sich in ein Zimmer ein 
schließen lassen, zwischen leeren Wänden, ohne 
Papier, ohne Kupferstich und nur mit dem ab 
solut Nothwendigen in der Tasche. Die zu be 
malende Leinwand hat 6 Fuß Länge und 3 Fuß 
Höhe. Jeder Bewerber bereitet seine Leinwand 
vor und wird das Sujet bekannt gegeben, und 
endlich muß die Skizze in 3 Wochen beendet sein." 
„Ich bin erstaunt, rief T- aus, daß man eine Skizze 
verlangt um die Direktorstelle zu erhalten. Ich 
hätte gewünscht ein großes Bild zu malen, über 
welches Jeder ein Jahr hätte nachdenken können 
und zeigen, was er kann; ein Gemälde mit weib 
lichen und männlichen Figuren, nackten und dra- 
pirten, denn solche zu malen muß der Professor 
der Akademie die Schüler lehren. Da man aber 
anderer Meinung ist, so bin ich bereit die Skizze 
nicht nur in 3 Wochen, sondern in 3 Tagen zu 
machen und handelt es sich nur um einen Entwurf 
— darin besteht die Geschicklichkeit — so werde 
ich ihn in 3 Stunden machen. Und endlich, da 
mit man sicher ist, daß ich mich keiner fremden 
Hülfe bediene, verlange ich nicht in einem ein 
geschlossenen Zimmer zu arbeiten, denn man kann 
nicht wissen was jeder thut — sondern öffentlich 
in Gegenwart einer zahlreichen Gesellschaft, in 
Gegenwart der versammelten Mitbewerber, wenn 
man will auf einem öffentlichen Platz. — Man bat 
meine Kollegen sich zu äußern, — sie verstummten. 
Endlich lehnten sie unter allerlei Vorwänden 
ab und ich blieb der einzige Bewerber. Es ver 
strich einige Zeit ohne daß ein Entschluß gefaßt 
wurde. Da erschien ein Künstler, der es mit mir 
aufnehmen wollte. Domeniko Tstondo, der intime 
Freund des Sekretärs, welcher die Kunstange 
legenheiten verwaltete. Man berief uns auf die 
Akademie um zum zweiten Male die Bedingungen 
der Konkurrenz zu hören. Acht Tage später machte 
uns der Sekretär mit dem zu malenden Gegen 
stand bekannt, Massinissa nimmt die Frau des 
Syphax, Königs von Numidien, Sophonisbe, die 
er früher geliebt, gefangen. 
Anstatt an die Arbeit zu gehen, erstieg ich 
die Höhen des Posilipp, von wo man das Meer 
und die weite Landschaft überblickt. Hier ver 
senkte ich mich in meinen Gegenstand und ging 
dann an meine Aufgabe, die ich in vierzehn Tagen 
beendete. Ich schrieb unter mein Bild, chi non 
puo quel che vuole, voglia cio che puo. 
Mein Konkurrent war nach drei Wochen nicht 
fertig und man gestattete ihm acht Tage länger. 
Der Präsident der Schönen Künste ließ die 
beiden Bilder in das Palais bringen, wo die 
ganze königl. Familie erschien um sie zu prüfen. 
Da sagten mir die Sekretäre, „Von uns allein 
hängt Ihre Ernennung ab. Und wenn Sie den 
König, die Königin, den Hof und die ganze 
Stadt für sich hätten, es würde Ihnen nichts 
nützen, wenn wir nicht wollen. Wir beherrschen 
den Einfluß, den wir nach Belieben geltend machen 
können, wenn uns die Sache nicht konvenirt, lassen 
wir lieber die ganze Akademie fallen." — 
Ich fand glücklicherweise einen ehrenhaften 
Ausweg aus diesen Intriguen. Ich bat S. 
Majestät meinem Mitbewerber die Hälfte des 
Gehalts und des Amtes zu geben. 
Der König ging gern hierauf ein, und ich ge 
wann hierdurch auch das Wohlwollen der Neapo 
litaner. 
Der achtzigjährige Mondo, ein braver Mensch, 
war für meine Reformprojekte kein Hinderniß." 
Unter den hervorragenden Schülern Tischbeins an 
der Akademie von Neapel waren, Lapenga, 
Laprano. Vallereale, Duero, Sablc, 
Wudki und Luigi Hummel. 
Die politischen Ereignisse, das Zerwürfniß 
mit der französischen Republik, unterbrach die 
erfolgreiche Thätigkeit Tischbeins. DerHof floh nach 
Sicilien und am 23. Jan. 1799 rückte der franz. 
General Championnet in Neapel ein. T. wurde 
sehr freundlich von ihm behandelt, und der kunst 
sinnige Franzose war entzückt von seinen Arbeiten. 
Bei einem Diner der Offiziere, zu dem Tischbein 
geladen war, machte ihm Paskal, der Expriester 
von Versailles, den Vorschlag, Generaldirektor 
der Schönen Künste für ganz Italien zu werden. 
Die Franzosen betrachteten Italien wie eine ihrer 
Provinzen. Der Vorschlag erschreckte mich, schreibt 
Tischbein, ich sah darin eine Falle, um von mir zu er 
fahren, wo sich die Meisterwerke Italiens befänden
        

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