Full text: Hessenland (2.1888)

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Das Meinjahr 1540 in Hessen. 
Aus Hessens alten Schriften wir erfahren, 
Daß einst in Hessen — vor dreihundert Jahren — 
In einem heißen Sommer 'mal die Reben 
Solch guten Wein gleich wie am Rhein gegeben ; 
Insonderheit ist Kassel es gewesen, 
Wo süße Trauben man in Füll' gelesen; 
Gekeltert drauf gab's Wein in solcher Menge, 
Daß hier und da die Keller fast zu enge. 
Was sich Absonderlichs noch zugetragen 
In dem gedachten Jahr, läßt kurz sich sagen: 
Wer kennt sie nicht die alten tapfern Hessen? 
Wer hätte ihren Heldenmuth vergessen, 
Vergessen je auch ihre Kunst im Zechen, 
Von der bewundernd schon die Römer sprechen, 
Und wollte da noch irgend Zweifel hegen, 
Jmmaßen bei dem reichen Weines-Segen, 
An dem, was jene Schriften noch berichten, 
Die nur Geschehnes melden, nichts erdichten? 
Geschrieben steht's von einem Zeitgenossen, 
Daß, eh' der Monden sechse noch verflossen — 
Der Schreiber hat das rechte Wort getroffen — 
Der Kassler Wein war alle „uffgesosfen." 
Karl Knick. 
Aus alter und neuer Zeit. 
— Die Russen in Kassel im Jahre 1813. 
Am 26. Oktober 1813 hatte König Jerüme Kassel 
auf Nimmerwiedersehen verlassen und einige Tage 
danach rückte ein russisches Corps unter General 
lieutenant von Wintzingerode ein, welches hier 
auf einige Zeit sein Hauptquartier aufschlug. Zum 
Kommandanten der Stadt wurde General S. Priest 
bestellt. Dieser erließ eine Proklamation, in welcher 
er nicht, wie man nach dem Vorgänge Tsch ernitscheffs 
erwartet hatte, das Aufhören des westphälischen Königs 
reichs verkündete und auch nichts von Wiedereinsetzung 
des Kurfürsten erwähnte, sondern zum Gehorsam gegen 
die noch zu Recht bestehenden westphälischen Behörden 
aufforderte. Den zuerst eingerückten russischen Truppen 
folgten fast täglich andere auf ihrem Marsche nach 
dem Rhein. Schwer lag die Last der Einquartierung 
auf den Bewohnern Kassels, aber noch größer war 
die Sorge der Municipalität, die sehr bedeutenden 
Requisitionen der russischen Befehlshaber, welche sehr 
verschiedene Dinge, namentlich aber Bekleidungsstücke 
zum Gegenstand hatten, und deren Bezahlung in 
weiter Ferne stand, zu erledigen. 
Die Schulden der Stadt waren nach Karl 
Schomburgs „Darstellung der städtischen Ver 
waltung von Kassel in den Jahren 1822—29“ trotz 
der vielen von der westphälischen Regierung neu ein 
geführten und in der ersten Zeit nach der Wieder 
herstellung Kurhessens beibehaltenen städtischen Steuern 
von 16,542 Thalern am 1. November 1906 im 
Jahre 1816 auf ca. 300,000 Thaler gestiegen. 
Darunter befand sich ein Anlehen von 49,189 Thaler, 
welches im Jahre 1813 zur Tilgung der durch 
Lieferungen an die durchmarschirendcn Truppen und 
die in Kassel vereinigten Militärhospitälern entstandenen 
Forderungen hatte aufgenommen werden müssen, sich 
aber nicht als ausreichend erwies. 
Am 12. November 1813 hatte die Municipal- 
kommission der Stadt über die Nothwendigkeit eines 
Zwangsdarlehens in einem „Aufruf an unsere Mit 
bürger“ u. a. gesagt- „Die von ihren bisherigen 
Hülfsmitteln größtentheils entblößte Stadtkasse vermag 
jetzt nicht einmal ihre gewöhnlichen Ausgaben zu leisten, 
noch weniger also ohne besondere Beihülfe die vielen 
Kosten zu bestreiten, welche durch die Lieferungen an 
die einquartierten und durchmarschirendcn Truppen 
veranlaßt sind. Zur Abwendung der sonst unsere 
Stadt treffenden Nachtheile, welche vielleicht schon ein 
getreten wären, wenn nicht einige unserer Mitbürger 
uns auf unsere Bitten mit dem größten Theil ihrer 
Waaren und Geldvorräthen sogleich vorschußweise aus 
geholfen härten, müssen wir darauf Bedacht nehmen, 
den verlangten Bedürfnissen nach Möglichkeit abzuhelfen 
und diesen Bürgern die beträchtlichen Vorschüsse zu 
ersetzen, welche sie im Vertrauen auf die Redlichkeit 
ihrer Mitbürger geleistet haben. 
Da es unthunlich erscheint, eine allgemeine Beisteuer 
zu diesen extraordinairen Kosten zu erheben, weil viele 
unserer Mitbürger auch bei dem besten Willen nicht 
vermögend sind, dazu zu kontribuiren, so halten wir 
unter Beistimmung der Präfektur ein Zwangsanlehen 
mit Repartition in 8 Klassen von 2'/g bis 500 
für angemessen, zu dessen Zinsen der Aufschlag von 
1 Heller für je das Pfund Fleisch bestimmt ist.“ 
Ein noch im Original vorhandenes Schreiben der 
Mnnicipalkommission an ein Kasseler Handelshaus 
ergiedt nun, auf welche Art und Weise die Befehls 
haber der als Freunde eingerückten russischen Truppen 
bei ihren Requisitionen verfuhren und einige Bürger 
genöthigt wurden, auf die Bitten der Municipal- 
kommission vorschußweise mit ihren Waaren auszu- 
helfen. 
Das Schreiben lautet: 
An die Herrn Kaufleute I. u. H. dahier. 
„Auf die von dem kommandirenden Generale 
der russischen Truppen gemachten Requisitionen an 
Tuchen müssen noch heute und zwar vor 
1 Uhr Mittags die auf Sie repartirten 2000 
Ellen grün, graumelirt, blau und weiß Tuch ab 
geliefert werden. Sollten Sie dieses strengen 
Befehls ohnerachtet keine Folge leisten, so sind wir 
genöthigt, Sie dem Herrn General anzuzeigen, 
welcher Ihnen alsdann diesen Betrag durch ein 
Detachement wegnehmen lassen wird. Sie haben 
in dieseul Falle es sich selbst zuzuschreiben, wenn 
statt Soldatentuch die Elle für einen Thaler Ihnen 
feineres und mehr Tuch weggenommen werden
        

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