Full text: Hessenland (2.1888)

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„Ja, Bast/' erklärte der Bursche. „Weil wir 
allezwei in der ganzen Gegend noch keinen ent 
deckt hatten, der Bcrthold hieß, waren wir zwei 
auch gleich so voll Freud' über den gegenseitigen 
Fund. Und der fröhliche Anfang hat guten 
Fortgang gehabt. Alleweil stehen wir so mit'- 
nander, als ob wir nit seit 'en paar Wochen, 
sondern von Kindheit an zusammengewesen wär'n." 
Nun reichte Berthold dem Alten die Hand zum 
Abschied, und dieser sagte: „Unser Herrgott er 
halt' dir deinen neuen Freund. Was aber das 
andere betrifft, Jung, so denk: es giebt zwar für 
so aut kein heilsam Kraut in der Welt, aber 
es wächst über alles am End' doch Gras — 
über alles! Hörst du, Berthold?" 
Der Angeredete nickte, dennoch sah man ihm 
an, daß er Zweifel an der Wahrheit dieses Aus 
spruchs hegte. Dann eilte dem Freunde entgegen, 
während der Krüuterbast langsain nach Wilden 
born zuging. Am Eingang des Dorfes, wo ein 
aus dem Walde kommendes Büchlein, bevor es 
mit starkem Gefälle der Lahn zueilte, »och einmal 
ruhig eine schmale Wiese durchzog, lag etwas 
zurück von der Straße ein kleines freundliches 
Häuschen. Weithin erglänzten seine weißgetünchten 
Gefächcr, schimmerte das moosbewachsene Stroh 
dach, ans dem die Hauswurz üppig wucherte. 
Ueberall an den Thürpfosten, an den Fenster 
rahmen und am Gebälke waren Haken angebracht, 
an denen tu Netzen, Beuteln und kleinen Körbchen 
Pflanzen zuin Trocknen hingen. Auch auf der 
Wiese neben dem Häuscheit waren auf weißen 
Tüchern allerlei Kräuter zum Dürren ausgebreitet. 
Nur die Birke, deren Geäste wie eilt lichtgrüner 
Schleier auf das hie und da bräunliche Moos 
des Daches hinabhing, brauchte ihre Zweige nicht 
zu Trägerit der Pflanzenbeutel herzugeben. Statt 
dessen aber waren an ihrem Stamme vom ersten 
Absatz des Geästes an bis hoch hinauf verschiedene 
Staarkasten angebracht. 
In diesem Häuschen wohnte mit seiner ver- 
wittweten Tochter und sieben munteren Enkeln 
Sebastian Hafter, von den Leuten der Kräuter 
bast genannt. Die Bauern im ganzen Kirchspiel 
schätzten ihn wegen seiner geheimen sympathetischen 
Mittel und der heilsamen Tränklein, die er für 
Menschen und Vieh aus selbstgesuchten Kräutern 
bereitete, höher als alle Aerzte weit und breit. 
Nahm man sich auch, um den Schein zu wahren 
und vor Vorwürfen sicher zu sein, in den meisten 
Fällen einen Arzt, so blieb aber dessenungeachtet 
der Kräuterbast die letzte Zuflucht. Zu ihm ging 
mau heimlich am Abend oder bei Nacht, wenn ein 
vom Doktor verschriebenes Mittel nicht wirken 
wollte. Wo nichts mehr half, wußte der Alte 
noch fast immer einen Rath. Gab er auch nicht 
regelmäßig etwas zum Einnehmen, so vergrub er 
doch mit Zaubersprücheu manches in geweihter 
Stuitde geholte Pflänzchen. Dies sollte die Krank 
heit von den Menschen und Thieren ablenken 
und auf sich ziehen. Trat dann die Genesung 
ein, so glaubten die Aerzte natürlich, es sei ihr 
Werk. Um keine Gerichtsgeschichten heraufzu 
beschwören, ließen sie die Bauern natürlich dabei. 
Unter sich aber zuckten dieselben verächtlich die 
Achsel über die studirten Herren, die dem Kräuter- 
bast nicht im entferntesten das Wasser reichten. 
Manchmal erkannten die Aerzte der Umgegend 
den verborgenen Wurm, der an ihrem guten 
Rufe «tagte. Sie nahmen sich dann immer vor, 
den Kräuterbast anzuzeigen, aber ein alter Kreis- 
physikus ließ es nie so weit kommen. 
„Laßt doch den alten armen Kerl gewähren," 
sagte er, wenn er mit seinen Kollegen allein war. 
„Er hat neun Mäuler zu stopfen und thut nichts 
Gefährliches. Davon habe ich mich längst über 
zeugt. Legt Ihr ihm heute das Handwerk, so 
kommt morgen ein anderer, der nicht seine fabel 
haften botanischen Kenntnisse, doch desto mehr 
Frechheit besitzt. Darum folgt meinem Rath 
und laßt ihn gehen. Aus langjähriger Erfahrung 
weiß ich, daß der echte Bauer ohne ein bißchen 
Hokuspokus nicht leben kann." 
(Fortsetzung folgt.) 
Gefeit. 
Siehst Du bort die Schlösser schimmern? 
Hörst Du nicht die lust'gen Geigen? 
„Hör' den Wind nur ferne wimmern, 
Seh' nur Nebel aufwärts steigen." 
Sieh', da öffnen sich die Pfortett, 
Pagen uns entgegen leuchten! ' 
„Seh' nur Tanz der Irrwisch dorten, 
Auf dem Wiesengrund, dem feuchten." 
Schöne Maid in Duftgewändern, 
Winkt, Dir süßen Lohn zu geben! 
„Seh' nur Mondeslicht sich ändern, 
Schatten nur vvrüberschweben." 
Sprich, wer hat Dir Herz und Sinne 
Gegen Zaubermacht gestählet? 
„Trage eine reine Minne, 
Die mich ganz und gar beseelet!" 
W. Aennecke.
        

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