Full text: Hessenland (2.1888)

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kann. Noch andere Manuskripte finden sich in Karl 
Herquet's literarischem Nachlaß vor, mit dessen Sich 
tung seine Schwester, Fräulein Therese Herquet 
in Münster, gegenwärtig beschäftigt ist. 
Von weiteren Schriften, die Karl Herquet ver 
öffentlicht hat, wollen wir hier nur noch nennen: 
„Das Arnsteiner Urkundenbuch in seinem Verhält 
nisse zu dem projektirten Nassauischen Urkundenbuch, 
eine Studie“, 1883; „Urkundenbuch des Prümonstra- 
tenserklosters Arnstein an der Lahn“, 1884 ; „Nach 
träge zu der Geschichte Kristan's von Samland“; 
„Beiträge zum Jtinerar Karl IV. und zu seinem 
Aufenthalte in Schlesien mit dem König von Cypern 
i. I. 1364“; „Der kaiserliche Lehnbrief für Ost 
friesland von 1454“. Es sind dies meist Separat 
abdrucke aus Fachzeitschriften, die alle in wissenschaft 
licher Beziehung einen bleibenden Werth beanspruchen 
können. 
Haben wir in Vorstehendem hauptsächlich der 
wissenschaftlichen Leistungen Karl Herquet's Erwäh 
nung gethan, so liegt uns jetzt noch ob, auch einer 
anderen geistigen Thätigkeit desselben zu gedenken. 
Er besaß eine nicht gewöhnliche poetische Begabung. 
Manches schöne Gedicht von tiefer Empfindung hat 
er in seinen Jugendjahren verfaßt, doch ist er damit 
selten an die Oeffentlichkeit getreten. Nur ein größeres 
Gedicht von ihm ist im Drucke erschienen: „Mark 
graf Rüdiger“, Drama von Lothar 
Schenck, Paderborn 1866. Es ist in edler präch 
tiger Sprache geschrieben und reich an poetischen 
Schönheiten, doch ist es verhältnißmäßig nur wenig 
bekannt geworden, da die damaligen politischen Zeit 
ereignisse der Verbreitung poetischer Schöpfungen nicht 
günstig waren. Das Pseudonym „Lothar Schenck“ 
hat Karl Herquet nach dem Vornamen seines Groß 
vaters und dem Familiennamen seiner Mutter ge 
wühlt. In seinem literarischen Nachlasse sollen sich 
viele Gedichte aus früherer Zeit befinden, wir hoffen, 
das eine oder das andere derselben in unserer 
Zeitschrift veröffentlichen zu können. 
Karl Herquet war, wie bereits bemerkt, von Jugend 
an brustleidend. Am 8. Januar d. I. überfiel ihn 
wieder ein starker Anfall seiner alten Krankheit, von 
welchem er sich nicht wieder erholen sollte. Er hat 
viel und schwer gelitten, aber niemals verlor er die 
Ruhe und die Geduld. Aufrichtig war die Trauer, 
die in Osnabrück herrschte, als am 6. März die 
Kunde von seinem Tode sich verbreitete, und sein 
Begrübniß gab Zeugniß davon, in welcher Achtung, 
in welchem Allsehen er stand. Das Corps, welchem 
er in Marburg angehört hatte, die „Hasso-Nassovia“, 
ließ einen Kranz mit den Corpsfarben auf dem 
Grabe niederlegen und ordnete wegen seines Hin 
scheidens eine 14tägige Corpstrauer an. — Er ist einsam 
durch das Leben gewandert, doch blieb er immer eng 
verbunden mit seinen nächsten Anverwandten, und 
ein großer Trost war es für ihn, daß seine Schwester, 
all sein Krankenbett eilte und ihm die sorgsamste 
Pflege angedeihen ließ. 
Es liegt mir eine Photographie Karl Herquets 
vor, die vier Wochen vor seiner letzten Krankheit auf 
genommen worden ist. Sie vergegenwärtigt mir 
seine Person in der lebhaftesten Weise. Er war ein 
großer Mann von etwas nachlässiger, doch vornehmer 
Haltung. Der Ausdruck seines Gesichtes verrieth 
Intelligenz und Energie. Man fühlte sich zu ihm 
hingezogen, wozu auch seine Unterhaltung wesentlich 
beitrug, die interessant, lehrreich und fesselnd war. 
Treffliche Charaktereigenschaften zierten den Ver 
blichenen. Freilich war er auch nicht frei von manchen 
Eigenheiten, sie alle wurden aber in den Schatten 
gestellt durch seine redliche, edle Gesinnung, sein 
ernstes und unablässiges Streben nach Wahrheit, seine 
Begeisterung für alles Gute und Schöne. Und wenn 
er auch manchmal schroff in seinem Urtheile war, wenn 
er auch leicht zum Sarkasmus hinneigte, so war das 
nicht so schlimm gemeint, der Kern war stets ein 
guter, wenn auch, um mich eines landläufigen Aus 
druckes zu bedienen, die Schale zuweilen eine rauhe 
war. Von Herzen war Karl Herquet wohlwollend 
und mildthätig in hohem Grade gegen Nothleidende 
und Bedrückte. Und getreu handelte er hier nach 
dem biblischen Spruche: Die Rechte soll nicht wissen, 
was die Linke thut. Was er einmal für wahr und 
recht erkannt, daran hielt er fest und aus seiner Ge 
sinnung machte er niemals ein Hehl. Er war ein 
streitbarer Gelehrter und manchen harten wissenschaft 
lichen Strauß hat er zu bestehen gehabt. Stets 
kämpfte er mit offenem Visier, Hinterlist und Tücke 
waren ihm fremd, ehrlich und frei trat er seinen 
Gegnern gegenüber, ihm galt es um die Sache und 
nicht um die Person. 
Ein Freund des Frohsinns und der Geselligkeit, nahm 
er gern Theil an heiteren Gesellschaften, die er durch 
manches Scherzwort zu beleben wußte. Leider legte 
ihm aber in dieser Beziehung sein leidender Gesund 
heitszustand Beschränkungen auf, die er mit stoischem 
Gleichmuthe ertrug. Seinem Heimathlande Hessen 
und seiner Vaterstadt Fulda hat er stets die liebe 
vollste Anhänglichkeit bewahrt. Kein Jahr verging 
früher, ohne daß er der letzteren einen Besuch ab 
stattete; seit Jahren ist dies freilich unterblieben, 
seine Jugendfreunde und näheren Bekannte waren in 
alle Welt zerstoben, auch mußte er auf die Pflege 
seines angegriffenen Körpers bedacht sein, und so ver 
brachte er denn meist die Zeit der Sommerfrische 
auf den Nordseeinseln und zuletzt im Bade Lippspringe. 
Seinen Freunden war Karl Herquet treu er 
geben , er stand fest zu ihnen und in allen Lagen 
des Lebens konnten sie sich auf ihn verlassen. Sie, 
wie alle, die ihn näher kennen gelernt haben und 
seinen Charakter zu würdigen verstanden, werden sein 
Andenken hoch in Ehren halten. Molliter ossa 
cubent!
	        

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