Full text: Hessenland (2.1888)

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Wir gingen sofort. Beim Anblick der düstern 
und kriegerischen Gestalten der drei Brüder, denen 
der Vater zum Schwur die Waffen entgegen hält, 
überlief es mich eiskalt. Lange stand ich sprach 
los davor. David versicherte mich wiederholt 
feiner ganzen Freundschaft. „Sagen Sie mir 
offen, was Sie denken." Das will ich, antwortete 
ich. Nun, wenn Sie die weibliche Gruppe ebenso 
ausführen wie die männliche, so wird Ihrem 
Bilde Niemand den ersten Rang streitig machen. 
„Mein Bild ist fertig und ich rühre es nicht 
inehr an." Mcm sieht aber noch die Unter 
malung, die Frauengruppe braucht ewas mehr 
Licht. „Ich mache nichts mehr daran, mein Bild 
bleibt, wie es ist." Ich schwieg." 
Der Ruhm Tischbeins, den David auf diese 
Weise bestätigt hatte, verbreitete sich nun reißend 
schnell. Der russische Staatsrath v. Wiessen in 
Rom wünschte den Konradin für die Kaiserin 
Katharina zu erwerben. Der Künstler verweigerte 
es und gab als Grund an, daß die Dankbarkeit 
gegen den Herzog von Gotha, der ihm den 
Aufenthalt in Rom ermöglichte, ihm die Pflicht 
auferlege, das Gemälde diesem Fürsten anzubieten. 
Er war nicht zu bewegen, von dieser Auffassung 
abzugehen. Als das Bild in Gotha angekommen 
war, ließ es der Herzog in seinem Arbeitskabinet 
aufstellen, das nur er betrat. Das war ein 
grausamer Schlag für den armen Tischbein, als 
er es erfuhr, nachdem er zwei Jahre ohne irgend 
eine Nachricht über seine Sendung geblieben. 
Nicht nur die Gelegenheit, auf einmal seiner 
Sorgen enthoben zu sein, war ihm entgangen, 
er hatte auch, was für die empfindliche Seele 
eines wahren Künstlers das Schlimmste war, den 
Schmerz, um den wohlverdienten Ruhm gekommen 
zu sein. 
Seine pekuniären Mittel waren geschmälert 
und um weitere Arbeiten unternehmen zu können, 
glaubte er sich berechtigt einen größeren Betrag 
für seinen Unterhalt fordern zu dürfen. Die 
Antwort ließ nicht auf sich warten. „Da Tisch 
bein nicht zufrieden ist mit dem, was ich ihm 
gebe, so halte ich mich fernerer Verpflichtungen 
gegen ihn für überhoben." 
Tischbein war außer sich über diesen Bescheid, 
aber wie ein echter Künstler warf er sich mit 
doppeltem Eifer auf seine Studien, namentlich 
die von Thieren und dem Leben des Volkes. 
Im Jahre 1787 verließ er Rom und ging in 
Goethe's Begleitung nach Neapel. 
(Fortsetzung folgt.) 
ßarl Herquet. 
Nekrolog. 
Von F. Sw eng er. 
(Schluß.) 
In dem Reskripte des königl. preußischen Staats 
ministeriums vom 20. Mai 1878, unterzeichnet in 
Vertretung des Präsidenten durch den Minister der 
Justiz, Leonhardt, durch welches Karl Herquet, 
seit dem 1. April kommissarischer Leiter des Staats 
archivs in Aurich, zum Vorsteher dieses Archivs mit 
dem Amtstitel „Staatsarchivar" ernannt wurde, 
heißt es ausdrücklich, daß die Ernennung in Berück 
sichtigung der seitherigen Leistungen Herquet's erfolgt 
sei. Man sieht daraus, daß die verdienstvolle Thätig 
keit des ebenso fleißigen wie tüchtigen Gelehrten auch 
höheren Ortes die gebührende Anerkennung und Wür 
digung gefunden hatte. 
In Aurich gab es für Karl Herquet viel zu thun. 
Seine dienstlichen Verrichtungen nahmen viel Zeit in 
Anspruch. Das hinderte ihn aber nicht, seine schrift 
stellerische Thätigkeit in erfolgreichster Weise fortzu 
setzen. Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt in 
Aurich (1879) erschien seine „Geschichte des 
Landesarchivs von Ostfriesland (1454 bis 
1744)". Es folgten dann 1883 „Die Mis- 
cellen zur Geschichte Ostfrieslands "; 1885 
die sorgsame Untersuchung über die „Renaissance 
decke im Schlosse zu Jever, ihre Entstehungs 
zeit und ihr Verfertiger", in welcher Schrift sich 
Karl Herquet als einen feinen besonnenen Kunstkenner 
zeigte; 1886 „Die Insel Borkum in kultur 
geschichtlicher Hinsicht". 
Roch in Breslau hatte er die Schrift „Jean 
Fernand ez de Heredia, Großmeister des 
Johann iterord ens (1377—1396)“ verfaßt, der 
dann 1880 „Die Chronologie der Groß 
meister des H o spi 1 a l ord ens w ührend der 
Kreuzzüge" und 1887 „Der Johannitergroß 
meister Herediain seiner literarischen Bedeutung“ 
folgten. DieseSchrift war seine letzte Publikation, abge 
sehen von den zahlreichen Artikeln, die er noch in wissen 
schaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hat. Sie war 
entstanden zu Osnabrück, wohin er am 1. Juli 1886 
versetzt worden war. Eine Schrift über die Insel 
Norderney blieb leider unvollendet, doch ist sie so 
weit gediehen, daß sie leicht druckreif gemacht werden
        

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