Full text: Hessenland (2.1888)

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glaubte, daß sie sich anders setze» müsse, und 
war sehr verwundert, als ich erwiderte, daß ich 
schon fertig sei. Mehrere Damen des Hofes 
kamen nun herbei und jauchzten über die große 
Aehnlichkeit des Bildes; ein alter Bediente trat 
auch herein uitb als er es sah, fing er an zu 
weinen und sagte. „Unsere gute Preußenmutter, 
wie sie leibt und lebt." Ich mußte noch einige 
Kopien davon machen. Das Original schickte 
die Königin an die Mutter des Kronprinzen. 
Als diese denselben Abend Assemblee bei sich 
hatte, stand zufällig eine Dame mit dem Rücken 
gegen die Wand gekehrt, wo das Bild kurz 
vorher etwas niedrig aufgehängt war; indem sie 
sich nun eben umdrehte, glaubte sie die Königin 
selbst zu sehen und wollte sich entschuldigen, daß 
sie nicht auf die Seite getreten sei. (!) Diese 
Täuschung der Dame machte großes Aufsehen in 
der Assemblee. Vielleicht that sie auch nur so, 
um der Prinzessin über das Geschenk der Königin 
ein angenehmes Kompliment zu machen. Genug 
— mir brachte es großen Vortheil, denn es 
sprach sich in der Stadt herum und ich bekam so 
viel Bestellungen, daß ich oft 3 Portraits in 
einein Tage inachte. Ich gewann nun auch 
immer mehr Fertigkeit, in wenig Zeit die 
Hauptzüge und das Charakteristische eines Ge 
sichts aufzufassen, so daß ich oftmals den Kopf, 
den ich portraitiren sollte, nicht einmal mit 
Kreide vorzeichnete, sondern gleich mit Pinsel 
und Farben anfing." 
Im Jahre 1778 finden wir den Künstler 
wieder in Kassel, wo er zum Mitglied der 
Akademie ernannt und auf 3 Jahre nach Italien 
geschickt wurde. Eines seiner berühmtesten Por 
traits aus dieser Zeit ist das der Schauspielerin 
Dobbelin als Ariadne. 
In Rom fesselten ihn besonders die Werke 
Raphaels und die Antiken, an welchen, wie er 
hervorhebt, ihn hauptsächlich die Hände und 
Füße zum eingehendsten Studium veranlaßten. 
Noch vor Ablauf der 3 jährigen Studienzeit ver 
ließ Tischbein Italien und begab sich zunächst nach 
Zürich. Dem Aufenthalt in dieser Stadt ver 
danken wir unter Andern die Portraits des 
Dichters Bodmer, von Lavater, Geßner, von 
Füßli und Hirzel und außer diesen beendete er 
seinen Götz von Berlichingen, eine Bestellung 
des Herzogs von Weimar. In Zürich erhielt 
er einen Brief vom Rath Merk in Darmstadt, 
welcher ihm mittheilte, daß der Herzog v. Gotha 
auf den Wunsch Goethc's, ihm vorschlüge, auf 
seine, des Herzogs Kosten nach Rom zurück 
zukehren, was Tischbein mit Freuden annahm. 
Zum zweiten Male fand er sich in Rom im 
Jahr 1782. Seine Hauptwerke die hier ent 
standen, waren: Brutus und seine Söhne, Sopho- 
nisbe, Paris und Hektar und Helena. Eines 
seiner größten Bilder aus dieser Zeit war außer 
dem: Konradin v. Schwaben, Schach spielend 
mit seinem Vetter Friedrich v. Oesterreich, er 
hält die Nachricht von seinem Todesurtheil. 
Die interessanteste Episode aus dem Leben 
unseres Künstlers war aber die Bekanntschaft 
mit dem großen französischen Maler David, der 
eben mit seinem großen Bilde, „Der Schwur 
der Horatier" beschäftigt war, welches bei seinem 
'Erscheinen im Salon von 1785 in Paris einen 
beispiellosen Erfolg hatte und dem Künstler den 
Namen des Wiederherstellers der Malerei ein 
brachte. 
Um den Erfolg dieses berühmten Gemäldes 
zu begreifen, muß man die damalige Zeitströmung 
und die Geschmacksrichtung in's Auge fassen. 
Die Revolution war ausgebrochen, von Grund 
aus sollten alle Verhältnisse des Lebens um 
gestaltet werden und nur in der antiken römischen 
Welt sahen die Franzosen ein würdiges Vorbild. 
Dieser Stimmung gab das Meisterwerk einen 
unvergleichlichen Ausdruck, man übersah den 
theatralischen Aufbau und die innere Kälte der 
Komposition und wollte sich wiedererkennen in 
den todesmuthigen Römern. 
Tischbein wollte vor allen Dingen eine aufrichtige 
Kritik hören und wünschte seinen Konradin von 
kompetenten Richtern beurtheilt zu sehen, und 
sein höchster Ehrgeiz war, den großen Franzosen 
zu einem Besuche in seinem Atelier zu bewegen. 
„Ich wohnte," erzählte er, „nicht weit von 
David, und sah ihn täglich auf seinem Wege 
nach seinem Atelier vorübergehen. So ging ich 
denn eines Tages, ihm einen nachbarlichen 
Besuch zu machen und ihn höflich zu bitten, 
mir seine Meinung über mein Bild zu sagen, 
Er weigerte sich zuerst. Ich habe keine Zeit 
sagte er. Alle Tage werde ich um die gleiche 
Gefälligkeit von jungen Künstlern angegangen 
und immer ist es nicht der Mühe werth. Ich 
ließ nicht nach mit Bitten, er möge es doch aus 
Freundschaft für meinen Vetter Friedrich, seinen 
Schüler, thun. Endlich, nachdem er seinen Kaffee 
getrunken, zog er sich langsam an und begleitete 
mich. Sobald ich die Thür meines Ateliers ge 
öffnet hatte, blieb er wie angewurzelt stehen und 
rief aus: „Das macht Ihnen schwerlich Ihr Vetter 
Friedrich nach und selbst nicht Ihr Landsmann 
Raphael Mengs. Wie kommt es, daß ich noch 
nie von Ihnen gehört habe?" „Es ist meine erste 
größere Komposition," erwiderte ich. „Ich gehe 
bald wieder nach Paris," sagte David, „und 
bitte Sie den jungen Malern von der franz. 
Akademie zu erlauben, Ihr Bild zu sehen. Jetzt 
aber gehen Sie mit in mein Atelier und sage«: 
mir Ihre ehrliche Meinung über meine Horatier."
        

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