Full text: Hessenland (2.1888)

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>ie Walersamilie Tischbein. 
Von Louis Kahmslein. 
(j?orlfc 
Weitaus der Bedeutendste der Tischbeinfamilie 
war aber Joh. Heinrich Wilhelm, gewöhnlich 
der Neapolitaner genannt, ein ebenso tüchtiger 
Künstler wie ein hochgebildeter und geistvoller 
Mensch. Schon der Umstand, daß er mit 
den hervorragendsten Männer» seiner Zeit viele 
Jahre hindurch in freundschaftlichem Verkehr und 
regem Briefwechsel stand, läßt ans die Bedeutung 
des Mannes schließen. Er war der zweite Sohn 
Joh. Konrads, geb. 1751 zu Haina und ist in 
Eutin im Jahre 1829 gestorben. 
Schon früh erkannte der Vater das Talent 
seines Knaben und brachte ihn, als er 15 Jahre 
alt, nach Kassel, später zu seinem Onkel Jakob 
nach Hamburg. Hier fing er an Portraits zu 
malen/ doch so wenig kunstsinnig waren damals 
die Bewohner der alten Hansastadt, daß selbst 
ein Maler wie Denner, dessen Bilder heute mit 
Gold ausgewogen werden, dort nicht aufkommen 
konnte. Tischbein wandte sich dann nach Bremen, 
wo er mehr Glück hatte und zahlreiche Portraits 
zu malen bekam. Noch förderlicher und wichtiger 
für ihn war aber die Bekanntschaft des Haupt 
mann Wilmanns, der auf die Bildung des 
jungen Künstlers den wohlthuendsten Einfluß 
ausübte. 
Der Aufenthalt in Bremen hatte ihm die 
Mittel verschafft, eine Reise nach Holland zu 
machen (1772—1773), um die niederländischen 
Meister zu studiren. Im folgenden Jahre finden 
wir ihn in Hannover und hier war es Winkel 
mann, der die Begeisterung für Homer und die 
antike Welt in Tischbein weckte. Er wandte sich 
nun fast ausschließlich der Geschichtsmalcrei zu, 
ging wieder nach Kassel, wo er zwei Jahre lang 
gemeinschaftlich mit seinem Onkel Joh. Heinr. 
dem Aeltern arbeitete. Besonders förderlich war 
ihm das Studium der prachtvollen Sammlung 
von niederländischen Geinälden im Kabinet des 
Landgrafen Wilhelm VIII., welche dieser Fürst 
während seines Aufenthalts in Holland als 
Gouverneur des Landes gesammelt hatte und 
welche die Grundlage der heute so berühmten 
Kasseler Gemälde-Gallerie bildeten. 
Inzwischen hatte sich der Ruf Tischbein's als 
Portraitmaler immer mehr ausgebreitet, beson 
ders als er die Bildnisse des Prinzen und der 
Prinzessin von Württemberg gemalt hatte. 
Eine Kunstreise, die er im nächsten Jahr (1777) 
nach Dresden und Berlin unternahm, machte ihn 
zum ersten Male bekannt mit den Meisterwerken 
-tzung.) 
der italienischen Schule. Ueber Alles fesselte 
ihn Correggio. In Berlin wurde er mit Portrait 
aufträgen dergestalt überhäuft, daß er seinen 
jüngsten Bruder Jakob kommen ließ, um ihm 
zu helfen. 
Ueber Tischbein's Art zu arbeite» und über 
seine Erfolge am preußischen Hofe, lasse ich ihn 
selbst reden, kann aber eine leise Befürchtung 
nicht unterdrücken, daß des Künstlers Phantasie, 
als er viele Jahre nachher seine Erlebnisse nieder 
schrieb, sich einige Uebertreibung erlaubte. 
In seinem Buche, „Aus meinem Leben" er 
zählt er: 
„Einige Wochen hielt ich mich in Dresden 
auf und besuchte täglich die Gallerie. Dann 
reiste ich nach Berlin, übergab meinen Em 
pfehlungsbrief und eröffnete meinen Antrag an 
Ihre Hoheit die Prinzessin Ferdinand. 
Diese hatte die Gnade, mich schon am folgen 
den Tage ihr Bildniß für ihre geliebte Schwester 
malen zu lassen. Sie führte mir ihre Kinder 
zu, die Prinzessin Louise, die Prinzen Heinrich 
und Louis; auch stellte sie mich ihrem Gemahl, 
dem Prinzen Ferdinand vor. Nachdem ich Alle 
gesehen hatte, entwarf ich meine Komposition 
und das Bild wurde angefangen. 
Ich wohnte bei ihr im Schlosse in Friedrichs 
felde, ging aber oft in die Stadt, wo ich mehrere 
Portraits aufnahm, unter Andern das vom 
Minister Finkenstein, welches ich dreizehn Mal 
für seine Freunde kopiren mußte. 'Ein Mal 
auch malte ich ihn in ganzer Figur, in seiner 
Ordenskleidung als Johanniter. So häuften 
sich die Arbeiten immer mehr und ich hatte sogar 
das Glück Ihre Majestät die Königin zu malen, 
welche gegen mich äußerte, daß sie ihr Portrait 
gerade von mir zu haben wünsche, weil sie ge 
hört habe, daß ich so schnell male, denn das 
lange Sitzen würde ihr unangenehm. Es schien 
mir übrigens, als spräche sie gern über die Kunst, 
und ich sann vorher darauf, wie ich sie während 
des Sitzens unterhalten wollte, damit sie nicht 
Langeweile hätte. Als Alles bereit war. trat 
die Königin herein und setzte sich, wie ich es 
wünschte. Ich fing sogleich beim Arbeiten ein 
Gespräch an über die Malerei, wobei sie mit 
Gefallen zuhörte, und wenn ich es nöthig fand, 
daß sie den Mund bewegte, that ich eine Frage, 
worauf sie etwas erwidern mußte. So waren rasch 
dreiviertel jStunden vergangen und ich stand auf 
und dankte für die gehabte Geduld. Die Königin
	        

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