Full text: Hessenland (2.1888)

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Anträge ;ur Geschichte des Ktäötchens Medenstem und der 
Aamilie Keß v. Wichdorff. 
Hersusgegeben von Ernst Wolsgang Heß v. Wichdorff. 
(Fortsetzung). V / » 
— Alle Rechte vorbehalten. 
3. Entwickelung der Stadt Niedenstein. 
Die junge Stadt scheint bald in gedeihliche 
Zunahme gekommen zu sein. Obwohl ihre Lage 
in einem entlegenen Thalwinkel, fern von den 
größeren Handels- und Verkehrswegen, ihr keinen 
Antheil an dem besonderen Gewinn vergönnte, 
den die benachbarten Städte, wie z. B. Gudens- 
berg, Fritzlar re. aus dem Vortheile ihrer Lage 
an der großen Handelsstraße vom Main nach 
der Weser zogen, so blühten doch auch in Nieden 
stein bald bürgerliche Gewerbe empor. Die Zeit 
der Erhebung zur Stadt fiel noch in jene Periode, 
wo die Städte durch den Zuzug der ländlichen 
Bevölkerung, welche nach den Freiheiten und 
Rechten der Stadtbürger strebte, rasch au Be 
völkerung zunahmen. Es ist bekannt, wie zahl 
reich sich damals anderwärts die Hörigen vom 
Lande nach den Städten drängten, um sich der 
Leibeigenschaft zu entziehen und wie dringend 
und zahlreich die Klagen des Landadels waren, 
daß seine Interessen durch die bereitwillige Auf 
nahme ihrer Unterthanen in den Städten schwer 
geschädigt würden. Wenn es auch im Hessenlande 
keine Leibeigenschaft gab, so boten doch die Städte 
den Dorfbewohnern immerhin große Vortheile 
und dem Zuge derselben dahin haben die zahl 
reichen Städtegründungen jener Periode in Hessen 
guten Theils ihre rasche Entwickelung zu danken. 
So war es wohl auch in Niedenstein und man 
erkennt an der überall auf Raumersparniß be 
rechneten Anlage der Stadt, daß sie schon früh 
dicht bebaut worden sein muß. 
Die erste nothdürftige Verwahrung der Stadt 
gegen Außen bestand nach obiger Nachricht aus 
einer Pallisadirung, Wall und Graben; sie muß 
aber bald durch eine solidere Befestigung mit 
Mauern und Thürmen verstärkt worden sein, 
denn es finden sich noch im XIII. Jahrhundert 
Andeutungen auf hierzu gewährte Verwilligungen 
des Landgrafen Heinrich I. — Ihm mußte ja 
die baldige vollständige Fortificirung schon aus 
dem Grunde am Herzen liegen, weil er in Nieden 
stein eine neue nicht unwichtige Schutzwehr gegen 
über dein nahen Fritzlar und den von da aus 
gehenden Einfüllen churmainzischer Heerhaufen in 
sein Land zu gewinnen hoffte. Vor der Mitte 
des XIV. Jahrhunderts ist jedenfalls die Be 
festigung längst vollendet gewesen, denn — wie 
schon oben erwähnt — erlitt der obere Thor 
thurm der Stadt 1349 bei einer Erderschütterung 
einen Riß. — 
Die wehrhafte Bürgerschaft, in welcher ein 
kriegerischer Geist vorwaltend blieb und sich Jahr 
hunderte lang erhielt, leistete dem Landgrafen 
schon früh treue Heeresfolge. Die Kampflust 
zeigte sich namentlich in der Neigung der von 
adeligen Elementen reich durchsetzten Bürgerschaft 
zu Solddienstcu und in dem Eifer, mit welchem 
sie den Aufgeboten der Landesfürsten zur Heeres- 
solge nachkam. Daß man dabei auch auf Gewinn 
und Beute bedacht war, also aus dem Kriegs 
dienste ein Gewerbe machte, geht aus mancher 
lei Andeutungen bestimmt hervor. (Schmincke 
monim. hassiac. II. p. 491. — Vilmar Hess. 
Idiotikon p. 132). 
Das Wappen, welches der Stadt schon früh 
von dem Landgrafen verliehen wurde — die 
Zeit der Verleihung ist nicht bekannt, es wurde 
aber bereits im XIV. Jahrhundert geführt — 
hat ohne Zweifel Beziehung auf die kriegerischen 
Verdienste der Bürgerschaft. Es zeigt einen 
schwarzen geschlossenen Stechhelm in goldenem 
Felde, die Helmzier zwei goldene Schröterhörncr 
nüt dem rcchtsschrcitenden hessischen Löwen in 
der Mitte. 
Ein Beweis dafür, daß die Stadt schon bald 
zu Achtung und Ansehen im Laude gelangt sein 
und daß sic sich auch gefühlt haben muß, liegt 
wohl darin, daß sie 1375 zur Theilnahme an 
der Koalition der niederhessischen Städte zur Ab 
wehr der von Landgraf Hermann versuchten 
Eingriffe in die städtischen Freiheiten, eingeladen
        

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