Full text: Hessenland (2.1888)

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Ans alter und neuer Zeit. 
(E in verhängnißvolles Trinkgelage.) 
Kein Volk der Welt hat wohl so gewaltige Zecher 
vor dem Herrn aufzuweisen, als unser liebes deut 
sches Vaterland. Es gab Zeilen, in welchen das 
Zechen zum dou-ton der höchsten Gesellschaftskreise 
gehörte und nicht blos Kavaliere, sondern auch Edel 
frauen sich der edlen Kunst des Trinkens nach Kräften 
befleißigten. 
Große Trinkgelage waren an den Höfen keine 
Seltenheit, und wer am meisten trinken konnte war 
ein angesehener Mann. Der Baron von Pöllnitz hat 
uns in seinem Memorien recht anziehend geschildert, 
wie es vor ungefähr 150 Jahren an den Hoftafeln 
der geistlichen Fürsten zu Fulda und Würzburg, so 
wie des weltlichen Kurfürsten von der Pfalz zuging. 
In Fulda soll sogar nach Pöllnitz um jene Zeit ein 
Prälat existirt haben, der sich rühmen konnte, 8 Maß 
(16 Flaschen) Wein trinken zu dürfen, ohne daß er 
die ihm obliegenden geistlichen Pflichten verabsäumt 
habe.""') 
Wer erinnert sich da nicht an Goethe's Sankt 
Rochusfest in Bingen? Wir können es uns nicht 
versagen, hier eine Stelle aus der Rede wiederzugeben, 
welche Goethe den Weihbischof in dessen Fastenpredigt 
gegen die Trunksucht halten läßt. Nachdem der hohe 
Prälat dieses schreckliche Laster seiner Gemeinde in 
den stärksten Farben dargestellt, schließt er also: 
„Ihr überzeugt euch hieraus, andächtige, zur Reue 
und Buße schon begnadigte Zuhörer daß derjenige 
die größte Sünde begehe, welcher die herrlichen Gaben 
Gottes solcherweise mißbraucht. Der Mißbrauch aber 
schließt den Gebrauch nicht aus. Stehet doch ge 
schrieben: Der Wein erfreut des Menschen Herz! 
Daraus erhellt, daß wir, uns und andere zu erfreuen, 
des Weins gar wohl genießen können und sollen. 
Nun ist aber unter meinen männlichen Zuhörern 
vielleicht keiner, der nicht zwei Maß Wein zu sich 
nähme, ohne deshalb gerade einige Veränderung seiner 
Sinne zu spüren; wer jedoch bei dem dritten und 
vierten schon so arg in Vergessenheit seiner selbst ge- 
räth, daß er Frau und Kinder verkennt, sie mit 
Schelten, Schlägen und Fußtritten verletzt und seine 
Geliebtesten als seine ärgsten Feinde behandelt, der 
gehe sogleich in sich und unterlasse ein solches Ueber 
maß, welches ihn mißfällig macht Gott und Menschen 
und seines Gleichen verächtlich. Wer aber bei dem 
Genuß von vier Maß, ja von fünfen und sechsen 
noch dergestalt sich selbst gleich bleibt, daß er seinen 
Nebenchristen liebevoll unter die Arme greifen mag, 
dem Hauswesen vorstehen kann, ja die Befehle geistlicher 
und weltlicher Obern auszurichten sich im Stande findet, 
auch der genieße sein bescheiden Theil und nehme es 
mit Dank dahin! Er hüte sich aber ohne besondere 
Prüfung weiter zu gehen, weil hier gewöhnlich dem 
schwachen Menschen ein Ziel gesetzt wird. Denn der 
Fall ist äußerst selten, daß der grundgütige Gott je 
mand die besondere Gnade verleiht, acht Maß trinken 
zu dürfen, wie er mich, seinen Knecht, gewürdigt hat. 
Da mir aber nun nicht nachgesagt werden kann, daß 
ich in ungerechtem Zorn auf jemand losgefahren sei, 
daß ich Hausgenossen und Anverwandte mißkannt, 
oder wohl gar die mir obliegenden geistlichen Pflichten 
und Geschäfte verabsäumt hätte, vielmehr ihr alle 
mir das Zeugniß geben werdet, wie ich immer bereit 
bin, zu Lob und Ehre Gottes, auch zu Nutz und 
Vortheil meines Nächsten mich thätig finden zu lassen, 
so darf ich wohl mit gutem Gewissen und mit Dank 
dieser anvertrauten Gabe ruich auch fernerhin erfreuen. 
„Und ihr, meine andächtigen Zuhörer, nehme ein 
jeder, damit er, nach dem Willen des Gebers, von 
Liebe erquickt, am Geiste erfreut werde, sein bescheiden 
Theil dahin! Und auf daß ein solches geschehe, alles 
Uebermaß dagegen verbannt sei, handelt sämmtlich 
nach der Vorschrift des heiligen Apostels, welcher spricht: 
Prüfet alles und das Beste behaltet!" — 
Anders ist es heutzutage. So gern man auch 
noch in allen Gesellschaftskreisen den Herren Bacchus 
und Gambrinus huldigt, in arte xotutoria leisten 
heute fast nur noch die Herren Studenten Rühmens 
werthes. — War zu Anfang der 40er Jahre ein 
norddeutscher Studiosus der Theologie in Marburg, 
der Abends auf der Kneipe 40 Schoppen trank und 
dreimal den Birkenmaier leerte. Lange hat er's frei 
lich nicht getrieben. Nachdem er noch auf der Georgia 
Augusta, in Göttingen, Proben seines eminenten Ta 
lentes im Trinken abgelegt, starb er frühzeitig als 
Kandidat des Predigeramtes in seiner norddeutschen 
Heimath. Und was muß nicht der Herzog Tus, der 
so und so vielte, im studentischen Bierstaate zu Lichten- 
hain bei Jena bei festlichen Gelagen im frischen, 
fröhlichen Lanzenbrechen — mit Stübchen geleistet 
haben, um es zu dieser Würde zu bringen! — In 
Gießen hatten zu Ende der 40er Jahre drei Musen 
söhne ein „Fein Kollegium", in welchem es für jeden 
Bestimmung war, 100 halbe Schoppen Wein, das 
sind ‘25 Flaschen, in einem Sitze zu trinken! Kaum 
glaublich, aber wahr! Die Folgen dieser Libationen, 
die wöchentlich einmal auf einem besonderen Zimmer 
des Gasthofs zum Einhorn stattfanden, blieben nicht 
aus — —; aber alle drei einst so weinfrohen Ge 
sellen sind sehr solide, sehr ehrwürdige alte Herren 
geworden, und einer sogar von ihnen genießt den 
Ruf eines Koryphäen in seiner Wissenschaft. 
Alle diese Leistungen auf dem Gebiete der edlen 
Zechkunst werden verdunkelt durch das Baner'sche 
Trinkgelage zu Hildesheim im Oktober 1640, das 
freilich für die Teilnehmer ein sehr verhängnißvolles 
werden sollte. 
Der schwedische General Bauer war einer der her- 
vorragensten Feldherren seiner Zeit. Wie es häufiger 
*) Es soll ein Herr von Buseck gewesen sein.
	        

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