Full text: Hessenland (2.1888)

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blumenverzierten Buchstaben malen lies;: 
„Was mich in dieser Welt beglückt, 
Das währet eine kurze Zeit: 
Was aber meine Seele liebt, 
Das bleibt in alle Ewigkeit." 
Auch jetzt sah die reiche Erbin wieder »ach dein 
Spruche hinüber, wobei ein leiser Seufzer ihren 
Lippen entfuhr. — Viele Burschen gingen immer 
und immer wieder auffällig a»l Gehöfte vorbei, 
denen sie schon deutlich genug ihre Abneigung zu 
verstehen gegeben hatte, nur einer besaß Ehr 
gefühl und ließ sich nicht blicken. Freilich war 
dieser nicht reich wie die andern, sondern nur ein 
armer Verwalter, aber das wäre doch anders ge 
wesen, wenn sein verstorbener Vater nicht den 
schönen Lindenhof und sein übriges Vermögen durch 
Bürgschaften für einen falschen Freund eingebüßt 
hätte. Berthold hatte übrigens auch ein viel 
größeres Recht dazu sich ihr zu nähern, wie alle 
anderen. Er war ihr Lebensretter, hatte sie als 
Kind den Wellen der Lahn entrissen und die 
Versicherung von ihr erhalten, daß sie ihn, wenn 
sie später so groß sei, wie er selbst, zum Danke 
dafür heirathen wolle. Marielies wußte noch ganz 
genau, auf welche herzliche Art sie ihm damals 
diese Versicherung gegeben hatte. Heute schämte 
sie sich dieser Worte und fragte sich mit einem 
unbehaglichen Gefühl, ob sich wohl Berthold noch 
an ihr kindisches Versprechen erinnern würde. 
Es sah zwar nicht darnach aus, aber Marielies 
De» alten Försters letzter Wunsch. 
Wenn ich einmal soll sterben, 
Sv möcht's im Frühling sein, 
Wenn sich die Wälder färben 
Im goldnen Sonnenschein. 
Wenn bunte Blumen blühen 
Im Feld und auf der Au', 
Wenn Silberwolken ziehen 
Hin durch des Aethers Blau. 
Wenn im Gezweig der Föhre 
Die Turteltaube girrt, 
Wenn in dem Blüthenmeere 
Der trunkne Falter irrt. 
Wenn hoch in blauen Lüften 
Der Lerche Lied erklingt, 
Berauscht von Blumendüften 
Im Busch der Sprosser singt. 
Wenn sich in weiten Kreisen 
Der Habicht selig wiegt, 
Wenn, ihre Brut zu speisen, 
Zum Nest die Schwalbe fliegt. 
fühlte, daß dies wohl doch der Fall sein müsse. 
Er wich ihr ja schon längst aus, wo er nur konnte, 
und wenn sie sich trotzdem alle paar Monate einmal 
begegneten, dann war er immer so zurückhaltend, 
als ob er sic vor einer falschen Meinung bewahren 
müsse. Dies hätte er aber gar nicht nöthig gehabt. 
Wußte sic doch längst, daß sie ihm um der alten 
Nachbarschaft willen wohl und werth, aber sonst 
im Grunde doch ganz gleichgültig war. — Warum 
verursachte ihr nur sein abstoßendes Wesen pein 
liche Gedanken? War Berthold ihr lieber, als 
sie seither selbst gewußt hatte, war er der Rechte, 
den sie allen anderen vorziehen würde? — Nein, 
nein, das gewiß nicht! — Sie achtete ihn nur 
höher wie ihre sämmtlichen Freier zusammen, 
weil er aufrichtig war und um Goldes und Gutes 
willen keine Liebe heuchelte, von der sein Herz 
nichts wußte. Von jeher war Berthold ein ehr 
licher Mensch gewesen. Wie an Schönheit und 
Körpergröße, so hatte er stets alle Kameraden 
an treuherziger Offenheit und festem Willen übcr- 
troffen. 
„Jungfer, das Gesinde ist in der Stube und 
harrt auf Euch!" rief in diesem Augenblick die 
Obermagd ihrer jungen Herrin zu. 
Sie entriß dadurch Marielies dem Einfluß 
peinlicher Betrachtungen, die bereits anfingen ihren 
Seelenfrieden zu störe» und heimlich nagende 
Gedanken in ihrem Herzen festzusetzen. 
(Fortsetzung folgt.) ) .// ' • y( 
lind soll ich einmal sterben, 
Dann nicht im engen Haus, 
Die letzte Ruh erwerben 
Will ich im Walde draus. 
Wohl in des Waldes Stille, 
Im Bett von weichem Moos, 
Ring' sich voll ihrer Hülle 
Die müde Seele los. 
Und wollt ihr mich begrabe», 
So möcht's im Walde sein, 
Und Blumen müßt' ich haben 
Wohl in den Sarg hinein. 
Und bei der Waldkapelle 
Da grabt mir dann meiit Grab, 
Mein Waldmann kennt die Stelle, 
Weiß, daß ich lieb sie hab'! 
Daun will ich selig lauschen 
In meiner kühlen Gruft 
Dem süßen Waldesrauschen, 
Bis die Posaune ruft. 
Marburg, Frühling 1888. K er mann Kaafe.
        

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