Volltext: Hessenland (2.1888)

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In das runde, blühende Antlitz des Mädchens 
trat tiefer Ernst, und ihre schönen blauen Augen 
wurden feucht. „Hannes", gab sie bewegt zurück, 
„mir ist's grad, als ob ich jemand von unserm 
Stamm an dem Gaul verlieren that. All mein 
Lebtag vergeh ich's ja dem Schimmel nit, daß 
er damals meinen Vater selig vor jähem Tod 
bewahrt hat. Kann man denn wvhl gar nix 
mehr für das arme Vieh thun?" 
Hannes legte in sein runzeliges Gesicht einen 
höchst wichtigen Ausdruck. „Marielies," sagte 
er dann, „ich hab'mir die ganze Sach' noch ein 
mal enke*) überlegt und bleibe dabei, der Gaul 
ist verhext. Der Doktor kann ihm nit helfen. 
Wer allein noch etwas machen kann, das ist der 
Krüuterbast in Wildenborn." 
„Wenn Ihr das meint, Hannes, dann mach' 
ich mich hernach gleich ans den Weg. Es mag 
kosten, was es will, Ihr wißt ja, ich brauche zum 
Glück die Batzen nit zu scheuen." 
„Ja, ja, Marielies, das weiß ich wohl," gab 
der alte Knecht schmunzelnd lind mit noch größerem 
Stolze wie das Mädchen selbst zurück. „Aber 
kannst erst gegen Abend zum Kräuterbast gehen. 
Was man im Zwielicht bei ihm langt, soll ganz 
absonderlich heilsam sein." 
Als Marielies gerade entgegnete, daß sie alles 
thun wolle, um das kranke Pferd zu retten, ging 
ein junger Bursche an der Einfahrt vorüber, 
wünschte beiden freundlich „Guten Morgen" und 
sah sich noch einina! um, als er schon vorbei war. 
Hannes stieß seine junge Herrin an den Ellen 
bogen und sagte schelmisch: „Na, wie wür's denn, 
wenn du dir den dort zur Gesellschaft mitnehmen 
thütst? — Brauchst ihm nur 'neu Wink zL geben, 
er kommt gleich gehippt wie 'en gut dressierter 
Jagdhund." 
„Schwätzt nit so unnütz' Zeug wie 'en alt' 
klatschig Weibsbild, Hannes," versetzte das Mäd 
chen ärgerlich. „Alleweil hat's zum Glück noch 
Zeit bei mir mit dem Spruch: 
„Ich denk' ans Geld und nehm in Ruh' 
Das alt' Gelichter mit dazu." 
„Na, na, Dirn, nur nit zu abschternat!**) 
Glaub's dem alten Hannes, der schon dein' Vater 
selig auf seinem Knie hopsen ließ, cs ist noch 
dein Unglück, daß du meinst, die Mannsleut' 
guckten nur all auf dein Geld und Gut. Bist 
doch, weiß der liebe Himmel, 'ne Dirn wie 'ne 
Ros' um Johannstag herum!" 
Die kleinen blinzelnden Augen des Alten über 
schauten sichtlich vergnügt die stattliche Erscheinung 
der jungen Herrin. Diese war bei seinen letzten 
Worten über und über roth geworden und bat 
*) genau. 
**) obstinat. 
jetzt fast schüchtern, Hannes möge nie mehr einen 
solch dummen Scherz machen. 
„Gut, ich will still sein, Marielies," fuhr der 
Angeredete fort. „Aber hoffen will ich in mir 
nach wie vor, daß doch noch einmal der Rechte 
kommt. — Der mag dir's dann aus dem Funda 
ment beweisen, daß man auch ohne das große 
Wesen*) ganz sakramentsch verrückt in dich sein 
kann." 
Ein Schüttelt glitt über das Antlitz der An 
geredeten. 
„Dann darf ich mir das Warten nit verdrießen 
lassen," gab Marielies fast wehmüthig zurück. 
Doch als ob sie schon zu viel davon verrathen 
habe, was sie über diesen Punkt denke, so herzlich 
lachte sie jetzt und sagte: „Wenn aber der Rechte 
wirklich einmal kommt, dann haben alle arme 
Leut' im Dorf einen frohen Tag, und der alte 
Hannes kann sich wünschen, was sein Herz begehrt." 
Schmunzelnd ging der Knecht mit der Arznei 
in den Pferdestall zurück, Marielies aber blieb 
noch eine Weile in der Einfahrt stehen. Der 
Rechte ging ihr im Kopf herum. — Während 
sie über ihn nachdachte, gingen ein paar Bursche 
vorbei, die sie sämmtlich mit bedeutungsvollen Blicken 
grüßten. Alle waren Söhne von reichen Bauern 
aus dem Dorfe und aus der Umgegend. Das 
Mädchen wußte, daß es nur eine freundliche 
Miene zu machen brauchte, um einen derselben 
zu einem Heirathsantrag anzuregen. Aber sie 
war sich auch vollkommen klar darüber, wem 
eigentlich der Eifer dieser manchmal sogar zu 
dringlichen Freier galt. Marielies war die reichste 
Erbin weit und breit und brauchte mit niemand 
zu theilen. Seit sie vor ein paar Wochen voll 
jährig geworden war, durfte sie sogar ganz selbst 
ständig über ihre Handlungen entscheiden. Allein 
das Mädchen vermochte es nicht über sich, einem 
der vielen Bewerber das Jawort zu gebe». __ Der 
Gedanke verhinderte Marielies daran, daß sie 
doch an jedem Finger einen Freier gehabt hätte, 
selbst wenn sie so häßlich wie die Nacht und so 
gar von schlechter Gemüthsart gewesen wäre. 
In den wenigen Wochen, seit sie mündig war, 
hatte sie schon die Menschen von ihren niedrigsten 
Seiten kennen gelernt und klar durchschaut, daß 
ihre Person die unbedeutendste Rolle bei den 
vielen Anträgen spielte. Deshalb ließ sie sich 
auch nicht durch die Schmeicheleien berücken, mit 
der viele Freier und deren Angehörigen ihr Herz 
zu umgarnen suchten. Marielies hatte sich fest 
vorgenommen, bei dem im Leben wichtigsten 
Schritte nur ihr Gemüth zu fragen und stets der 
Worte zu gedenken, die ihr Großvater auf ein 
weißgetünchtes Gefach des Wohnhauses mit großen 
*) Gut.
        

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