Volltext: Hessenland (2.1888)

167 
iesftsche Khrmlasel.*) 
Von Joseph Schwank. 
«Fortsetzung.) 
XII. Französischer Revolutions-Krieg 
1792 bis zum Baseler Frieden 1795. 
1792 August. Sechstausend Hessen traten unter 
persönlichem Kommando des Landgrafen 
den Marsch in die Champagne an. In 
sehr schwieriger Lage behauptete der Land 
graf beim Rückmarsch die Posten vvnClermont 
und Verdun. Mit Menschlichkeit wurden 
die Requisitionen vorgenommen, eine vor 
treffliche Mannszucht überall bethätigt, was 
die Beauftragten des Pariser Convents in 
ihrem Bericht unumwunden anerkannten: 
„die Hessen haben sich in Clermont und Um 
gegend gut betragen und außer den nothwendigsten 
Requisitionen zu ihrem Unterhalte überall das 
Eigenthum der Einwohner geschont." 
1792 5. Nov. Gefecht bei Weilburg. 
In forcierten Märschen hatten sich die 
Hessen des wichtigen Passes von Koblenz 
bemächtigt. Dadurch wurden der Besitz 
von Ehrenbreitstein und die Preußischen 
Magazine gerettet, auch die Position an 
der Lahn erleichtert. 
Eine der glänzendsten Wassenthaten ist 
die Erstürmung von Frankfurt. 
„ 2. Dez. Durch den von Custine an die 
hessische Armee erlassenen, sie zum Treu 
bruche, ja zur Auslieferung des Landgrafen 
an die Franzosen auffordernden Aufruf war 
große Erbitterung entstanden, welche sich 
bei dem Eindringen der Truppen in die 
Straßen Frankfurts offenbarte. Ohne 
einen Schuß zu thun, mit Trvmmelschlag, 
wildem „Victoria" und dem Ruse: „Tod 
dem Custinus," „der Custinus soll sterben" 
drang die Garde in die Stadt und stieß 
alles nieder, was Widerstand zu leisten 
versuchte. Die Reiterei verfolgte die nach 
Bockenheim zu fliehende feindliche Besatzung, 
wobei namentlich von der Garde du Corps 
über 500 Mann theils niedergehauen, 
theils gefangen genommen wurden. Im 
Ganzen geriethen General von Helden, 
44 Offiziere und 1158 Mann in Gefangen 
schaft, 2 Fahnen (1 durch das 1. Bataillon 
Garde, 1 durch die Husaren) und 2 Geschütze 
wurden erbeutet. Die Sieger verloren 
16 Offiziere und 168 Mann an Todten 
und meist schwer Verwundeten. Ueberaus 
lvbenswerth war das Verhalten und die 
Mannszucht der Truppen, nachdem die 
Stadt vollständig in Besitz genommen 
war. Kein Mann trat aus Reihe und 
und Glied; es harrten vielmehr Alle ruhig 
stundenlang unter dem Gewehre aus, sodass 
König Friedrich Wilhelm II., welcher mit 
dem Herzog von Braunschweig und zahl 
reichen Generalen den hessischen Sturm- 
Kolonnen auf dem Fuße gefolgt war und 
die in der Stadt aufmarschierten Truppen 
besichtigte, die Aeußerung that: „er ver 
meine zu träumen und nicht einem blutigen 
Sturm, sondern einem Potsdamer Manöver 
beigewohnt zu haben." In Anbetracht 
dieser musterhaften Disciplin ließ der König 
denn auch allen hessischen Kriegern nicht 
nur einen Sturmsold auszahlen, sondern 
auch die in Frankfurt verbleibenden hessischen 
Truppen 24 Stunden lang von allem Dienst 
befreit sein. Statt ihrer mußten noch 
denselben Tag 3 Bataillone preußischer 
Garde in Frankfurt einrücken und alle 
Wachen besetzen. Aber auch die Todten 
ehrte der König in hochherziger Weise, 
indem er an der Stelle, wo die Meisten 
gefallen, ein Ehrendenknial errichten ließ. 
Bei dessen Anblick brach Napoleon I., als 
er 1813 durch Frankfurt kam, in die Worte 
aus: „Sieh da! Ein Denkmal soldatischer 
Tapferkeit! Ruhm den Gefallenen! Ruhm 
auch den Besiegten! Ein schönes, ein 
tröstendes Bild für den auch im Unglück 
muthig Kämpfenden. Die Garde soll hier 
ihr Bivouac aufschlagen. Der Franzose 
liebt den Ruhm; sie mögen sich gegen 
seitig schützen." **) 
Dieses Denkmal ist einzig in seiner Art. 
Nicht nur, daß es kein zweites hessischer 
Tapferkeit errichtetes gibt; es ist auch 
kein anderes vorhanden, welches von einem 
fremden Herrscher fremden Kriegern ge 
widmet worden wäre. 
**) Die hessischen Grenadier-Bataillone waren aus lauter 
gedienten, im blühenden Mannesalter (3a—32 Jahre) 
stehenden, nicht unter ll und nicht über 8 Zoll großen 
Leuten gebildet. Sie waren die schönsten Bataillone der 
damaligen europäischen Heere — und wurden von Freund 
und Feind mit Ehrsurcht und Bewunderung genannt. 
Mil de» Grenadieren genossen die Jäger gleiche Achtung. 
Oe sont d’excellents tireurs, tres utiles dans la petite 
guerre sagt von ihnen basTableau hist, de la guerre 1.171. 
*) S. „Hessenland" Nr. 8 voin 12. April d. I.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.