Full text: Hessenland (2.1888)

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man kann den Enthusiasmus begreifen, de» 
namentlich seine Frauenbildnisse erregten. Da 
war Alles vorhanden, was die Welt des Puders, 
der Schminke und der Schönpflästerchen in Ent 
zücken versetzen mußte. Ueber dem blühenden 
Kolorit, den meisterhaft gemalten Stoffen und 
Spitzen übersah man den Mangel der Wahrheit 
und Natur, von der freilich in diesen Kreisen 
nicht viel die Rede war. Die prachtvolle Samm 
lung Tischbcin'scher Frauenbildnisse im Schlosse 
zu Wilhelmsthal bietet wohl das Beste und 
Schönste, was wir von dem Meister besitzen. 
Tischbein hatte einen zweiten, aber ebenfalls 
vergeblichen Versuch gemacht, sich in Rom nieder 
zulassen lind begab sich im Jahr 1760 nach 
Mainz, um einige Portraits zu malen. Graf 
Stadion, sein treuer Beschützer, befand sich in 
Frankfurt mit dem Landgrafen Wilhelm VIII. 
von Hessen. Beide waren große Kunstfreunde 
und eifrige Sammler von Gemälden und ihre 
Unterhaltung hatte natürlich die Kunst zum 
Gegenstand. Der Graf zeigte dem Fürsten das 
Bildniß einer Dame ans Mainz. „Das ist," 
sagte er, „das Werk eines Unterthanen Ihrer 
Hoheit, den ich habe reisen und studiren lassen; 
nun ist er ein zu großer Künstler für mich ge 
worden und ich würde ihn gern Ew. Hoheit über 
lassen, damit er sich noch in seiner Kunst ver 
vollkommnen könnte." Der Landgraf wollte 
nicht glauben, daß das Bild von einem Deutschen 
gemalt sei. „Kein Hesse," wiederholte er, „ist 
im Stande so zu malen, das Bild hat ein 
Franzose gemalt." — Tischbein befand sich in 
Mainz, der Graf schrieb ihm, sofort nach Frankfurt 
zu kommen und Pinsel und Farben nicht zu ver 
gessen. Trotz eines furchtbaren Zahnschmerzes 
kam der Künstler dieser Aufforderung nach. 
Nachdem ihn der Graf von dem Vorgefallenen 
in Kenntniß gesetzt, theilte er ihm mit, daß er 
am nächsten Morgen das Portrait des Land 
grafen anfangen und sehr schnell beenden müsse, 
da der Herr bald abreisen wolle. Tischbein wollte 
sich entschuldigen, er sei krank und könne kaum 
die Augen aufmachen vor Schmerz. „Das 
kann sein," meinte der Graf, „aber Sie dürfen 
sich dennoch nicht weigern, ich weiß, Sie können 
es, und überdies muß das Portrait morgen 
schon fertig sein Ihr Glück, Tischbein, hängt 
davon ab und meine Ehre; der Landgraf würde 
mich für einen Aufschneider halten, denn er will 
absolut nicht glauben, daß Sie der Maler dieses 
Frauenportraits sind." Tischbein mußte nachgeben 
und brachte trotz der peinigendsten Schmerzen 
eines seiner besten Bilder hervor. Der Landgraf, 
der im höchsten Grade erstaunt und zufrieden 
war, ernannte T. zum Hofmaler. Im Jahre 
1806 befand sich dies Bild noch im „Kabinet 
Wilhelms VIII.", wo es wie ein kostbares Juwel 
bewahrt wurde. 
Im Jahr 1776, nachdem der Landgraf Fried 
rich II. eine Akademie der bildenden Künste ge 
gründet, ernannte er Tischbein zum Direktor und 
später zum Professor und Rath. 
Unter den religiösen Gemälden des Meisters 
ist besonders zu erwähnen das große Altarbild 
in der Michacliskirche zu Hamburg. Zahlreich 
sind seine Historienbilder, deren bedeutendstes 
„die Hermannsschlacht", sich im Schlosse zu 
Pyrmont befindet. 
Vorzugsweise war es aber die Mythologie, 
an welcher er sich zu Gegenständen für seine 
Gemälde begeisterte. 
Zahllos sind die Kopien, welche nach den 
Bildnissen des ältern Tischbein gemacht wurden 
und in späterer Zeit hartnäckig für Original- 
werke ausgegeben wurden, sie können freilich den 
Kenner nicht täuschen, aber sie haben dem Namen 
des Meisters entschieden geschadet. — Neben der 
Malerei handhabte er auch mit Erfolg den 
Grabstichel und reproducirte damit viele seiner 
Gemälde. 
Von den weniger Bedeutenden der Maler 
gruppe Tischbein seien hier noch drei ganz kurz 
erwähnt, um eine Uebersicht zu ermöglichen. 
Johann Jakob, geb. 1724 und in Lübeck im 
Jahre 1791 gestorben, war Landschafts- und 
Thiermaler, führte seine Bilder, welche vortrefflich 
gezeichnet waren, in sehr kleinem Maßstab aus und 
stndirte mit besonderer Vorliebe die Niederländer, 
Wouvermann und Berghem. Sein intimer 
Freund, der Maler Philipp Hackert, malte ge 
wöhnlich den landschaftlichen Theil. Die kleinen 
Gemälde wanderten größtentheils nach Rußland, 
wo sie für Original-Niederländer galten und 
gern gekauft wurden. Der jüngste Sohn des 
alten Bäckermeisters, Anton Wilhelm, starb in 
Hanau im Jahr 1804. Er war Schüler seines 
Bruders Valentin und lebte längere Zeit in 
Mainz, wo noch zahlreiche Gemälde von ihm 
existiren. Aus der zweiten Generation muß nun 
zunächst der jüngere Jvh. Heinrich erwähnt 
werden. Sein Geburtsjahr ist 1742 und er 
starb in Kassel im Jahr 1808. 
Sein Oheim, der ältere Joh. Heinrich, war 
sein Lehrer, doch wandte er sich mit Vorliebe 
und Erfolg der Landschaftsmalerei zu. Bald 
nach seiner Niederlassung in Kassel wurde er 
Inspektor der Gemäldegallerie des Landgrafen, 
welche sein Onkel und Meister geordnet hatte. 
Eines seiner schönsten Bilder, eine Landschaft 
mit Thiere», befindet sich in der Sammlung 
des alten Schlosses in Nürnberg. 
(Fortsetzung folgt.)
        

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