Full text: Hessenland (2.1888)

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gewöhnlichen Bildung gewesen sein und seinen 
nenn Kindern eine tüchtige Erziehung gegeben 
haben. Nicht wenig unterstützte ihn dabei seine 
wackere Ehehälfte, eine Rheinländerin ans Bingen, 
welche ein besonderes Geschick für künstlerische 
weibliche Handarbeiten besaß und die keimenden 
Talente ihrer Knaben liebevoll pflegte. 
Mit besonderer Liebe verweilt der Enkel Joh. 
Heinr. Wilhelm, der bedeutendste der Tischbein, 
bei dem harmonischen Familienleben im groß 
väterlichen Hause, in seinen Erinnerungen, („Aus 
meinem Leben,") und schildert den gottesfürchtigen 
Sinn seines Vaters »nd dessen Liebe zur Natur 
und zu den Thieren. Er erzählt, „Um uns Raum 
znm Zeichnen zu geben, entfernte man die Decke 
von einem, mit einer Schieferplatte belegten Tisch. 
Jedes Kind bekam dann einen Griffel und der 
Tisch wurde dergestalt in Felder getheilt, daß 
jedes ein solches für sich hatte. Mich nannten 
meine kleinen Kameraden den Maler, weil ich 
ein Mal eine Zeichnung mit Kohle ans die Wand 
gezeichnet. Ich wollte eine Jagd darstellen, Hirsche 
und Eber wurden von einem berittenen Jäger 
verfolgt, während die Hunde folgten und todt 
oder verwundet über einander stürzten. Dieser 
erste Versuch wurde viel belobt, man schloß daraus, 
daß ich ein Maler werden würde und überließ 
mir in Folge dessen immer das größte Feld des 
Tisches." 
Der älteste der Tischbein. Joh. Heinrich der 
Aelterc genannt, zum Unterschied von seinem 
Neffen, der denselben Namen trägt, ist geboren 
den 3. October 1722 in Haina und starb d. 22. 
August 1789 in Kassel. 
Er zeigte schon früh bedeutende Anlagen für 
die Malerei und erhielt seinen ersten Unterricht 
von dem Maler Fries in Kassel. In seinem 
14. Jahre malte er das Portrait des Kochs des 
Grafen Stadion, Vater des deutschen Gesandten 
in Stockholm und London, und bei einem großen 
Diner, welches der Graf gab, wurde dies Gemälde 
den Gästen gezeigt. Alle waren überrascht von 
der Ähnlichkeit, und das Portrait machte das 
Glück des jungen Künstlers. Graf Stadion, der 
in dem Jüngling das Zeug zu einem großen 
Maler sah, nahm sich seiner an und versah ihn 
mit den Mitteln. seine Anlagen auszubilden. 
Dies konnte nach damaliger Ansicht nur in Paris 
geschehen, wo die berühmtesten Maler lebten. 
Unter diesen einer der gefeiertsten war Vanloo, 
der damals auf der Höhe seiues Ruhmes stand. 
Er war Mitglied der Akademie geworden und 
im Salon von 1737 machten seine Gemälde 
Glück. Zu diesem Maler, von dem Diderot sagte, 
„er sei, wenn auch ein großer Künstler doch kein 
Genie," kam der junge Tischbein und blieb einige 
Jahre. Dann wurde er Schüler von Boucher 
und studierte eifrig die Arbeiten von Watteau, 
dem er besonders die Drapirung der Figuren 
abzusehen sich bestrebte. 
Die Einflüsse, unter welchen Tischbein zu dieser 
Zeit in Paris arbeitete, bestimmten vollkommen 
die Richtung seiner Kunst , er wurde iu dieser 
ganz und gar Franzose. In seltenem Maße 
eignete er sich das Gefällige und Anmutige der 
französischen Malweise an, mit Glück das reiz 
volle Kolorit seiner Pariser Vorbilder. Freilich 
gingen auch die Schwächen und Fehler jener 
Epoche des Knnstverfalls auf ihn über: die innere 
Wahrheit, die ächte Empfindung fehlen. Es sollte 
eben Alles schön sein ans Kosten des Charak 
teristischen. 
Dreizehn Jahre blieb Tischbein in Paris, ging 
dann auf Veranlassung des Grafen Stadion nach 
Italien und besuchte Bologna, Florenz und 
schließlich Rom, wo ihm aber das Klima so 
wenig zusagte, daß er die ewige Stadt bald 
verließ und nach Venedig ging. Hier trat er 
in das Atelier von Piazetta, eines damals hoch- 
berühmten Malers. 
Der Meister überzeugte sich bald von der 
Ebenbürtigkeit — um nicht zu sagen Ueber- 
legenheit seines Schülers und war großherzig 
genug, ihm dies selbst zuzugestehen. 
Tischbein blieb nicht sehr lange in Italien. Bald 
nach seiner Rückkehr in die Heimath verheiratete 
er sich 1755 mit einer Französin, Marie Sophie 
Robert, Tochter des Sekretärs der französischen 
Gesandtschaft in Kassel. Nach vier Jahren starb 
die Frau, und vier Jahre später wurde deren 
Schwester Marianne Pernette, Tischbeins Ge 
mahlin, welche bis 1764 lebte. 
Die Zustände in Deutschland zu dieser Zeit 
waren nicht der Art, um Tischbein einen Einfluß 
auf die Entwickelung der deutschen Kunst zu ge 
statten, doch war die Wirkung, welche das be 
zaubernde Kolorit und die treffliche Zeichnung 
seiner Gemälde ausübten, groß genug, um eine 
Schule zu bilden. 
Zahlreich waren die nach seiner Art sich bil 
denden Künstler. Maßgebend für die Beur 
theilung der Werke der Malerei war zu jener 
Zeit die Pariser Kritik und als der strenge 
Diderot die im Salon von 1761 ansgestellten Ge 
mälde Tischbeins rückhaltlos gelobt hatte, war der 
Ruhm des Künstlers entschieden. Hundert Jahre 
später fällte ein deutscher Kritiker — Waagen — ein 
strengeres aber gewiß richtigeres Urtheil über 
Tischbein. Als Historienmaler nimmt er bei 
der Nachwelt keine sehr hohe Stelle ein; seine 
Kompositionen sind nicht frei von akademischer 
Gespreiztheit, die Zeichnung, wenn auch korrekt, 
neigt oft zur Manierirtheit. Weit Bedeuten 
deres schuf Tischbein als Portraitmaler und
        

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