Full text: Hessenland (2.1888)

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Kenxesblrithe. 
Ein duftig Knöspchen seh' ich blüh'n 
Von selten schöner Art, 
Der Liebe Roth, der Hoffnung Grün 
Zusammen hold gepaart. 
Es leuchtet mir so lieb und mild, 
Als wär's mein guter Stern; 
Das jugendfrische, frohe Bild 
Hab' ich von Herzen gern. 
Die Sonne steigt von Tag zu Tag, 
Bald schmückt sich Flur und Wald, 
Bald hörst du wieder Lerchenschlag, 
Und Frühling wird es bald. 
Mir ist ein junges Glück erwacht. 
O, lieber Sonnenschein, 
Entfalte du zu voller Pracht 
Die Lenzesblüthe mein! 
H. Kr. 
Landgraf Karl irnb das Himmelfahrts 
fest in Kastei. 
Das ist Segen hoher Geister, 
Daß die Nachwelt Kränze flicht, 
Und sich späteste Geschlechter 
Sonnen noch in jenem Licht. 
Solchen Kranz will niederlegen, 
Landgraf Karl, an Deinem Bild 
Von den Tausenden doch einer, 
Welche Du so „wundermild" 
Heut' in Deiner Au bewirthet 
Mit dem lieben Himmelsblau 
Mit dem Maigrün Deiner Wälder 
Mit dem frischen Morgenthau. 
Wohl mag mancher Deiner Ahnen 
Heller leuchten weit und breit: 
Philipp an hochherz'gem Muthe, 
Moritz an Gelehrsamkeit, 
Aber wenn im Gotteshause, 
Das Flüchtlingen Du geschenkt, 
Bei dem Klange frommer Lieder 
Deiner heute man gedenkt, 
Oder wenn im grünen Tempel, 
Den du schufst in der Natur 
Manche gramgebeugte Seele 
Findet ihres Gottes Spur: 
Landgraf Karl, das ist ein Segen 
Darum man Dich neiden mag; — 
Himmelfahrt bleibt doch für Kassel 
Stets Dein schönster Ehrentag! 
Kassel am Himmelfahrtsmorgen 1888. 
Dr. Zs. K. 
Aus alter und neuer Zeit. 
(Die Hessen in der Schlacht von Roß- 
bach.) In Archenholtz, Gesch. d. siebenj. Kr. 
(Leipzig bei Reclam, I. T., S. 93) findet sich fol 
gende Darstellung des Verlaufs der Schlacht von 
Roßbach: „Die Franzosen sowohl als Reichssoldaten 
warfen ihre Gewehre weg, um sich desto geschwinder 
retten zu können. Nur einige Schweizerregimenter 
fochten noch eine Zeit lang und waren die Letzten 
auf dein Schlachtfelde. Nur sieben Bataillone Preußen 
konnten dem Feinde ihr Feuer zeigen. Der Herzog 
Ferdinand von Braunschweig, der den rechten Flügel 
kommandirte und zehn Bataillone bei sich hatte, kam 
gar nicht zum Schlagen; denn die gegen ihm über 
stehenden Reichstruppen liefen gleich bei den ersten 
Kanonenschüssen davon. Durch diese mit Schande 
bezeichnete Flucht wichen sie der Schlacht aus unb 
überließen die Ehre oder Unehre dieses Tages ganz 
den Franzosen." Diese Darstellung ist sodann in die 
geschichtlichen Handbücher, selbst bis in die neueste 
Zeit hinein, übergegangen, inbem die Verfasser sich 
die Mühe der Einzelforschung ersparten und einfach 
von einander abschrieben. So lesen wir bei Georg 
Weber, die Weltgeschichte in übersichtlicher Dar 
stellung (12. Ausl. S. 301): „Die Reichsarmee 
floh gleich beim Beginn der Schlacht so eilig, daß 
der Witz der Spötter ihre Benennung in Reißaus 
armee verkehrte, und die Franzosen folgten ihr; tt 
bei Franz O tto, Das Buch vom alten Fritz 
(Leipzig, 1871, S. 93): „Die Reichsvölker sahen 
sich besser vor. Beim ersten Donner der Kanonen 
liefen sie davon, so daß die preußische Infanterie gar 
nicht zum Schuß kam; u bei Wilhelm Reden 
bacher, Geschichte der Menschheit (Stuttg. 1880, 
S. 680): „Die Reichsarmee, 25,000 Mann, lief 
beim ersten Schuß davon und hieß daher Reißaus 
armee. Die Franzosen hielten bessern Stand" u. s. w. 
Diesen Darstellungen gegenüber erfordert die ge 
schichtliche Wahrheit (unter Hinweis auf Brod rück, 
Quellenstücke und Studien über den Feldzug der 
Reichsarmee von 1757, Leipzig 1858) hinzuzufügen, 
daß die Zuchtlosigkeit, die Schlaffheit und der Leicht 
sinn der Franzosen, sowie die mangelhafte Reichs 
kriegsverfassung die Hauptschuld an dein Mißerfolge 
hatten. Insbesondere aber ist es vaterländische Ehren 
pflicht, hier zu betonen, daß die Hessen an jenem 
denkwürdigen 5. November eine rühm 
lich e A u s n a h m e gebildet unb in ehren- 
£; a f t e f 923 eise tapfern Widerstand geleistet 
haben. 
Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt 
hatte dem Kaiser das Prinz Georg-Regiment (be 
stehend aus 1 Grenadier- und 8 Musketier-Kom 
pagnien = 900 Mann) nebst zwei dreipfündigen 
Regimentsstücken gestellt. Bei Roßbach sollten diese 
Truppen Gelegenheit finden, dem trefflichen preußi-
	        

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