Full text: Hessenland (2.1888)

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Stimmung, nur halb zurechnungsfähig, seine 
Bestätigung zu der Ausweisung Dora's gab. 
Diesen scheinbaren Umschwung in seiner gegen 
das Mädchen sonst zu Tage getretenen Stimmung 
aber hatte sie, nach seinem Fortgang am selben 
Abend in so furchtbarer Weise gegen Dora aus 
gebeutet, daß diese, von Verzweiflung erfaßt, aus 
dem Hause stürzte und sich dem Fluß als erlösen 
den Retter in die Arme warf. Statt am nächsten 
Morgen am Krankenlager ihres Sohnes zu stehen, 
war Hulda nun die Aufgabe zu theil geworden, 
das Leben ihres Mannes »nd ihrer Pflegetochter 
durch die aufopferndste Pflege zu erhalten zu 
sucheil, da das Gewissen sich mächtig in ihr zu 
regen begann und sie das dreifach über sie herein 
gebrochene Unheil als eine Strafe des Himmels 
für ihr unwürdiges Verhalten betrachtete. Mit 
Entsetzen dachte sie auch an die Meinung der 
Welt, welche für ihre Lebensdalter sie als die 
eigentliche Mörderin ihres Mannes und Dora's 
bezeichnen würde. „Das ist sie," würde man sich 
bei ihrem Anblick wenigstens zu denken liicht ent 
halten können, „das ist sie, die ihren Gatten und 
das ihr anvertraute arme Kind in's Wasser ge 
trieben hat. —" Konnte sie sich selbst auch von 
diesem Vorwurf nicht reinigen, so sollte es ihr 
doch erspart werden, das Leben einer der ihr 
nahegestandenen Personen beklagen zu müssen. 
Herr Daniel, sowie Dora erholten sich nach und 
nach von dem genommenen, kalten Bade und 
auch über Franz liefen bald günstigere Nachrichten 
ein, sodaß Frau Hulda Hoffnung schöpfen konnte, 
in der Folge das wieder gut zu machen, was sie 
verbrochen hatte. Während dieser bangen Zeit 
blieb ihr noch eine andere Aufregung nicht erspart. 
Der Spießgeselle Wiesthalers hatte sich an diesen, 
als er die erste Geldsendung so bereitwillig er 
halten, noch mehrfach mit ähnlichen Gesuchen ge 
wandt und als diese ohne Erfolg geblieben, aus 
Rache den Geschäftsführer bei seinem Prinzipal 
denuncirt. Dieser Brief wurde, da Daniel's Zu 
stand keinerlei geschäftliche Thätigkeit zuließ, von 
Frau Hulda gelesen und mit Schaudern sah sie 
ein, wer die Veranlassung zu dem ganzen Drama 
gegeben hatte. Ohne sich lange zu besinnen, 
theilte sie Wiesthaler den Inhalt des Schreibens 
mit und machte ihm auf sehr energische Weise 
klar, daß seines Bleibens in ihrem Hause nach 
dem Vorgefallenen nicht mehr sein könne. Mit 
einem höhnischen Achselzucken nahm Wiesthaler 
seinen fälligen Gehalt entgegen und verließ noch 
an demselben Tag das Städtchen, da er es für 
gerathen hielt, die Genesung des Herrn Daniel 
nicht erst abzuwarten. Der älteste Commis über 
nahm vorläufig seinen Posten. Als nach unge 
fähr vier Wochen Franz eine frische Narbe über 
der Stirne, aber sonst wohl und munter, aus 
der Residenz ankam, fand er seinen Vater und 
Dora völlig wieder hergestellt. Ueber die Wasser- 
geschichte wurde ein Schleier gezogen, und er er 
fuhr vorläufig nur so viel, daß Dora und Herr 
Daniel bei einer Fahrt aus dem Fluß in Lebens 
gefahr gewesen seien. An Daniel Schröder hatte 
sich seit jener Schreckensnacht indessen eine sehr 
heilsame Veränderung vollzogen, sein Kopf war 
ihm so wohlthätig gekühlt worden, daß er einen 
heiligen Schwur gethan hatte, täglich nie mehr, 
als eine Flasche Wein und sonst nichts als Cafe, 
Thee und Wasser zu trinken, und zwar ohne 
irgend eine spirituose Zuthat. Als Franz bei 
seiner Wiederkehr der erröthenden Dora Hände 
ergriff, legte Frau Hulda die ihrigen, ohne eine 
Wort zu sagen, auf der beiden Häupter, und 
Franz zog die Geliebte mit einem innigen Kuße 
an seine Brust. Dame wanderten die beiden 
Liebenden hinaus nach dem stillen Plätzchen auf 
dem Berge, und gaben sich dem Eindruck ihres 
neuen Glückes hin. „Um eines wollte ich dich 
noch fragen," sagte Dora, nachdem sie lange ge 
kost und geplaudert, „weshalb hast du an jenem 
einen Sonntag nicht geschrieben, welcher unserm 
Leiden vorausging?" — Eine Wolke flog über 
Franzens Gesicht. „Ich war damals in einer 
merkwürdigen Stimmung," erwiderte er, „es war 
mir, als ob es wie ein Alp auf mir lastete, als 
ob etwas Schreckliches mir bevorstände, dem ich 
nicht zu entrinnen vermochte. Drei, viermal fing 
ich an zu schreiben, aber so schwermüthiges Zeug, 
daß ich euch zu ängstigen fürchtete und so unter 
ließ ich es lieber ganz. Doch nun hat sich ja 
alles zum Guten gewendet, komm', der Abend 
sinkt, die Mutter wird das Verlobungsmahl be 
reitet haben, wir wollen sie nicht länger warten 
lassen." — „Verlobt," flüsterte Dora und konnte 
sich der Thränen nicht enthalten. — „Meine 
liebe, liebe Braut," rief Franz und küßte ihr 
die Augen. — Als des Abends in der festlich 
erleuchteten guten Stube die umgewandelte Frau 
Hulda ihr Glas füllte, um das Brautpaar hoch 
leben zu lassen, holte Herr Daniel aus dem Wand 
schränkchen, in welchen sonst die Rumcaraffe ihren 
Platz hatte, eine halb gefüllte Weinflasche hervor. 
„Ach laß' doch den Rest, lieber Daniel," sagte 
Frau Hulda, „hier, nimm von dem frisch Ent 
siegelten." — „Hollerchen," erwiederte ihr Gatte, 
„du scheinst mich gewaltsam von dem Pfade der 
Tugend und Mäßigkeit abspenstig machen zu 
wollen. Wie den Rest meines Lebens, kann ich 
auch diesen Weinrest gemüthlich genießen; mein 
Sinn ist allein noch der Genügsamkeit zugewendet, 
wie derDeine der Erhaltung des häuslichen Friedens, 
denn die Radikalkur, die wir beide durchgemacht 
haben, war nicht von schlechten Eltern. Doch nun, das 
Brautpaar, vivat hoch! hoch! und nochmals hoch!" 
irrn-
        

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