Full text: Hessenland (2.1888)

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Flecke trug. „So — ? die Dora fortgejagt? 
das sieht deiner Frau ähnlich und weshalb denn 
fortgejagt? wenn ich fragen darf."— „Weil der 
Junge sich ihr zu Liebe hat den Schädel spalten 
lassen."— „Das gefällt mir von dem Franz," 
rief der Andere. „Die Wunde, die er erhalten 
hat, wird hoffentlich nicht so schlimm sein, daß 
gleich das Aergste gedacht werden muß, und ein 
schlechter Kerl, meiner Seel, der sich für sein 
Mädchen nicht lieber in Stücke schlagen läßt, 
als daß er leidet, daß auch nur ein unebenes 
Wörtchen über es geredet wird. So hab' ich es 
wenigstens gehalten und Du gewiß auch." „Mein 
Mädchen — ?" murmelte Daniel, „Wenn du damit 
meine jetzige Frau meinst, na, das ist schon lange 
her und ich — Aber wie kommst du dazu, von 
der Dora zu sprechen, als ob sie mit dem Franz 
in irgend einem derartigen Verhältniß stände?" 
„Daß die beiden sich lieb haben, das weiß die 
ganze Stadt," erwiderte „Genever" mit einem 
leisen Kichern, „dafür hat die Frau Hauptzoll- 
amtskontroleurin gesorgt. Die war ja am ersten 
Schützenfestabend bei euch in der guten Stube 
und hat auch gehört, wie Du deinem Hollerchen 
den Standpunkt klar gemacht hast und damit 
herausgeplatzt bist, daß Du Ja und Amen dazu 
sagtest, wenn aus Franz und Dora ein Paar 
würde." Der Fabrikherr stöhnte tief auf, der 
ehrliche, einfache Schenkwirth trat an ihn heran, 
legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte 
leise, aber um so eindringlicher: „Daniel, wenn 
Du dies damals gewollt hast, was bewegt Dich 
nun, das Mädchen, das doch Dein Augapfel war, 
aus dem Hause zu weisen?". Schröder starrte 
den Mahner erst einige Secunden schweigend an, 
dann rieb er sich die Augen und sagte gerührt: 
„Hast recht, Gcneverschatz, hast ganz recht, ich 
bin ein altes Krokodil, ein ganz miserabler Kerl, 
das Mädchen ist mir auch an's Herz gewachsen 
und daß mich die Alte so überrumpeln konnte, 
daran ist nur — na, Du weißt ja, was daran 
Schuld gewesen ist — aber der Teufel soll mich 
holen, wenn ich nicht Alles wieder in das alte 
Geleise bringe." Gieb mir 'mal eine Flasche 
Wasser und ein Glas Cognac." Mit freundlichem 
Lachen holte „Genever" das Verlangte und 
Daniel trank mit zitternder Hand hastig einige 
Gläser des gemischten Getränkes, seine wüsten 
Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an und 
als er nach einer Weile aufstand, sagte er mit 
fester Stimme: „So, nun will ich nach Hause 
gehen und Frieden stiften und morgen zu 
meinem Sohne!" „Genever" ging mit ihm in 
die Mondnacht hinaus. Von den Bergen und 
Wäldern wehte eine erquickende Luft herüber, 
langsam in silbernen Streifen floß der Strom 
dahin, an dessen Ufer die beiden Männer in 
ernstem Gespräch entlang schritten. Der große 
Hund war seinem Herrn gefolgt und Genever 
streichelte ab und zu den Kops des gewaltigen 
Thieres, wenn dasselbe sich an ihn drängte. 
Plötzlich stieß der Hund einen dumpfen, grollenden 
Laut aus und sein Herr, aufmerksam geinacht, 
hob den Kopf und erblickte aus einem nahe ge 
legenen Heckenwege eine weibliche Gestalt hervor 
eilen. Dieselbe kam von der Stadt her, ihr 
blondes aufgelöstes Haar flatterte im Nachtwind, 
ohne Tuch oder Mantel schien sie von Hause 
fortgelaufen zu sein. „Genever" stutzte bei dem 
unerwarteten Anblick, dann aber flüsterte er, die 
Gestalt fester in's Auge fassend, Daniel zu: 
„Das ist ja Dora! Um Gvtteswillen, was hat 
sie vor?" Das Mädchen fiel, an dem Ufer ange 
langt, mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf 
die Kniee . . . „Dora!" schrie der Fabrikherr, 
riß sich vom Arme Genevers los uub stürzte 
auf seine Pflegetochter zu. Beim Klang einer 
menschlichen Stimme fuhr die Unglückliche zu 
sammen, eilte wie verwirrt einige Schritte zu 
rück, wandte sich dann wieder dem Flusse zu 
und verschwand vor den Augen der dicht an sie 
herangekommenen Männer in dem Wasser. 
„Mein Kind! Mein Kind!" schrie Daniel und 
ehe der Andere es verhindern konnte, sprang der 
alte Mann hinter seinem „Augapfel" her, hinab 
in den Strom. 
* 
* -i- 
Wochen sind seit jenem Sonntagabend ver 
gangen, der Herbst ist in's Land gekommen und 
hat die Wälder röthlich gefärbt, die Luft ist klar, 
milder Sonnenschein leuchtet über die Gegend. 
Auf der Bank unter der Buche am Schützenplatz 
sitzen zwei glückliche Menschen itnb blicken hinaus 
in die schöne Welt, wie sie sich so friedlich zu 
ihren Füßen ausbreitet. Franz und Dora sind 
es, die Gottes gütige Vaterhand vom Untergange 
bewahrt hat. Dem braven „Genever" und seinem 
Wasserhund war es glücklich gelungen, sowohl 
Daniel, wie Dora dein Strome noch zu rechter 
Zeit wieder zu entreißen. Mit Hülfe seiner Leute 
brachte der Wirth die beiden Bewußtlosen in seine 
Wohnung, wo der schnell herbeigerufene Arzt 
mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ver 
suchte, das Schliimnste von ihnen abzuwenden. 
In aller Stille wurde Frali Hulda noch während 
der Nacht von dem Geschehenen in Kenntniß ge 
setzt und in welcher Verfassung sie vor dem Lager 
ihres Mannes und demjenigen Dvra's erschien, 
braucht der Erzähler wohl nicht zu schildern. 
Mußte sie sich doch selbst alle Schuld an dem 
ganzen Unglück beimessen, hatte sie doch durch 
unablässige Nörgeleien ihren Mann soweit ge 
bracht, daß er schließlich in einer gereizten
        

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