Full text: Hessenland (2.1888)

150 
Kämpfe, welche er hierbei gegen die Ansichten 
der protestantischen und namentlich der lutherischen 
Prediger zunächst erfolglos zu bestehen gehabt, 
nur bei katholischen Kirchenbausachcn, bei welchen 
von der Regierung kein Beitrag verlangt wurde, 
gelang es ihm leichter, seine Pläne durchzuführen. 
In den Briefen fehlt es auch nicht an Beispielen 
von dem Barbarismus, mit welchem damals 
gegen alte prächtige Baudenkmäler Hessens bei 
deren Restaurirnng Verfahren wurde. So er 
zählt er von einem Baubeamten, welcher die 
Stiftskirche zu Treysa, deren Dach schadhaft ge 
worden war, sofort abzubrechen anfing, den Dach 
stuhl herunterwarf und dann seine Kunst an den 
Gewölben versuchte. Da diese sich nicht gut 
willig zerschlagen ließen, so reiste er in seinem 
Zerstörungseiser nach Kassel, um Artillerie zu 
requiriren, die ihm aber aus militärischen und 
hauptsächlich finanziellen Gründen versagt wurde. 
Eine ähnliche Zerstörungswuth habe ein an 
derer Baumeister gehabt, welcher die reizende 
Bonifatinskapelle in Fritzlar habe abbrechen 
wollen, um den Dom zu „reinigen". Ein kunst 
sinniger Beamter in Fritzlar habe die Helme 
von den dortigen prächtigen Mauerthürmen 
herunterwerfen lassen, uni dem beurlaubten Land 
rath bei seiner Rückkehr eine angenehme Ueber- 
raschung zu bereiten. 
Ungewitter erwähnt in einem Briefe an 
Reichensperger vom 22. März 1861, daß er 
seinem gothischen Musterbuche noch einige Sup 
plementhefte hinzufügen möchte, in welchen im 
Anschluß an die Kirchen von Haina und Wetter 
noch andere hessische Kirchen dargestellt werden 
könnten. Hierzu bemerkt Reichensperger in 
einer Anmerkung Folgendes: 
„Der obige Gedanke Ungewitter's ist seitdein 
durch den Verein für hessische Geschichte und 
Landeskunde verwirklicht worden, beziehungsweise 
noch in der Verwirklichung begriffen. Die durch 
diesen Verein herausgegebenen, von dem Ober 
hofbaumeister von Dehn Rothfelser bearbeiteten 
„Mittelalterlichen Baudenkmäler in Kurhessen" 
thun in sehr anerkennungswerther Weise dar, 
daß das Interesse für die geschichtliche und künst 
lerische Vorzeit, sowie für unseren nationalen 
Baustyl, insbesondere im Hessenlande fortwährend 
Boden gewinnt". 
Bei Privatbauten fand Ungewitter nur höchst 
selten Gelegenheit zur Ausführung seiner Ideen. 
Kassel besitzt nur ein einziges nach seinem Plane 
ausgeführtes Gebäude, das Scholl'sche Haus in 
der Bahnhofstraße, welches von den Kasselern 
bezeichnender Weise die Weinkirche genannt wird 
und nicht wenig der Straße zur Zierde gereicht. 
Es wiederholte sich hier, was Ungewitter 
über den Bau eines Hauses in Leipzig am 30. 
August 1850 an Reichensperger schrieb: 
„In jetziger Zeit hat man viel zu leiden, 
wenn man bei dem Ban eines gothischen Wohn 
hauses von der sogenannten modernen Eleganz 
abgehen und sich dem Alten zuwenden will. Ich 
habe gerade jetzt eine vortreffliche Gelegenheit, 
mich hiervon zu überzeugen, indem mein einziger 
Bauherr, dessen ich mich erfreue, mir neulich 
noch sagte, sein Haus gefalle ihm gar wohl und 
er sehe auch ein, daß Alles 31t seinem Vortheil 
sei, aber er wünsche doch, daß es lieber so wäre, 
wie die Häuser seiner Bekannten, wenn es auch 
nicht so lange halte; und dann sehe der moderne 
Styl doch auch so nobel aus, und etwas Gyps 
hätte er doch auch gern daran gehabt u. s. w." 
Größere Anerkennung, als in seinem engeren 
Vaterlande, fand Ungewitter außerhalb desselben, 
obgleich ihin auch hier vielfache Widerwärtig 
keiten nicht erspart blieben, so namentlich bei 
seinem Entwürfe zu dem Denkmale Weisse's in 
Leipzig. Im Mürz 1862 wurde er nach Jns- 
bruck berufen, um in einer Konkurrenz zil dem 
dort zu erbauenden Rathhaus Entscheidung zu 
treffen, der Bau scheiterte aber daran, daß das 
erforderliche Geld nicht zu beschaffen war. 
Für seinen Entwurf 311 der Votivkirche in 
Wien erhielt er den ersten Preis, die Ausführung 
wurde ihm aber als Ausländer nicht übertragen. 
DieWirksamkeit Ungewitters greift, wieReichens- 
perger schreibt, tief in die neuste Entwicklung 
der deutschen Kunstgeschichte ein. Stets war er 
eifrig bemüht, von jeder bloß äußerlichen Nach 
bildung gothischer Muster sich fern zu halten 
und nur die Principiell der alten Meister sich anzu 
eignen und in ihrem Geiste Neues, was dem 
jedesmaligen Bedürfnisse entspreche, zu schaffen. 
Die schriftstellerische Thätigkeit, in welcher er so 
Bedelltendes geleistet, war ihm keineswegs Haupt 
sache, er bedauerte sogar, so viel Zeit ans seine 
schriftstellerische Thätigkeit verwenden zu könlien. 
Von seinen zahlreichen Schriften seien erwähnt: 
1. Vorlageblätter für Ziegel-und Steinarbeiten 
mit 48 Tafeln (in 2. Auflage) 1849. 
2. Entwürfe zu Grabsteinen und gothischen 
Möbeln mit 48 bezw. 24 Tafeln. (Wurde ins 
Französische übersetzt) (1851—53). 
3. Entwürfe zu gothischen Zimmerornamenten. 
(1854, ebenwohl ins Französische versetzt). 
4. Desgl. zu Stadt- und Landhäusern (2. Auf 
lage) 1864. 
5. Gothisches Musterbuch, im Verein mit Statz 
herausgegeben, mit 216 Foliotafeln (1856—61).
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.