Full text: Hessenland (2.1888)

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Ungewitter war am 15. September 1820 zu Wan 
fried geboren, wo sein Vater, der in westphälischer 
Zeit als Officier bei der Garde du Corps ge 
standen hatte, ein ansehnliches Handels- und 
Fabrikgeschäft betrieb. Seine Mutter war eine 
Tochter des Bauraths Ludovici und in Kassel 
geboren. 
Um sich dem schon in frühester Jugend zu seinem 
Beruf erwählten Baufach zu widmen, begann er 
im Jahre 1834 seine Studien in der neuerrich 
teten polytechnischen Schule zu Kassel, vermochte 
aber nicht an der Baukunst, wie sie in dieser 
Anstalt gelehrt wurde, großes Gefallen zu finden. 
Im Jahre 1837 begab er sich zur Fortsetzung 
seiner Studien nach München und besuchte hier 
ein Jahr lang die Akademie der bildenden Künste, 
sich zugleich mit praktischen Arbeiten beschäftigend. 
Hier wurde er zuerst genauer mit der Gothik 
bekannt und kam zu der Ueberzeugung, daß bei 
der Schalheit, Leere und Oede des modernen 
Baustils in ihr das einzige Mittel zu finden sei, 
aus der Verworrenheit der Begriffe herauszu 
kommen und zu einer Wiederverjüngung der 
Kunst zu gelangen. 
Um seine Ideen praktisch auszuführen, begab 
er sich von München nach Hamburg, Lübeck und 
Leipzig, ohne aber seine Absichten in gehofftem 
Maße erfüllt zu sehen. Auf die Richtung Un 
gewitters hatte das Erscheinen der Schrift August 
Reichenspergers „über die christlich germanische 
Baukunst und ihr Verhältniß zur Gegenwart" 
einen sehr wesentlichen Einfluß gehabt und ihn 
in sehr nahe Beziehungen zu diesem hervor 
ragendsten Vertreter der Gothik gebracht. 15 
Jahre bis zu seinem Tode hat er mit ihm im 
lebhaftesten Briefverkehr gestanden. Die Briefe 
Ungewitters hat Reichensperger im Jahre 1866 
mit Anmerkungen von seiner Hand herausge 
geben und dadurch eine vollständige Selbstbiogra 
phie seines Freundes geliefert, da in diesen 
Briefen Ungewitter offen und ohne Rückhalt 
Alles mittheilt, was ihm auf dem Herzen liegt. 
Wir erkennen daraus, wie er sein stets auf das 
Schöne und Ideale gerichtete Streben ohne 
Selbstliebe und Selbsttäuschung unablässig mit 
der größten Aufopferung verfolgt und fort 
während gegen zahllose, ihm von den ver 
schiedensten Seiten bereiteten Widerwärtigkeiten 
zu kämpfen gehabt hat. Im Jahre 1851 bewarb 
sich Ungewitter um die vakant gewordene Stelle 
des Lehrers der Konstruktionslehre an der Kasseler 
polytechnischen Schule. Seine Bewerbung hatte 
auch Erfolg, obgleich er selbst wenig Hoffnung 
gehabt hatte, sein Ziel zu erreichen „da die neu 
hessisch gesinnten Baumeister Kassels gewiß gegen 
ihn operiren würden". An Gegnern sollte es 
hm denn auch in seiner neuen Stellung nicht 
fehlen, von allen Seiten wurde er als Krypto- 
katholik und Fanatiker angefeindet. Der staat 
lichen Baubehörde und auch seinen Kollegen, 
„denen das Wort Gothik schon ein Greuel war", 
erschien es unfaßbar, daß ein protestantischer 
Lehrer an der Rückkehr in die Zeit der tiefsten 
mittelalterlichen Verfinsterung, an der Gothik, 
Gefallen finden könne. Diese Ansicht war auch 
bei seinen Schülern anfangs vertreten, wie sich 
daraus ergiebt, daß er eines Tages bei Be 
tretung des Schulzimmers auf der Tafel die 
Worte: „Mystiker, Jesuit" angeschrieben fand. 
Bei seinen Schülern war aber der Widerstand 
nicht von langer Dauer, rühmend erkennt es 
Ungewitter an, daß viele derselben, namentlich 
die befähigteren, ihn bald begriffen und sich ihm 
stets dankbar bewiesen hätten, so namentlich 
Wilhelm Lotz, Wiethase, Riewel, Zindel u. a. 
Hartnäckiger war der Kampf gegen die Kollegen, 
welche wiederholt Beschwerden bei dem Mini 
sterium über die Einseitigkeit seines Unterrichts 
erhoben, da es doch durchaus nothwendig sei, 
allen Stylen gleiches Recht widerfahren zu lassen. 
Mit seiner Richtung stand Ungewitter so isolirt, 
daß ihm anfangs auch fast gar keine Gelegen 
heit geboten wurde, seine Ideen praktisch aus 
zuführen. 
In einem Briefe vom 14. Mai 1853 schreibt 
er: „Zu thun habe ich genug, aber lauter un 
fruchtbare Dinge, schriftliche Arbeiten, von denen 
ich im Voraus weiß, daß sie zu nichts führen; 
an Bauen ist nicht zu denken; ein sogn. Consol- 
tisch für einen Geistlichen ist meine ganze künst 
lerische Thätigkeit." In einem andern Briefe 
schreibt er von seinen Kümpfen gegen den „mo 
dernen Aufkläricht", alles für ihn Wünschens- 
werthe gehöre zu den Unmöglichkeiten, „ich glaube, 
man muß hier Gesangbücher einbinden, Traktüt- 
lein kolportiren oder mindestens Schreiber sein, 
um nicht als ganz unnütz betrachtet zu werden". 
Zu derselben Zeit schreibt er auch über die 
Klasse der Handwerker: 
„Die Handwerker, Steinmetzen, Maurer, Schrei 
ner verstehen es noch nicht, meine Ideen aus 
zuführen, ich scheue aber keine Mühe, sie durch 
Zeichenunterricht, Pläne und Muster geschickt zu 
machen, und bei manchen derselben ist es mir zu 
meiner Freude auch schon gelungen." Ebenso 
blieb auch bei den Regierungsbaubehörden an 
fangs die Abneigung gegen die Gothik bestehen, 
nach einiger Zeit hielt man es jedoch für an 
gemessen, Ungewitter als Berather und Leiter 
bei Kirchenbauten heranzuziehen, namentlich bei 
Restauration der Kirchen zu Fritzlar, Neustadt, 
Volkmarsen, Frankenberg und des früheren Kloster 
gebäudes zu Haina. 
Ausführlich schildert er in seinen Briefen die
	        

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