Volltext: Hessenland (2.1888)

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also hier schon verzweigt. Es ist vielleicht durch 
Erbschaft in den Besitz gelangt, denn es war 
schon damals mit den angesehensten Familien in 
der Gegend verwandt und besaß auch außerhalb 
an der Eder (Ungedenken, Rothhelmshausen, 
Giflitz, Mandern, Hessenstein, Treißbach, Lotheim, 
Disfenbach) im Ryndathale (Hessenrode, Helms 
hausen, Reddehausen) an der Lahn (Erbenhausen, 
Hessenhausen, Rosseberg, Pfaffenwinden, Hubela, 
Treyß rc.) bedeutende Güter. Aber schon früh 
schwächte sich die Familie durch Erbtheilungen 
und schon Hugo's Söhne bildeten bereits zu 
Anfang des XIII. Jahrhunderts vier besondere 
Linien. Mit den auswärts lebenden Linien 
wollen wir uns hier nicht beschäftigen, sondern 
uns auf die in Wichdorf seßhaft gebliebenen, die 
Wackermaul'sche und Heß'sche beschränken. Die 
erstere, welche zur Mainzischen Lehens-Clientel 
gehörte, starb schon 1345 aus, die letztere stnden 
wir schon sehr früh unter landgräflicher Lehens 
herrschaft, obwohl sie auch ansehnlichen Allodial- 
besitz behielt. In der Zeit vom XIV. bis XVI. 
Jahrhundert wurden neben ihr auch andere 
adelige Familien in und um Wichdorf ansäßig, 
die v. Bennen, v. Schartenberg, v. Wildungen, 
Schaden v. Reimbold's, Hundt v. Kirchberg, 
v. Buttlar u. a. — Die letztgenannten nebst denen 
v. Papenheim gelangten nach dem Anssterben der 
Daniel'schen Linie des Heß'schen Geschlechts in 
den Besitz der meisten Güter und Lehen desselben. 
Der Rittmeister Werner v. Treyß kaufte dann 
ungefähr anno 1651 den Heß'schen Burgsitz zu 
Wichdorf nebst dem Reste der dazu noch gehörigen 
Güter und seine Familie behauptete denselben 
bis zuni XVIII. Jahrhundert, worauf der Besitz 
in bäuerliche Hände überging. Später erwarb 
ihn die Familie v. Buttlar wieder, entäußerte 
sich aber desselben in neuerer Zeit, worauf das 
Gut zerschlagen worden ist. 
Die Melchior Heß'sche Linie hatte sich nach 
dem Verluste ihrer Mitbelehnschaft der nur noch 
geringen freiritterlichen, durch den 30 jährigen 
Krieg gänzlich verwüsteten Allodialgüter in Wich 
dorf, Niedenstein, Maden, Möllrich und Sand 
nach dem Kriege auch entäußern müssen. — 
Melchior's Sohn Georg verkaufte noch 1661 
den letzten Rest, das Scheffergut in Wichdorf an 
Nickel Wolleuhaupt — und nahm ihren Wohn 
sitz in Schmalkalden, wo Georg später ein neues 
Lehn erwarb. 
Der v. Heß'sche Burgsitz war dicht am Dorfe 
gelegen, später aber von Dorfnachbarn umbaut, 
eine Thalburg, mit Mauern, Thoren und tiefen 
Wassergräben umgeben. In der Mitte des ge 
räumigen Hofes stand die Kemnade, ein fester 
Ban mit einem Treppenthurm und vier kleinen 
\ Eckthürmen, das Ganze hoch überragend. — 
Uebrigens war diese Burg, vielleicht schon vor 
fünf Jahrhunderten, eine in zwei Hälften getheilte 
Besitzung der beiden Geschlechtslinien und diese 
Geschiedenheit — selbst noch heute in dem reducirt 
genug aussehenden ehemaligen Herrenhause be 
stehend und erkennbar — wird in dem bereits 
oben angezogenen Theilungs - Vertrage der Ge 
brüder Melchior und Daniel von 1565 schon als 
von altersher bestehend erwähnt. Aber das alte 
Herrenhaus ist dieses noch vorhandene Gebäude 
nicht mehr. Denn 1631 wurde jenes mit allen 
Wirthschaftsgebäuden zugleich mit dem Dorfe 
von den Croaten niedergebrannt und nach dem 
Kriege — bei dem Elende, welches er in Hessen 
zurückließ erklärlich genug — nur nothdürftig 
ohne die Eckthürme wieder aufgeführt. Nur der 
Stumpf des Treppenthurms (woran noch die 
Stelle ersichtlich, an der das Wappen eingefügt 
war, dasselbe wurde bei Uebergang des Sitzes in 
bäuerliche Hände entfernt) blieb bis an das Dach 
erhalten, Mauern, Wälle und Gräben wurden 
später eingeebnet, die Wirthschaftsgebäude dürftig 
von Holz wieder hergestellt — das Ganze ein 
trauriger Gegensatz zu dem stattlichen Burgsitze 
der früheren Zeit, von welchem uns eine noch 
vorhandene Ansicht aus den ersten Decennien des 
XVII. Jahrhunderts erhalten geblieben ist. — 
(Bezüglich des Wappens der Familie schreibt 
Wynkelm. Dipl. 21: „Nachdeme die Hessen v. 
Wichdorsf, Treyß, Difenbach, Heßerode u. s. w. 
ahnfenglich von uhraltten Zeitten her einen 
auffgerichten Leuen im Wappen gehabt, wie 
solchen auch die Heßen v. Rynach undt in 
Schleßingen beybehalten, ist ein Heß v. Wich 
dorsf, so Henrich geheißen, mit Kahßer Adolpho 
in den Krieg gen Mehßen gezogen. In solchem 
Krieg ist einstmahlen der Kahßer in der Stadt 
Muelhausen in große Gefahr leibß undt Lebens 
gerathen, dannen der Feindt ohnversehens die- 
selbige stadt eingenommen undt, weilen sich 
die bürgere darzue geschlagen, den Kahßer so 
hart bedrcnget, daß er sich mit genawer noth 
in die Burg des orts saldieren können. Weilen 
nun damahlen eben ein new schuß-Gattier 
in die Burg-portten gemachet wordten, so aber 
noch nit niedter-gelassen geweßen, so sindt die 
Feindte in Hellen Haufen über die Zugbrücken 
gestürmet undt wehre umb ein haar die Burg 
verloren undt der Kahßer sambt den seinen 
gefangen wordten, so nicht Henrich als ein 
tapferer Rittersmann für den riß gestandten 
undt das thor mit dermeßiger furie verdefen- 
diret hette, daß die Feindte weichen müssen, 
bis endtlich das schuß-gattier in der ehl noch 
zurecht bracht undt herniedter gelaßen wordten. 
Alß dannen der Kahßer in den hoff kommen 
undt gesehen, wie untter der portten alles voll
        

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