Full text: Hessenland (2.1888)

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sie mit Vergnügen bezahlt haben, ich, Daniel 
Schröder, Wohlgeboren, hier! Nun weiß ich, 
daß was passirt ist, und bin doch so klug wie 
zuvor! O, der Esel! Der unverantwortliche 
Esel!" Dora saß stumm über ihr Strickzeug 
gebeugt, aber sie zitterte so, daß die Nadeln 
klirrend aneinanderschlugen. Frau Hulda, welche 
kreideweiß geworden war, nahm sich jedoch zu 
sammen und sagte: „Wenn der Mann tele- 
graphirt, daß der Brief, den er an dich ge 
schrieben hat, schon hier eingetroffen sein muß, 
so ist es am einfachsten, du gehst zum Herrn 
Postmeister und bittest ihn, dir den Brief heraus 
geben zu wollen, da die nächste Postausgabe 
doch erst morgen erfolgt." — „Da hast du recht, 
Hollerchen," sagte Daniel ein paar Mal, wäh 
rend er seinen Hut holte und das von Frau 
Hulda wieder glatt gestrichene Telegramm er 
greifend, schritt er hinweg, dasselbe hin und her 
schlenkernd, als ob es eines seiner seidenen 
Taschentücher sei. Als Daniel gegangen war, 
herrschte eine tiefe Stille in dem Zimmer, welche 
hin und wieder nur durch die Seufzer Dora's un 
terbrochen wurde. Nach einer Weile stand Frau 
Hulda ans und sagte, dicht vor das Mädchen 
hintretend, so scharf, als sie es vermochte: „Wes 
halb seufzest du?" Erst auf die Wiederholung 
dieser Frage erwiderte Dora, sich tiefer über ihre 
Nadeln beugend: „Das Unglück, welches Franz 
betroffen haben muß, läßt mir keine Ruhe." 
Durch diese Aeußerung fand Frau Hulda die 
willkommene Veranlassung, ihrem bedrängten 
Herzen in etwas Luft zu machen, kam es ihr 
doch nicht darauf an, den bisherigen Kränkungen, 
die sie Dora hatte zu Theil werden lassen, noch 
weitere hinzuzufügen. „Was brauchst du dich 
um meinen Sohn zu kümmern?" fuhr sie in 
schneidendem Tone fort. „Er soll für dich nichts 
inehr und nichts weniger sein, als für das 
andere Dienstpersonal auch: der Herr Schröder 
junior — und wenn ihm etwas zugestoßen ist, 
so trifft das seine Eltern einzig und allein, nie 
mand sonst, hast du mich verstanden?" Dora 
ließ das Strickzeug in den Schooß sinken und 
schlug ihre thränenvollen Augen zu der Frau 
ihres Wohlthäters empor. „Ich hatte mich da 
ran gewöhnt, Franz als meinen Bruder zu be 
trachten," kam es leise aber mit vorwurfsvollem 
Ausdruck über ihre Lippen. Damit erhielt der 
Jdeengang der Frau Hulda eine andere Rich 
tung, sie ließ die Zugehörigkeit zum „Dienst 
personal", durch welche sie Dora kränken wollte, 
fallen und hakte an einem andern Ende ein: 
„Wie einen Bruder hast du Franz seither be 
trachtet," sagte die gestrenge Frau und es fuhr 
recht höhnisch um ihren verbissenen Mund, „das 
ist recht von dir gewesen, das solltest du auch, 
denn das haben wir und der Franz um dich 
verdient, daß du ihm mit Respect und Achtung 
entgegenkommst, wie es so zu sagen einer jünge 
ren, unbedeutenden Schwester dem älteren, an 
gesehenen Bruder wohl zusteht, aber seit einiger 
Zeit scheint es mir, hast du — scheint es mir, 
daß du —" und Frau Hulda fing an, trotz 
ihres geschliffenen Mundwerks, etwas in's 
Stottern zu gerathen. Dora's Augen senkten 
sich nicht nieder, sie sahen groß und fest in die 
ihrer Pflegemutter, aber eine leise Röthe stieg 
in ihren Wangen auf. „Ach was," stieß Frau 
Schröder dann heftig hervor, als ob sie sich 
über ihre augenblickliche Unentschlossenheit 
ärgere, „was brauche ich bei dir lange hinter 
dem Berge zu halten. Seit einiger Zeit scheint 
es mir, daß du den Franz mit anderen Augen 
ansiehst, als es sich für eine Schwester, mag es 
nun eine leibliche oder eine angenommene sein, 
schickt und das paßt mir nicht, verstehst du? 
Oder willst du es etwa nicht Wort haben, und 
dich aufs Leugnen verlegen? Höre, Dora, das 
würde die Sache bei mir noch schlimmer machen, 
als sie es ohne dies schon ist. Was hast du zu 
deiner Vertheidigung anzugeben, rede, und keine 
Ausflüchte, das bitte ich mir aus!" 
Während der harten Worte Hulda's war Dora 
von einem heftigen Zithern erfaßt worden, aber 
mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kräfte hatte 
sie es unterdrückt und sagte nun mit fester 
Stimme: „Wissentlich ist nie eine Unwahrheit 
über meine Lippen gekommen und so sei denn 
auch jetzt der Wahrheit die Ehre gegeben und 
wenn es mich auch in Noth und Elend bringen 
sollte. Mit was für Augen ich Franz angesehen 
habe, weiß ich freilich nicht zu sagen und ich 
glaube auch kaum, daß mir daraus ein Vorwurf 
gemacht werden kann, aber daß ich dem Franz 
so recht in innerster Seele zugethan bin, das 
ist die Wahrheit und hier bete ich zu Gott, daß 
er ihm möge nichts Böses haben widerfahren 
lassen. Ach, das Herz bricht mir ja bei dem 
Gedanken, daß er vielleicht längst unserer Hülfe 
bedurfte und sie ihm nicht zu Theil werden 
konnte!" 
Dora stürzte mitten in dem Zimmer mit ge 
falteten Händen auf die Kniee und verblieb so 
mehrere Minuten. Wie es bei ursprünglich 
sanften und duldsamen Charakteren nicht selten 
geschieht, hatte die unablässige Verfolgung, 
welcher Dora seit geraumer Zeit ausgesetzt war, 
sie, anstatt zu schwächen, stärker gemacht und ihr 
den Muth gegeben, für sich eintreten zu können. 
Erstaunt blickte Hulda das Mädchen an, eine 
solche Leidenschaftlichkeit hatte sie in dem zarten 
Wesen nicht vermuthet, aber sie gab dem edleren 
Gefühl, das sie beschleichen wollte, nicht Raum,
        

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