Full text: Hessenland (2.1888)

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v. Hutten", „die humanistisch erneuerte Latinität in 
Erasmus ihren Prosaisten hervorgebracht hatte, so 
hatte sie nun in Eoban ihren Poeten. War jener 
der moderne Cicero, so war dieser Virgil und Ovid. 
Die letztere Bezeichnung ist in so fern nicht blos 
Phrase, als Eoban mit diesem Römer die Leichtigkeit 
gemein halle, die Verse nur so hinzuschütten, wes 
wegen von ihm gesagt wurde, er sei der einzige 
Poet, der seine Verse zugleich mache und schreibe. 
Eoban war aber nicht blos ein glücklicher Dichter, 
sondern auch ein fleißiger und tüchtiger Gelehrter; 
seine Vorlesungen an den Hochschulen zu Erfurt und 
später zu Marburg, wie in der Zwischenzeit seine 
Lehrthätigkeit an dem Gymnasium zu Nürnberg, 
wurden hoch geschätzt; von Johann Lange und 
Joachim CamerariuS lernte er Griechisch und über 
setzte in der Folge den Theokrit und die Ilias in 
lateinische Hexameter, wie auf Luther's und Melanch- 
thon's Wunsch die Psalmen in lateinische 
Distichen." 
„Dabei war Eoban ein Mensch von der seltensten 
Gutherzigkeit. Ein großer, schöner, wohlgebauter 
Mann, mit prächtigem Bart und martialischem 
Gesichtsausdruck (Albrecht Dürer pflegte zu sagen, 
wenn er ihn nicht kennte, und ein Bild von ihm 
zu sehen bekäme, würde er es für das eines Kriegs 
mannes halten), ein ausgezeichneter Fechter, Tänzer, 
Schwimmer und leider auch — Trinker, Künste, zu 
deren Ausbildung ein mehrjähriger Aufenthalt an 
dem Hofe des Bischofs Hiob von Dobeneck zu 
Riesenburg an der Weichsel ihm die beste Gelegenheit 
geboten hatte, war er zwar rasch und derb aber arg 
los wie ein Kind. Nichts war ihm mehr zuwider, 
als Verkleinerung anderer, und er duldete nicht, daß 
in seiner Gegenwart von Abwesenden übel gesprochen 
wurde. List und selbst Vorsicht waren ihm fremd. 
Bei spärlichem Einkommen, wachsender Familie und 
seiner poetischen Sorglosigkeit für alles Oekonomische, 
ging es ihm stets knapp, bisweilen wirklich elend, 
aber nie verlor er den heiteren Lebensmuth. Patientia! 
pflegte er sich bei widrigen Begegnissen zuzurufen. 
„Wir haben zahlreiche Briefe von Eoban, welche 
zu den gemüthlichsten, herz- und temperamentvollsten 
gehören, die aus seiner Zeit übrig sind. Ganz 
Briefe, durchaus persönlich, nichts Studirtes, alles 
Stimmung und Eingebung des Augenblicks. Darunter 
eine Menge Zettel an Freunde, die im gleichen Orte 
wohnen, Einladungen zum Baden, zum Mittagessen 
auf ein paar Fische mit Knoblauch, ein Stück Wild- 
pret, das er geschenkt bekommen, gewürzt durch ein 
heiteres Gespräch. Es kommt vor, daß er einen 
Freund zugleich als Gast zum Essen und um ein 
Darlehen von zwei Gulden bittet. Da Eoban das 
Bier als ein schädliches Getränke scheute, so hielt er 
sich desto mehr an den Wein. Nichts ermunterte ihn 
so sehr zunl Fortfahren in dem frommen Werke 
seiner Psalmenübersetzung, als daß sein Erfurter 
Mäcenas, der reiche Arzt und Bergwerksbesitzer 
Georg Sturz, ihm jedesmal einen Krug Wein vor 
setzte, so oft er ihm eine neue Nummer brachte. 
Oft erbittet er sich von diesem auch etwas von dessen 
Wermuthwein, um nach dem gestrigen Rausche sein 
„königliches Haupt" wieder in den Stand zu setzen. 
Denn aus Anlaß einer Aeußerung Reuchlin's, der 
sein H688U8 durch das griechische ’Eaarjr, d. h. König, 
gedeutet hatte, hieß er nun im Kreise seiner Freunde 
Rex, und mit diesem Königsmantel weiß er sich 
fortan in seinen Briefen auf das Drolligste zu 
drapiren. Er gebietet den Freunden als König, 
warnt, sie mögen ihn nicht nöthigen, den Tyrannen 
herauszukehren, grüßt von seiner Königin, berichtet 
von seinen Prinzen (reguli), datirt seine Briefe aus 
der armen Königsburg, verlangt eine Salbe für seine 
königliche Nase, die der Wein etwas zu färben an 
gefangen hätte" u. s. w. — 
Das Trinken war bei ihm freilich zur Leidenschaft 
geworden und wenn er auch gegen die Liebe zum 
Trinken öffentlich redete und schrieb — wir führen 
hier nur seine im Jahre 15! 6 erschienene Elegie 
gegen die Trunkenheit („Helii Eobani Hessi de 
vitanda ebrietate elegia“) und seine Scherzrede: 
Von den Arten der Betrunkenen und von der Ver 
meidung der Trunksucht, eine Abhandlung von Possen 
und Witz, mit den schönsten Blumen der besten 
Autoren angefüllt, beim Schlüsse des Erfurter Quod 
libet im Jahre 1515 um das Herbstäquinoctium 
nach akademischer Sitte vorgetragen *) („de gene- 
ribus ebriosorum et ebrietate vitanda. Quaestio 
facetiarum et urbanitatis plena, atque pulcher- 
rimis optimorum scriptorum Üosculis referta, 
in conclusioue Quodlibeti Erphurdiensis. Anno 
Christi MDXV. Circa auturanale aequinoctium 
scalastico inore explicata“) an —, so machte er 
doch, was ihn selbst betraf, wie bereits oben er 
wähnt, gar kein Hehl aus seiner Vorliebe für das 
*) „Wir haben in dieser Rede," schreibt Karl. Krause 
in seinem Werke über Helios Eobanus Hessus, „ein Stück 
des akademischen Humors vor uns, wie ihn das Mittelalter 
auch bei ernsthaften Dingen so sehr liebte. Oeffentliche 
Redeübungen vor den Magistern und den Vätern der Stadt 
gehörten zu den feierlichsten Akten der mittelalterlichen 
Universitäten. Diese „Quaestiones Quodlibeticae“, wie 
sie barbarisch genug hießen, d. h. Reden über einen belie 
bigen Gegenstand (Disputationes de quolibet, Quod- 
libeta), dauerten in der Regel mehrere Tage und ent 
falteten die scholastische Disputirkunst in ihrem vollen Glanze. 
Nach den: Ernste und der Anstrengung beanspruchte aber 
auch der Scherz und die Erholung ihr Recht. An Stelle 
des pedantischen Schulernstes schlug einmal für kurze Zeit 
die Narrheit ihre Herrschaft auf. So machte denn eine 
scherzhafte Rede öfters den Beschluß des ganzen ernst 
feierlichen Aktes. In diesen Scherz- und Possenreden 
waren alle Derbheiten und Späße erlaubt, wenn sie nur 
auf die Lachmuskeln einwirkten, Niemandem persönlich zu 
nahe traten und eine sittliche Tendenz verhüllten," sie glichen 
in mancher Beziehung den „Bierreden" in unserem heu 
tigen akademischen Leben.
        

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