Full text: Hessenland (2.1888)

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gehen." Von allen Bewohnern des Städtchens 
war Herr Wiesthaler der einzige, welcher diese 
Anfrage sofort hätte erwidern können, da er in 
dieser Hinsicht am besten unterrichtet war. Als 
Wiesthaler, nachdem er an jenem Schützenfestabend 
von Franz zu Boden geworfen war, mit drohender 
Gebärde davoneilte, trug er das glühende Gefühl 
verletzter Eitelkeit, gedemüthigter Anmaßung mit 
sich fort. Von Frau Hulda direkt dazu auf 
gefordert, Dora die Kour zu machen, war er 
auf jene handgreifliche Weise für fein Benehmen 
gezüchtigt worden und hatte sich seitdem scheinbar 
völlig passiv verhalten. Als Hulda ihn später 
fragte, ob er seine „Bewerbung" um Dora nicht 
fortsetzen wolle, hatte er eine ablehnende Antwort 
ertheilt und sich der Frau seines Chefs gegen 
über sogar auf eine moralische Höhe gestellt, 
indem er sagte, er wisse recht gut, daß es ihr 
nur darum zu thun sei, Dora durch ihn ins Gerede 
zu bringen, er aber schätze das junge Mädchen 
viel zu hoch, als dazu seine Hand bieten zu 
können, heimlich aber war er, seinem Rachegelüste 
folgend, gegen Franz und Dora thätig genug gewesen. 
Selbst, so sah er wohl ein, hatte er weder die 
Kraft, noch die Macht, sich für die ihm zugefügte 
tödtliche Beleidigung an Franz rächen zu können 
— er mußte Solches durch eine andere Hand 
bewerkstelligen und fand auch eine solche. Einer 
seiner Freunde betrieb in der Residenz ebenfalls 
das landwirthschaftliche Studium und dabei auch 
mit großem Eifer das des Fechtbodens. An 
diesen wandte er sich, er suchte zuerst mit großer 
Vorsicht das Verhältniß, in welchein der alte 
Schläger zu dem Sohne seines Chefs stand, zu 
sondiren und als der Erstere ihm erwiderte, er 
halte den Franz Schröder für einen Gelbschnabel, 
baute er weiter, schwindelte dem Freunde alles 
Mögliche von Franz vor, erwähnte dessen Ver 
hältniß zu Dora, setzte hinzu, daß das Mädchen 
es jedoch in seiner Abwesenheit mit einem andern 
halte und reizte den Raufbold, Franz gelegent 
lich eine derbe Lektion zu ertheilen. Wiesthaler's 
Freund, dem cs auf eine Mensur mehr oder 
weniger nicht ankam, brach die Gelegenheit zum 
Streite eines Tages in einem Restaurant vom 
Zaun, er spottete über den alten Schröder mit 
der „Pvntaksnase", ließ, als dies nicht recht 
verfangen wollte, auch ein fatales Wörtchen über 
die „sogenannte Pflegetochter" fallen und hatte 
damit seinen Zweck erreicht. Franz gerieth in 
Eifer, ein Wort gab das andere und das Ende davon 
war eine Herausforderung. In dem statt 
gefundenen Duell hatte Franz von seinem Gegner 
eine schwere Kopfwunde erhalten und war be- 
sinnngslos in ein Krankenhaus geschafft worden, 
wo er nunmehr schon den dritten Tag darniederlag. 
Alles dies wußte Herr Wiesthaler ganz ge 
nau, da sein Freund, welcher nach dieser Auf 
sehen erregenden Affaire es vorgezogen hatte, 
aus der Residenz zu verschwinden, ihn von der 
Schweizer Grenze aus um einige Zwanzigmark 
scheine angepumpt hatte, die der ehrenwerthe 
Geschäftsführer seinem ebenso ehrenwerthen 
Bundesgenossen aus Dankbarkeit für die prompte 
Ausführung seines Wunsches auch sofort über 
mittelte. Daß die Nachricht von dem Geschehenen 
in der Kürze zu Herrn Daniel dringen würde, 
war selbstverständlich, deiuivch konnte Wiesthaler 
sich einer gewissen Unbehaglichkeit nicht erwehren, 
welche ihn nach Kenntnißnahme der telegraphischen 
Anfrage beschlichen hatte. Das böse Gewissen 
fing sich eben bei ihm zu regen an, war es doch 
keine Kleinigkeit, daß durch seine Veranlassung 
der einzige Sohn seines Herrn zwischen Leben 
und Tod schwebte , denn wäre die Verwundung 
nur eine leichte gewesen, sodaß eine Vertuschung des 
Rencontres hätte ermöglicht werden können, würde 
sein Freund sich keinesfalls ans und davon ge 
macht haben. Doch eine gewisse laxe Welt 
anschauung, welche der junge Mensch angenom 
men, half ihm bald über alle Bedenken hinweg, 
er hatte in dem zweiten Theater der Residenz 
„Fatinitza" gesehen, und tröstete sich schließlich 
mit der Ansicht, daß es einfach das „Kismet" 
Franz Schröders gewesen sei, verwundet zu wer 
den und er dabei also gar nicht in Betracht 
komme. Mit dieser Ueberzeugung ging Herr 
Wiesthaler in den „goldenen Engel" zum Mit 
tagessen und ließ es sich verhältnißmäßig recht 
gut schmecken. Mit weniger Appetit wurde in 
dessen im Schröder'schen Hause zu Mittag ge 
speist, da die Stimmung daselbst eine sehr ge 
drückte geworden war. Obwohl, wie bekannt, 
weder Daniel, noch Frau Hulda und Dora 
irgend etwas von dem eingetretenen Unglücks 
fall wußten, hatten doch alle drei das Gefühl, 
daß sich irgend etwas Schmerzliches mit Franz 
zugetragen habe und mit ängstlicher Spannung 
wurde die Zeit erwartet, in welcher die Rück 
antwort auf die abgesandte Depesche eintreffen 
konnte. So verrann in fast unerträglicher lautloser 
Schwüle Stunde auf Stunde, bis endlich die 
lakonische und doch so viel sagende Antwort an 
langte: „Ausführlicher Brief schon dort einge 
troffen. Telegraphisch zu umständlich. Bitte 
dringend zu kommen. Befinden nicht gebessert." 
Aus der Gewitterschwüle grollte bereits drohend 
der Donner, der Blitz aber sollte erst später 
einschlagen. „Das ist gar Nichts! Das ist gar 
Nichts!" schrie Herr Daniel und ballte das 
Telegramm zusammen und warf es mit einer 
Verwünschung auf de» Tisch. „Weshalb ist dem 
Esel das Telegraphiren zu umständlich? Und 
wenn's hundert Mark gekostet hätte, ich würde
        

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