Full text: Hessenland (2.1888)

land schon vor Aufhebung des Edikts von Nantes 
verlassen und in Mastricht als Baumeister und 
Ingenieur-HauptmannAnstellung gefunden hatte. 
Im Jahre 1685 trat Du Rh in die Dienste des Land 
grafen Karl und entwarf zur Ausführung der Ideen 
dieses Fürsten den Plan zur Gründung eines neuen, 
durch drei Haupt- und zwei Querstraßen ein 
Viereck bildenden neuen Stadttheils, der Ober 
neustadt. Im Jahre 1688 erbaute er hier zuerst 
für sich ein Haus, das am Friedrichsplatz an 
der westlichen Ecke der Frankfurter Straße ge 
legen ist. Es wurden dann nach seinem Plane noch 
eine größere Anzahl Privat-Gebäude in diesem 
Stadttheil ereichtet und im Jahre 1706 in italieni 
schem Geschmack die Oberneustädter Kirche vollendet. 
Auch in der Altstadt entstanden nach seinem Plane 
mehrere neue Häuser, u. a. die Kaserne in der 
unteren Königsstraße, das Kunsthaus, durch deren 
Erbauung er viel zur Hebung der Baukunst 
beitrug. 
Im Jahre 1714 endete Du Rh sein verdienstvolles 
Leben mit Hinterlassung eines im Jahre 1698 ge 
borenen Sohnes, in welchem ihn: ein würdiger 
Nachfolger seines Strebens erblühen sollte. Auf 
längeren Reisen hatte dieser seine Kunst ausge 
bildet und davon in der von Wilhelm VIII. 
geplanten Erbauung des Wilhelmsthaler-Schlosses 
Zeugniß gegeben. Ihm verdanken wir außerdem 
die Erbauung des früheren Galleriegebäudes in der 
Bellevuestraße, der lutherischen Kirche und mehrerer 
Gebäude am Hofgeismarer Gesundbrunnen. 
Er starb im Jahre 1757 als Oberbaumeister 
Wilhelms VIII. 
Ein seltenes Beispiel des Kunstgenics in der 
selben Familie gab dessen Sohn Ludwig Sigis 
mund, der letzte und ohnstreitig bedeutendste 
dieser Künstlerfamilie. Ihm wurde allerdings 
reiche Gelegenheit zur Ausbildung und Erprobung 
seiner Kunst geboten. 
Die Munificenz Wilhelms VIII. gestattete ihm, 
sich zwei Jahre 1746 und 47 in Italien und 
dann noch vier Jahre in Paris, wo Blondel 
sein Lehrmeister war, für seine Kunst auszubilden. 
Diese vierjährigen Studien in Paris unter Lei 
tung Blondels lassen es erklärlich finden, daß er 
für Deutschland die französische Baukunst für 
anwendbarer hielt, als die italienische. Nachdem 
er sich dann noch im Jahre 1751 einige Zeit 
in Holland zum Studium der Wasserbaukuust 
aufgehalten hatte, reiste er im Jahre 1754 noch 
einmal nach Italien, um sich dort ausschließlich 
dem Studium der alten Kunst zu widmen. Seine 
Kunstberichte von dort an Wilhelm VIII. waren 
mit Zeichnungen versehen, welche sein großes 
Talent auch für die Malerkunst erkennen lassen. 
Als vollendeter Meister seiner Kunst kehrte er 
im Jahre 1756 nach Kassel zurück. Die Zeit 
des siebenjährigen Krieges gab ihm wenig Ge 
legenheit, Proben seiner Kunst abzulegen. Im 
Jahre 1762 baute er auf Anordnung Friedrichs 
II., welcher im Jahre 1760 zur Regierung ge 
langt war, für die von diesem gestiftete Kasseler 
Messe das Meßhaus, im Jahre 1763 die Kolon 
naden auf dem damaligen Paradeplatz, welcher 
einen römischen Cirkus bilden sollte, und im 
Jahre 1765 den Küchenpavillon in der Karlsaue. 
Bei dem letzteren Bau hatte er Gelegenheit, seine 
in Holland erworbenen Kenntnisse zu verwerthen, 
da dessen Lage die Gründung auf 400 Eichen 
pfählen nöthig machte. 
In demselben Jahre wurden nach seinem Plane 
das Opernhaus, das jetzige Theatergebäude erbaut. 
Das dabei stehen gebliebene Vorgebäude des dort 
befindlichen Palais des Prinzen Maxmilian 
hinderte ihn, dem der Kunst gewidmeten Gebäude 
eine entsprechende Fa?ade zu geben. Ein reiches 
Feld der Thätigkeit wurde ihm aber eröffnet, 
als Landgraf Friedrich in Folge der im sieben 
jährigen Kriege gemachten Erfahrungen beschloß, 
die Festungswerke Kassels zu schleifen, und ihm 
dadurch Gelegenheit geboten wurde, das mit 
Gründung der Oberneustadt begonnene Werk 
seines Großvaters zu vollenden. 
Noch ehe man unter dem Schutze der in den 
Graben gestürzten Wälle den dadurch entstandenen 
großen weiten Raum übersehen konnte, hatte er 
schon den Plan entworfen, auf welche Weise die 
Absicht des Landgrafen, den nun offenen alten 
mit dem neuen Stadttheil zu verbinden, am 
schönsten und zweckmäßigsten zu erreichen sei. 
Die Anlegung des Kassel zu so großer Zierde 
gereichenden Königsplatzes und die Erbauung 
der auf der Nord- und Westseite desselben gelegenen 
Häuser sind nach seinem Plane ausgeführt. Von 
diesen Gebäuden sind besonders zu erwähnen 
das 1769 erbaute Landgräflich - Rotenburgische 
Palais (später Regierungsgebäude), das Brühlsche 
Haus und daneben das für den General v. 
Schlieffen erbaute Haus (jetzt Gasthaus zum 
König von Preußen), und das Postgebäude. 
Auf der Oberneustadt vollendete er das von seinem 
Großvater begonnene Werk. Die mittlere Königs 
straße entstand und darin das spätere Residenz 
palais (für den General v. Jungten erbaut) das 
v. Zanthiersche Haus (später Fürstenhaus), das 
v. Waitzsche, Nahlsche (später Thorbeck'sche) Haus. 
An dem Meßplatz baute er für sich das an der 
Ecke der Königsstraße gelegene Haus,l im Jahre 
1770 das Oberneustädter Rathhaus, 1773 das 
französische Rathhaus, in den Jahren 1770 
bis 1774 die katholische Kapelle und in den 
Jahren 1769 bis 1779 sein bedeutendstes Werk, 
das Nu86uiu IUctarioiairurn. Aus seinen 
hinterlassenen Schriften ergibt sich, wie sehr er
	        

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