Full text: Hessenland (2.1888)

126 
Ehe wir aber das Gedicht wiedergeben, dürfte es 
sich empfehlen, zum näheren Verständniß und um 
etwaigen Mißdeutungen, namentlich des fünften 
Verses, vorzubeugen, einige erläuternde Bemerkungen 
vorausgehen zu lassen. Wir setzen dabei die Leidens 
geschichte Sylvester Jordan's im Allgemeinen als 
bekannt voraus. 
Das Gedicht „Osterwort" war Sylvester Jordan 
in seinem Kerker bekannt geworden. Er richtete am 
18. Juni 1840 an Franz Dingelstedt als Erwiderung 
ein längeres Gedicht*) und ersuchte den Unter- 
juchungsrichter, dasselbe an seine Familie zur Be 
förderung an Franz Dingelstedt verabfolgen zu lassen. 
Hierauf verfügte der Untersuchungsrichter, dem über 
haupt viel willkürliche Härten in der Behandlung 
Sylvester Jordans während dessen Haft auf dem 
Marburger Schloß vorgeworfen wurden: „Geht an 
den Verfasser, als zur Abgabe gänzlich ungeeignet, 
zurück." Hierauf bezieht sich nun der fünfte Vers 
des nachstehenden Gedichtes Dingelstcdt's und die 
daselbst gebrauchten scharfen Ausdrücke sind gegen 
den Untersuchungsrichter gerichtet. Jordan wurde 
bekanntlich vom Obergericht zu Marburg am 14. 
Juli 1843 wegen Beihülfe zum versuchten Hoch 
verrath, begangen durch Nichthinderung hochver- 
rätherischer Unternehmungen unter Anrechnung eines 
Theiles der Untersuchungshaft, zu fünfjähriger 
Festungsstrafe, Dienstentsetzung, Verlust der National 
kokarde und in die Kosten verurtheilt. Das Ober 
appellationsgericht in Kassel als letzte Instanz 
hob jedoch zwei Jahre später, am 5. November 
1845, jenes obergerichtliche Urtheil auf und ver- 
urtheilte den Angeklagten nur wegen unpassender 
Schreibart an einer Stelle seiner Vertheidigungs 
schrift zu einer Strafe von — fünf Thalern. 
So wurde Jordan nach 6jähriger Festungshaft seiner 
Familie wiedergegeben. Und nun gelangte denn auch 
jenes von ihm an Franz Dingelstedt in Stuttgart 
gerichtete, im Kerker verfaßte Gedicht richtig an 
seine Adresse. — Das Jahr 1848 brachte Jordan 
wieder zu hohen Ehren. Er, der einst verfolgte und 
verfehmte Demagoge, wurde als Geheimer Legations 
rath zum Bundestagsgesandten Kurhessens in Frank 
furt a. M. ernannt, der hessische Wahlkreis Fritzlar 
wählte ihn in das deutsche Parlament. Im Jahre 
1850 zog sich Sylvester Jordan von dem politischen 
Leben zurück. Er verblieb noch einige Zeit in 
Frankfurt a. M. und siedelte dann nach Kassel über, 
wo er bis zu seinem Lebensende verblieb. 
*) Dieses Gedicht Jordans findet sich abgedruckt am 
Schlüsse der Schrift „Wanderungen aus meinem Gefäng 
nisse am Ende des Sommers und im Herbst 1839" von 
Dr. Sylvester Jordan, Professor in Marburg, Frankfurt 
a. M. bei I. V. Meidinger 1841. 
Und nun das Gedicht: 
An Sylvester Jordan ln Mardnrg. 
Lapidem, quem reprobaverunt 
aedificantes, ille factus est in 
caput anguli. Psalm. 
Sieben Jahre — ist's nicht also? — oder wenig 
drüber schwanden, 
Daß ich mit dem Sailenspiele schon einmal vor Dir 
gestanden; 
Damals sang ich als der Erste Deine Schmach und 
sang allein, 
Laß nlich heut' im Chor der Ehren Deiner Freunde 
Letzter sein! 
Zürnest Du der lieben Mahnung? Sieh Dein 
Blondel naht sich wieder, 
Aber so wie Du verwandelt: auf der Lippe Sieges 
lieder 
Und im Auge Freudenthränen, ruft zum zweiten 
Mal er aus: 
„£) der Wandlung! Sonst ein Kerker, — jetzt das 
deutsche Bundeshaus! 
Was mein Flehen nicht vermocht hat, — und wo 
sprangen eherne Pforten, 
Seit dem alten Orpheus-Märchen wiederum vor 
Dichterworten? — 
Das gelingt dem Flügelschlage einer märchenhaften 
Zeit. 
Welche Kerkermeister fesselt und Gefangene befreit. 
Ja, du stehst auf alter Höhe! Hinter Dir, in 
Nacht versunken, 
Liegt der lange Traum der Knechtschaft, den Du 
tropfenweis getrunken, 
Liegen Tage, Monden, Jahre, ach! voll namenloser 
Qual, 
Frische Gräber mitten drunter, frische Narben ohne 
Zahl. 
Jenes Märtyrthums ein Zeichen wahr' ich in dem 
theuern Blatte, 
Das von Deiner Hand beschrieben, Dein Tyrann 
versiegelt hatte; 
Weißt Du noch? Von ihm gestempelt, und vergibt 
im Aktenstaub, 
Zeugt es mit beredter Zunge den an Dir verübten 
Raub! 
Aber nein, nicht rückwärts blicken! Nicht auf das, 
was dagewesen! 
Sieben magere Jahre waren, wie wir in Aegypten 
lesen; 
Sei es drum! Sie sind vorüber und die fetten heben an: 
Du warst krank, Du bist genesen, warst ein Greis 
und bist ein Mann!
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.