Volltext: Hessenland (2.1888)

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dieses Elends brechen wollte, sah Frau Hulda 
kalt und gleichgültig darein, wartete sie doch nur 
den Zeitpunkt ab, wo Daniel in einer gereizten 
Stimmung, für sie mochte es sogar eine unzu 
rechnungsfähige sein, eine Aeußerung thun würde, 
welche dazu dienen konnte, Dora aus dem Hause 
zu bringen. War diese erst beseitigt, glaubte sie 
Daniel schon wieder in die früheren, immerhin 
noch sehr regelmäßigen Geleise seines Daseins 
zurückführen zu können, ohne jedenfalls die 
Schwierigkeit dieser Aufgabe sich richtig veranschau 
licht zu haben. 
So waren zwei Monate hingegangen und die 
Zeit nahte heran, in welcher Franz aus der Re 
sidenz für immer nach Hause zurückkehren sollte. 
Briefe hatten die Liebenden nicht zusammen ge 
wechselt, da eine heimliche Korrespondenz dem 
Sinne beider widersprach und eine offene Hand 
lungsweise, wie bereits mitgetheilt, von ihnen 
noch nicht eingeschlagen werden sollte, jedoch kam 
kein Brief von Franz an seinen Vater an, in 
welchem nicht gestanden hätte: „Herzlichste Grüße 
an unsere liebe Dora, wie geht es ihr" u. s. w., 
welche Fragen Daniel auch auf das Gewissen 
hafteste beantwortete, ebenso wie er Dora stets 
von den Schreiben seines Sohnes, die regelmäßig 
alle Sonntage anlangten, Einsicht nehmen ließ. 
Da blieb eines Sonntags die gewohnheitsmäßige 
Post aus der Residenz aus, Herr Daniel schüttelte 
zwar zuerst mißmuthig den Kopf, als er unter 
den eingetroffenen Briefschaften die Hand Franzens 
vermißte, dann aber tröstete er sich mit dem laut 
ausgesprochenen Gedanken: „Der Junge wird 
eine fidele Nacht hinter sich gehabt haben und 
gestern verkatert gewesen sein. Das lasse ich ihm 
als Entschuldigung gelten." Als aber die ganze 
Woche und auch der nächste Sonntagmorgen 
vergangen war, ohne einen Brief von Franz zu 
bringen, wandelte Schröder mit finster zusammen 
gezogenen Augenbrauen umher und seine Hände 
kamen nur selten aus den Taschen heraus, be 
kanntlich ein Zeichen, daß der Fabrikherr sich 
in einer sehr üblen Laune befand. Frau Hulda 
kniff die Lippen zusammen und heuchelte Gleich 
gültigkeit, obwohl es ihr doch nicht so recht wohl 
um das Herz sein mochte, da ihr kaltes Gemüth 
bei ihrem Einzigen selbstverständlich eine Aus 
nahme machte. Wie es bei Schröders üblich war, 
ging Frau Hulda, Tora und ein Theil des Dienst 
personals, welches letztere darin abwechselte, all 
sonntäglich in die Kirche, während Daniel diesen 
Weg regelmäßig nur an den hohen Kirchenfesten 
antrat, sonst aber zu Hause seine stille Stunde 
hielt. Nachdem Hulda und ihre Pflegetochter 
nach geschehenem Gottesdienst zurückgekehrt waren, 
sie die Gesangbücher fein säuberlich in den Glas 
schrank gelegt hatten, in welchem die Familien- 
heiligthümer aufbewahrt wurden, unb Hüte- 
Handschuhe und Umhänge ihre Ruheplätze wieder 
gefunden, sah Herr Daniel sich in der eine gewisse 
sonntägliche Atmosphäre athmenden Stube prüfend 
um und wandte sich dann in einem feierlichen 
Tone an Frau und Pflegekind. 
„Wie Ihr beide wißt", sagte er, „habe ich seit 
vierzehn Tagen keine Nachricht von unserm Franz 
erhalten, welcher sonst in dieser Beziehung die 
Pünktlichkeit und Accuratesse selbst ist, eine jener 
lobenswerthen Eigenschaften, die er von mir, 
seinem Vater, sich angeeignet hat. Aus vor 
erwähntem Umstand erhellt, daß etwas nicht recht 
richtig mit dem Jungen, mit unserm Franz wollte 
ich sagen, sein muß, was ^mich und allen Ver 
muthen nach, auch euch in einige Unruhe ver 
setzen dürfte." Hier machte Schröder eine Pause 
und ließ seine wasserblauen Aeuglein forschend 
von Hulda zu Dora wandern. „Du meinst, daß 
ich mich nur allem Vermuthen nach, um Franz 
beunruhigen würde", hob, als der Redner inne 
hielt, seine Ehehälfte an, „das ist nicht recht von dir, 
ich, seine Mutter, sollte mich nur allem Vermuthen 
nach um ihn ängstigen — 
„Ja, das vermuthe ich, sogar stark vermuthe 
ich das", erwiderte Daniel, mit mächtig an 
wachsender Stimme, „denn ich traue dem Land 
frieden nicht. Sagt's beide rund und nett heraus: 
was wißt ihr von Franz?" 
Frau Hulda sah ihren Mann, welcher mit 
emporgezogenen Augenbrauen und drohend anf- 
geblasenen Backen vor ihr stand, erstaunt an, 
während Dora ihre Thränen nicht länger zurück 
halten konnte. 
„Ich weiß wirklich nicht, was deine Redens 
arten bedeuten sollen", sagte Frau Schröder mit 
der ihr eigenthümlichen Spitzigkeit. „Wenn ich 
wüßte, was mit Franz vor wäre, würde ich es 
dir wahrlich schon längst mitgetheilt haben." 
„Oder auch nicht", haderte der richtende Daniel, 
„wie es gerade in deinen Kram gepaßt hat. Ich 
denke mir, daß bu dem Franz vielleicht einen 
unangenehmen Brief geschrieben hast und er des 
halb den Gekränkten spielt. Dora, heraus mit 
der Sprache! Was weißt du von der Geschichte?" 
Aber weder Frau noch Pflegetochter vermochten 
irgend einen erfindlichen Grund anzugeben, aus 
welchem Franz sich verletzt oder beleidigt fühlen 
konnte und beide sprachen die lautere Wahrheit. 
Auch in einem Kreuzverhör, welches Daniel in 
der Folge abhielt, brachte er nichts heraus und 
so mußte er nothgedrungen annehmen, daß er 
sich auf einer falschen Fährte befunden habe. 
„Dann ist nichts Andres denkbar", sagte er 
schließlich, „als daß Franz krank ist. Ich werde 
sofort an seinen Hauswirth telegraphiren." 
(Schluß folgt.) 
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