Full text: Hessenland (2.1888)

121 
Ruhepausen beit Weg bis iu meine Heimath 
über Nordheim, Göttingeit und Witzenhausen, im 
Ganzen neun Meilen, bis zum andern Abend 
6 Uhr zurück. Es war der stärkste Fußmarsch, 
den ich gemacht habe; aber ich war im Marschiren 
geübt, gewöhnt Tornister, Gewehr und Munition 
zu tragen, so war ein Marsch ohne Gepäck ein 
ein wahres Vergnügen! 
Wieder zu Hause! Die Stelle bei nieinem 
Onkel in Kaufungen war besetzt, sonst hätte nicht 
viel gefehlt, daß ich nach neun Monaten in dem 
selben Ort wieder am Schreibtisch saß, an dem 
ich das Schreiben verwünscht, dem ich zweimal 
den Rücken gekehrt, um den sehnlichsten Wunsch 
meines Herzens zu befriedigen, den Wunsch — 
Soldat zu sein. 
Warum war ich nun nicht Soldat geblieben? 
Weil die andern es auch nicht geblieben waren. 
Ich habe meinen jugendlichen Wankelmuth, meinen 
Mangel an Selbstständigkeit noch theuer bezahlen 
müssen! 
Doch was der Mensch ernstlich 
will, vermag er wohl zu erreichen. 
Sv bin auch ich wieder Soldat geworden und in 
die preußische Armee eingetreten, in der ich vierzig 
Jahre dreien Königen gedient habe 
Als mir unter Allerhöchster Anerkennung der 
erbetene Abschied bewilligt, als mir von Vor 
gesetzten, Kameraden und Untergebenen in herz 
lichen Worten und sinnigen Erinnerungszeichen 
Beweise ihrer Anhänglichkeit dargebracht wurden: 
da regten sich mir im Herzen alle Gefühle auf's 
lebhafteste, die den Soldaten ergreifen, wenn er 
in Liebe seiner Dienstzeit gedenkt und das er 
hebende Bewußtsein in ihm lebendig wird, diesem 
durch Ehre, Treue und Pflichtgefühl geheiligten 
Verbände angehört haben zu dürfen. 
Die Freude, mich geliebt littb geachtet zu wissen, 
mischte sich mit dem Schmerz, gezwungen zu sein, 
durch überwiegende Neigung und lange Gewohn 
heit lieb gewordene Verhältnisse aufgeben zu 
müssen. Das alte Soldatenherz that mir weh! 
Bald aber schien die Frühlingssvnne freundlich 
durchs Fenster. Meine Gesundheit hatte sich 
gekräftigt und der Blick auf die Berge lockte ins 
Freie. Da faßte ich auch die andere Seite meiner 
veränderten Lebensweise ins Auge und erinnerte 
mich des Ausspruchs eines von mir hochgeschätzten 
Kommandetirs: „Freiheit und zu leben, mehr 
kann der Mensch nicht verlangen!" Ich fühlte 
mit Befriedigung, daß mir nun Beides gewährt. 
So zog ich denn hinaus lind freute mich am 
Erwachen der Natur; ich war so heiter und froh, 
als hätt' ich noch nie einen Frühling gesehen. 
Und doch sah ich gar manchen Frühling. Die 
Sonne geht für den Soldaten ebenso freundlich 
auf, wie für andere Menschen, aber er ist seltener 
in der Stimmung, sie freundlich zu begrüßen. 
Wie sagte jener Oberst zu seinem Adjutanten, 
mit dem er vor Tagesanbruch nach dem Exerzir- 
platz ritt, um zur bevorstehenden Jnspizirung 
alles selbst zu ordnen? Mürrisch und schweigsam 
zog der Oberst seines Weges; langsam stiegen 
die Pferde die Höhe hinan, auf welcher der Platz 
lag. Da brach die Sonne hervor und warf ihre 
goldenen Strahlen in das blühende Thal, durch 
welches majestätisch der Strom dahinfloß. Und 
der Adjutant, in dem freundlichem Bestreben, seinen 
hohen Vorgesetzten zu erheitern, sagte: „Sehen 
der Herr Oberst, wie herrlich die Sonne aufgeht!" 
Und was sagte der Oberst zu seinem Adjutanten? 
„Kommen Sie mir, mein Lieber, nicht immer 
mit Ihren Privatangelegenheiten, wenn ich den 
Kopf voll Dienst habe." 
So versinken Himmel und Erde in ihr Nichts, 
aus dem die Allmacht Gottes sie hervorrief, vor 
der, mit den ernsten Sorgen des Dienstes be 
lasteten Seele des Kriegers — am Tage der 
Jnspizirung. Daher auch mein freudiges Ent 
zücken, da mir weder Jnspizirungen, noch Schieß 
übungen bevorstanden, noch Bemerkungen über 
gänzlich verfehlte Manöverideen, schlaflose Nächte 
mehr bereiten würden. 
Nur zu oft habe ich das äußere Leben durch 
den Schleier dienstlicher Sorge erblickt, aber mancher 
Strahl der Freude hat auch diesen Schleier zerrissen 
und ist mir tief in die Seele gedrungen . . . 
. . . . Als Preußen nach fünfzig Friedens 
jahren das Schwert zum Kampfe zog, stand ich 
nicht mehr in den Reihen seines Heeres. 
Aber mein Soldatenherz hat sich an den Siegen 
erfreut, die preußische Waffen in Schleswig und 
auf Böhmens Schlachtfeldern errungen und die 
neue Lorbeern an Preußens alte, ruhmreiche 
Fahnen knüpften. 
Mit dreiundsiebenzig Jahren begeisterte ich 
mich an dem beispiellosen Siegeslauf deutscher 
Heere, die in den Kampf wider den Feind ge 
zogen, der einstmals auch in meine junge Hand 
die Waffe gedrückt! Ich durfte jene Siege erleben, 
die an Glanz und Ruhm neben den herrlichsten 
der Geschichte stehen und welche die Vergeltung ge 
währten, die als ein Erbe der Väter auf unsere 
Söhne gekommen war. 
Wie brav und treu haben sie dieses Erbes 
gewaltet! 
Und nun behüt Gott, mach einig und stark 
unser liebes, theures Vaterland!
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.