Full text: Hessenland (2.1888)

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der Dulderin die müden Augen schloß. Acht Tage 
später bettete man auch den Bruder an ihre Seite 
zur ewigen Ruhe. Der Jammer hatte ihn ge- 
tödtet. Von ihren vielen hinterlassenen Manu 
skripten, unter denen sich gewiß Werthvolles be 
funden hat, ist nichts bekannt geworden. Die 
schlechte, unwissende Pflegerin mag dieselben ver 
nichtet haben. Philippinens Schriften waren 
meist bei Sauerländer in Frankfurt a. M. her 
ausgekommen. 
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olöat wurde. 
Kleines aus großer Zeit. 
(Schluß.) 
Nachdem ich einige Tage in Münden geblieben, 
ging ich mit einem Transport über Göttingen 
und Nvrdheim nach Einbeck ab, wo unser Bataillon, 
in das nur Freiwillige eingestellt wurden, sich 
formirte. Es erhielt den Namen Harzer und 
Sollinger Jäger- und Schützen-Bataillon und 
bildete das leichte Bataillon des Grubenhagen'schen 
Infanterie-Regiments. 
Wenig über acht Tage war ich Soldat, als 
ich zum Fourier-Unteroffizier ernannt wurde und 
zwar nicht meiner militärischen Kenntnisse halber, 
sondern lediglich deshalb, weil ich einige schrift 
liche Arbeiten zur Zufriedenheit unseres Haupt 
manns ausgeführt hatte. So wurde das Schreiben, 
dem ich entfliehen wollte, die Grundlage zu meiner 
militärischen Laufbahn, denn nach wenigen Wochen 
schon wurde ich zum ältesten Sergeanten befördert. 
Noch hatte ich keine Nachricht nach Hause ge 
langen lassen, immer in der Besorgniß, zurück 
berufen zu werden. Nach meiner schnellen Be 
förderung aber schrieb ich nach Hause, da ich den 
strafbaren Schritt heimlicher Entfernung, durch 
diesen Umstand gleichsam gerechtfertigt glaubte 
und bald empfing ich auch einen Brief meiner 
guten Mutter mit ihrer Verzeihung. 
Nachdem das Bataillon nicht ohne Schwierig 
keit eingekleidet, ausgerüstet und nothdürftig 
exerzirt war, erhielten wir im März 1814 den 
lang ersehnten Marschbefehl. Aber nicht, wie 
wir alle gehofft, lautete derselbe westwärts nach 
Frankreich, sondern führte uns, nach beschwer 
lichem Marsch durch die Lüneburger Haide, zur 
unteren Elbe, wo wir zur Verstärkung des Blokade 
corps von Hamburg bestimmt wurden. 
Das Bataillon besetzte auf dem linken Elbufer 
den Moorburger Damm, mit der Front nach 
Harburg, und haben wir auf demselben manch 
kleines Gefecht mit französischen Ausfallstruppen 
zu bestehen gehabt, von denen ich wohl an anderer 
Stelle einmal erzähle. 
Während man sich bei Hamburg zu Wasser 
und zu Lande schlug, der Soldat Leben und ge 
sunde Glieder in seinem Beruf verlor, Bürger 
und Landleute die Drangsale des Krieges er 
duldeten, ohne daß ein Erfolg abzusehen gewesen 
wäre, war der Montmartre erstürmt, die sieg 
reichen Alliirten in Paris eingezogen und die 
Regierung in die Hände Ludwig XVIII. gelegt. 
Dies führte auch vor Hainburg zuin Waffen 
stillstand und Abzug der Franzosen. 
Auch unser Bataillon hielt mit den Blvkade- 
truppen seinen Einzug in die alte Hansestadt, 
doch schon andern Tags wurden wir zur Be 
setzung von Harburg bestimmt, wo wir einige 
Wochen blieben, um von dort den Rückmarsch 
nach unserer Garnison anzutreten. — 
Während des Marsches wurde uns mitgetheilt, 
daß nach dem Eintreffen in Einbeck alle, die es 
wünschten, entlassen werden würden. Obgleich 
ich gern Soldat war, obwohl mein Hauptmann 
mir die besten Aussichten auf Beförderung er 
öffnete und ich zu Hause keinen bestimmten und 
mir zusagenden Lebenszweck zu verfolgen hatte, 
wurde ich doch zweifelhaft, ob ich Soldat bleiben 
oder abgehen sollte. 
Es war natürlich, das; die Mehrzahl der Mann 
schaften abging und so wie es vor dem Feldzuge 
ein moralischer Vorwurf für einen jungen Mann 
blieb, wenn er nicht Soldat wurde, so schien es 
jetzt in der allgemeinen Meinung gleichsam ein 
Vorwurf, wenn er Soldat bleiben wollte. Das 
Beispiel wirkt mächtig: was die Mehrzahl thut, 
das thut man auch. Ich war noch jung, hatte 
nicht Charakterfestigkeit genug, meine Verhältnisse 
ruhig zu erwägen und das zu wählen, was am 
angemessensten gewesen wäre. Die jungen Männer 
von Bildung gingen fast ohne Ausnahme nach 
Hause; zu diesen wollte ich doch auch gehören. — 
An einem schönen Sommerabend ging ich um 
8 Uhr in Einbeck fort und legte mit wenig
        

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