Full text: Hessenland (2.1888)

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sich stets auf dem Wochenmarkt einfand, um Be 
kanntschaft mit den Gemüsefrauen zu machen; da 
bei besorgte er kleine Einkäufe und trug solche 
in einem roth baumwollenen Taschentuche nach 
Hause. Ebenso, wie er sich die Gunst der Ge 
müsefrauen erwarb, nahmen auch die Trödlerinnen 
sein Interesse in Anspruch, auf allen Auktionen 
sah man ihn in ihrer Mitte. Man fragte wohl. 
ob die Schwester gar keinen Einfluß auf ihn aus 
zuüben im Stande sei, es muß aber nicht mög 
lich gewesen sein, obgleich Beide in größter Ein 
tracht neben einander lebten. In den Abendge 
sellschaften nahm Baron Karl sich sehr zusammen, 
schien sich aber nicht recht wohl dabei zu 
fühlen. 
In erster Zeit wohnte er bei der Schwester, doch 
konnte er es in den beengenden Räumen der 
Stadt nicht lange aushalten, er kaufte bei Roteu- 
ditmold einen Garten mit einem kleinen Haus, 
welches er alsbald allein bezog. In diesem 
romantisch gelegenen Berggarten gab er eines 
Tages einigen Bekannten seiner Schwester ein 
ländliches Fest. Bei ihrer Ankunft wurden die 
Gäste mit Kaffee bewirthet, wozu er eigenhändig 
Kartoffelpfannkuchen gebacken hatte. Diesen Pfann 
kuchen folgten noch andere Gerichte, die aber 
jeder Beschreibung spotten. Bei alledem war es 
ein heiteres Fest und die schönen reifen Stachel 
beeren machten vieles gut. Seine Wohnung 
hatte Herr von Mettingh nach altegyptischer 
Weise eingerichtet, wo damals Menschen und 
Thiere sich in ein und demselben Raum befanden. 
Auch auf seinem Bett stolzirte ein Hahn mit 
mehreren Hühnern herum und neben dem Schlaf 
gemach vernahm man das melodische Grunzen 
eines kleinen Schweines. 
Jahre kamen und gingen und wie hinieden 
nichts festen Bestand hat, änderte sich auch 
Manches in den Verhältnissen und der Lebens 
weise der Mettingh'schen Geschwister. Hatte die 
Sichel des Todes schon verschiedene Personen 
aus dem trauten Bekanntenkreis hinweggemäht, 
so war es auch Fräulein von Mettingh selbst, 
welche sich mehr und mehr von allem geselligen 
Verkehr zurück zog und einem stillen Trübsinn 
anheim fiel, was dem Bruder großen Kummer 
verursachte. Er überlegte, was wvhl zur Er 
heiterung der geliebten Schwester beitragen könnte 
und kam zu dem Entschluß, sein kleines Grund 
stück wieder zu verkaufen, wozu sich gerade eine 
vortheilhafte Gelegenheit darbot und einen 
Garten mit einem größeren Haus zu erwerben, 
damit sie wieder zusammen wohnen könnten. 
Auch hoffte er, daß frische Luft, Blumen, Sonne 
und Vogelgesang wohlthätig auf das verstimmte 
Gemüth der Leidenden einwirken könnten. Sie 
theilte diese Hoffnung und konnte nun kaum er 
warten, bis die neue Wohnung in Stand gesetzt 
war. Die Wahl dieses Grundstücks war aber 
eigentlich keine günstige zu nennen, da dasselbe 
sehr einsam an der Mombach, in der Nähe des 
Friedhofs lag. Der Garten selbst hatte manches 
Anziehende, Blumen in Menge, viele Obstbäume 
und eine duftende Fliederlaube, auch das Haus 
bot zur gemeinsamen Wohnung hinlänglichen 
Raum. Beim Nahen des Frühlings schien sich 
Philippine wirklich geistig und körperlich zu er 
holen, sie fand wieder Freude am Lesen, nahm 
Handarbeiten vor, beschäftigte sich im Garten, 
auch fanden alte Bekannte, die zum Besuch vor 
sprachen, freundliche Aufnahme. 
Eine große Unvorsichtigkeit hatte Herr von 
Mettingh dadurch begangen, daß er in der abge 
legenen Wohnung keinen Diener, nicht einmal 
einen Hund anschaffte; diese Unvorsichtigkeit 
sollte leider die traurigsten Folgen nach sich 
ziehen. 
Es mochte ein Jahr verflossen sein, seitdem 
die Geschwister das neue Heim bezogen hatten, 
als eines Tages der Bruder sich wie schon oft, 
auf ein Stundenpaar entfernte. Bei seiner 
Rückkehr sah und hörte er zu seinem Befremden 
keine Spur von der Schwester, die ihm sonst 
immer entgegen kam. Welches Entsetzen aber 
erfaßte ihn, als er in ihrem Zimmer den Schreib 
tisch und eine Kommode erbrochen fand, von ihr 
aber noch immer keine Spur entdecken konnte. 
In Todesangst durcheilte er das ganze Haus 
und fand sie endlich im Keller eingeschlossen, be 
wußtlos zusammen gesunken. Er trug sie auf 
ihr Bett, holte so rasch als möglich einen Arzt 
herbei und es gelang endlich sie wieder in das 
Leben zurück zu rufen, auch das Bewußtsein 
kehrte wieder und sie gab an, daß wild aussehende 
Männer eingedrungen wären, ihr einen Schlag 
auf den Kopf versetzt und sie alsdann in den 
Keller geschleift hätten. Die Bösewichter wurden 
später ermittelt und zur verdienten Strafe ge 
zogen, die arme Schriftstellerin aber konnte sich 
von diesem Schreckniß nie mehr erholen. 
Auf den Wunsch des Arztes bezog sie wieder 
in der Stadt eine freundliche Wohnung vor der 
„Katlenburg", im Hause des Goldarbeiter Kaupert, 
und der Bruder verschrieb eine entfernte Verwandte 
zu ihrer Pflege, diese aber soll ihr Amt mehr 
als schlecht und gewissenlos verwaltet haben, 
nachdem sie sich zuvor zur Erbin hatte einsetzen 
lassen. Sie schloß die hilflose Kranke von jedem 
Verkehr ab und ließ außer dem Bruder keinen 
Menschen mehr zu ihr. — 
Es sind gerade im Mürz achtundzwanzig 
Jahre geworden, als der Tod, der einzige Erretter,
        

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