Full text: Hessenland (2.1888)

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auszeichneten, so daß, als einst die Marie Stuart 
gelesen wurde, ein fremder, anwesender Schau 
spieler meinte, eine solche Leistung in einem 
Dilettanten-Kreis sei etwas ganz Außergewöhn 
liches und für ihn unfaßbar. 
Das waren die angenehmen, unvergeßlichen 
Abendgesellschaften bei Philippine von Mettingh. 
Alle diese Männer und Frauen, die einst mit 
warmen Herzen dem Ideal zugestrebt, sie sind, 
mit wenigen Ausnahmen, hinübergegangen, ihr 
irdisches Theil ruht in stiller Grabesnacht, wohin 
der wildfluthende, heiße Lebensstrom nicht mehr 
dringt. Wir, die noch Lebenden, können nur noch 
die Erinnerung an sie, besonders an die liebens 
würdige Schriftstellerin wachrufen und so eine 
kleine Blume auf den eingesunkenen Todtenhügel 
pflanzen. — 
Philippine von Mettingh war die einzige 
Tochter des fürstlich Anhalt-Bernburgischen 
Geheimen Rathes, Baron von Mettingh. Derselbe 
hatte seine Gattin früh verloren und übertrug 
alle Zärtlichkeit auf die Tochter, die ihm lieber 
gewesen zu sein scheint, als der Sohn Karl, 
dessen Erziehung etwas vernachlässigt wurde. 
Philippinens Charakter bekam unter des Vaters 
Leitung eine ernste, fast strenge Richtung und 
eine unglückliche Jugendliebe nahm den warmen, 
heiteren Sonnenschein aus ihrem Leben. Nicht 
Untreue, auch nicht der Tod hatte diesen Herzens 
bund getrennt; der Mann, den Philippine liebte, 
war katholischer Priester und so ihren Wünschen 
unerreichbar. Wie diese Liebe begonnen, und 
ob der Gegenstand derselben schon durch die 
letzten Weihen gebunden, oder später von Um 
ständen gedrängt, einen Stand wählen mußte, 
der das Glück der Liebe ausschließt, vermag ich 
nicht zu sagen. Hinzufügen kann ich aber, daß 
jener Geistliche später zu hoher Würde gelangt 
und auf einen der ersten Bischofssitze Deutschlands 
erhoben worden ist. 
Philippine hat ihre erste, einzige Liebe niemals 
vergessen; es ist in späterer Zeit, als sie schon 
in Kassel wohnte vorgekommen, daß ein zufälliger 
Besuch die Einsame mit thränenfeuchten Augen 
beim Lesen alter Briefe angetroffen hat, weh 
müthig einen Ring mit einem kleinen weißen 
Hund betrachend. Zwar hatte sie sich einige 
Jahre später, als ihr Liebesfrühling verblüht 
war, auf den innigen Wunsch des Vaters, der 
sie nicht schutzlos in der Welt zurück lassen 
wollte, entschlossen, einem jungen Arzt ihre Hand 
zu reichen, der ein treuer Freund ihres Hauses 
war, ihr auch in schwerer Krankheit durch Ge 
schicklichkeit und sorgsame Pflege das Leben ge 
rettet hatte. Dieses Verhältniß trennte kurz 
vor der Hochzeit der Tod; die verwaiste Braut 
beklagte den Freund, betrachtete es aber als Er 
lösung, daß sie nun von den Ketten der Ehe, 
wie sie sich ausdrückte, auf immer befreit war. 
Einen Heirathsantrag des Schriftstellers Krug 
von Nidda wies sie mit Entschiedenheit zurück. 
Kurze Zeit darauf starb der Vater; sie stand 
allein, da ihr Bruder ein kleines ihnen zugehöriges 
Gut selbst verwaltete, wohin sie mit ihrem regen Geist 
sich nicht zurückziehen wollte. Ihre Vaterstadt 
Bernburg hatte allen Reiz für sie verloren und 
sie faßte den Entschluß, nach Kassel zu ziehen. 
Kassel hat früher eine besondere Anziehungskraft 
für tiefere Gemüther gehabt; ein eigener poetischer 
Hauch schwebte gleichsam über dieser, in besonderer 
Obhut der heiligen Elisabeth stehenden Stadt, 
wofür jetzt freilich Niemand mehr ein Verständ 
niß haben kann. 
Hier nun fand auch die einsame Schriftstellerin 
eine neue und bleibende Heimath. Ihr Glück, 
vielmehr ihre Zufriedenheit fand sie in ihrem 
schriftstellerischen Beruf und ernsten wissenschaft 
lichen Studien, besonders zog sie das Studium 
der Geschichte an, dem sie mit großem Eifer oblag. 
Ihre meisten Schriften sind historische Novellen; 
mit gewissenhafter Treue sind die Begebenheiten ge 
schildert, aber ein ernster, oft finsterer Geist 
weht durch sie hin. Meist sind sie Geschichts 
epochen entnommen, wo Thränen der Verzweiflung 
sich mit rauchenden Trümmerhaufen und Strömen 
Blutes gemischt haben. Die krassesten Scenen 
sind stets mit haarsträubender Genauigkeit ge 
schildert, nur fehlt oft ein versöhnendes Element. 
Liebesscenen schilderte sie ungenügend, hingegen 
wurde vvn der Kritik ihr umfassendes Wissen, 
ihr knapper, männlicher Stil hochanerkannt und 
gerühmt. 
Bei solchen Beschäftigungen schwand rasch die 
Zeit, am Abend suchte sie Gesellschaft auf, sie 
hatte sich in kurzer Zeit viele liebe Bekannte 
erworben, auch liebte sie den Besuch des Theaters, 
namentlich sah sie gern Trauerspiele. 
Mit den Jahren wurde ihr endlich doch das 
einsame Leben peinlich, deshalb beredete sie ihren 
Bruder, an dem sie trotz aller Verschiedenheit 
mit großer Liebe hing, das Gut zu verkaufen 
und auch nach Kassel zu ziehen. Alle Bekannten 
waren auf den Bruder der geistreichen Schrift 
stellerin gespannt, der auch wirklich bald erschien, 
aber weder in seinem Aeußern, noch im Umgang 
an die Schwester erinnerte. Ich sage nicht, daß 
Baron Karl häßlich oder dumm war, im Gegen 
theil manches richtige Urtheil kam über seine 
Lippen, dabei besaß er eine unendliche Gut- 
müthigkeit, war aber vollständig verbauert. 
In früheren Zeiten hat es in Kassel manche 
originelle Menschen gegeben; aber wohl keinen 
adligen Gutsbesitzer, welcher in nachlässiger 
Kleidung, mit gruben nägelbeschlagenen Schuhen
        

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