Full text: Hessenland (2.1888)

117 
rmnerungen aus öem Weben einer vergessenen Achrisl- 
fiellerm. 
Von Emilie Wepler. 
ir schreiten überein verlassenes, eingesunkenes 
Grab, das nur der freundliche Lenz mit 
frischem Grün und kleinen Blumen 
schmückt und treten in ein großes, stilles, düsteres 
Zimmer, still, weil es nicht an der Straße ge 
legen und daher unberührt von dem Lärm der 
selben bleibt, düster, da die Sonne nur spärliche 
Strahlen in dasselbe sendet. Die Ausstattung 
dieses Raumes ist einfach, so einfach wie die Be 
wohnerin selbst, die Pracht und äußeren Schein 
verschmäht. War jedoch Abends, was wohl all 
wöchentlich einmal geschah, dieses Zimmer festlich 
erleuchtet, hatten sich in demselben eine Anzahl 
geistreicher und strebsamer Personen als Gäste 
eingefunden, dann war, wie mit einem Zauber 
schlag, Alles wunderbar verwandelt, gleichsam 
durchduftetFon geistigem Arom, Funken des 
Witzes und der Laune. Diese sprühten auf und 
die Unterhaltung, deren Mittelpunkt die liebens 
würdige, hochgebildete Wirthin war, floß anregend 
und begeistert dahin. — 
Die Gastgeberin, welche gewissermaßen zwei 
Naturen in sich vereinigte, weil sie bei strengem 
Genügen gegen sich selbst im gesellschaftlichen 
Verkehr, den sie liebte, so wunderbar zu fesseln 
wußte, war die in den vierziger und fünfziger 
Jahren sehr gefeierte, jetzt aber beinah vergeßene 
Schriftstellerin, Philippine vonMettingh. Sie 
war von kleiner, unansehnlicher Gestalt mit 
unschönem Gesicht, welches im ersten Augenblick 
mehr abstieß als anzog, aber auch der sprechende 
Beweis, wie ein wahrhaft gebildeter Geist, ver 
bunden mit natürlicher Anmuth und feinen Um 
gangsformen über die äußere Erscheinung zu 
triumphiren vermag. Man empfand förmlich 
schon ein Gefühl von Wohlbehagen, wenn man 
sie bei der silbernen Theemaschine beschäftigt 
sah, den aromatischen Trank zu bereiten und 
mit freundlichem Lächeln einem jeden Gast die 
gefüllte Tasse zu reichen. 
Wollen wir nun einige dieser Gäste näher 
betrachten, so verdient die Dame im schwarzen 
Sammetkleid, eine majestätische Gestalt, unsere 
Aufmerksamkeit, es ist die bekannte Schriftstellerin, 
Elise von Hohenhausen, geb. von Ochs, welche 
mehrere Jahre das Kassel'sche Frauen-Album 
herausgegeben, so wie ein Lebensbild ihres, ihr 
früh durch den Tod entrissenen Sohnes geschrieben 
hat. Sie ist eine Frau mit dem besten Herzen, 
welche neidlos jedes Verdienst anerkennt. Die 
kleine, lebhafte Dame mit der großen, reich ver 
zierten Haube an' ihrer Seite nennt sich Frau 
Doktor Liwonius; eine Mecklenburgerin von Ge 
burt, lebt sie als Wittwe in Kassel bei einer 
verheiratheten Schwester. Sie ist Verfasserin 
verschiedener hübscher Gedichte, die sie aber auch 
gewöhnlich mit sich herum trägt und jedem vor 
liest, der sie noch nicht kennt. Die Verhältnisse 
gestatten ihr nicht, Gesellschaften zu geben, daher 
suchte sie sich durch Dienstfertigkeit und Gefällig 
keiten bei ihren vielen Bekannten unentbehrlich 
zu machen. Nächst dieser Dame waren gewöhn 
lich die Brüder Naht, Söhne des Historienmalers 
und Enkel des bekannten Bildhauers, anwesend: 
Wilhelm Nahl, ebenfalls Maler und leidenschaft 
licher Verehrer aller Dichter und Dichterinnen, 
Theodor Nahl, Privatgelehrter, einziger Mit 
arbeiter an der von Dr. Pinhas, in kleinem 
Format herausgegebenen„Kasseler Zeitung." Seine 
weitgehenden meteorologischen Beobachtungen, so 
wie ein Werk über den Höhenrauch hatten ihn 
im Ausland bekannt gemacht. Er stand im 
Briefwechsel mit Alexander von Humboldt und 
Arago, war aber voller Seltsamkeiten. Niemals 
sah man ihn ohne große Papierrollen, die aus 
seinen Taschen hervorlugten. Außerdem trug 
er beständig eine Menge kleiner Papierstreifen 
und Bleifedern mit sich herum, um alles ihm 
Bemerkenswerthe sofort notiren zu können. An 
der Fulda beobachtete er täglich den Wasserstand, 
auf dem Friedhof dienten ihm Grabsteine, in 
den Kirchen Säulen als Schreibtische. Den 
Verlust seines bedeutenden Vermögens ertrug er 
mit großem Gleichmuth, auch bei körperlichen 
Schmerzen hat man nie eine Klage von ihm 
vernommen. Ferner zählte zu diesen Abendge 
sellschaften eine talentvolle, liebenswürdige Dame, 
Nanny von Kaisenberg. Sie stand allein und 
war viel auf Reisen, kehrte aber immer wieder 
nach dem ihr so lieb gewordenen Kassel und 
ihrer Freundin Mettingh zurück. Einige Stu 
denten, verschiedene junge Mädchen, auch zuweilen 
ein Schauspieler, welche sämmtlich die Wirthin 
verehrten und für sie schwärmten, fanden sich 
ebenwohl ein. Zuweilen wurden in diesen 
Abendgesellschaften von einzelnen Mitgliedern 
Gedichte oder kleine Novellen vorgetragen und 
besprochen, zuweilen las man auch Sckiller'sche 
Dramen mit vertheilten Rollen, wobei sich einige 
der Anwesenden durch wundervolle Deklamation
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.