Full text: Hessenland (2.1888)

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Bevölkerungsstand schließen und die Annahme 
ist wohl berechtigt, daß derselbe im Herzen des 
Landes in und um den so stark geschützten Haupt 
ort Mattium am dichtesten gewesen sein möge, 
zumal die Umgebung zu den fruchtbarsten Strichen 
des Chattenlandes gehörte und sicherlich schon dem 
Ackerbau diente. Denn es ist nicht denkbar, daß 
eine dichte Bevölkerung ohne solchen habe be 
stehen können. Lediglich von Jagd und Fischerei 
konnte sie nicht leben und wenn uns die rö 
mischen Schriftsteller das Bier als Nationalge 
tränk unserer deutschen Vorfahren nennen, so 
setzt das nothwendig Getreidebau voraus. 
Dafür, daß dieser Landstrich dicht bewohnt 
gewesen sei, spricht auch die große Zahl der 
Ortsanlagen in seinem Bereiche. Außer den 
noch vorhandenen Dörfern zählen wir eine lange 
Reihe solcher, welche in der historischen Zeit und 
bis in das Mittelalter untergegangen und deren 
Namen uns überliefert sind. Nicht geringer 
wohl ist die Zahl der Orte und Siedelungen, 
welche schon in dunkler Vorzeit verschwunden 
sind, von denen man nicht einmal die Namen 
mehr kennt und von denen man nur hier und 
da die Spuren findet. Sie kommen vielfach in 
versteckten Thalwinkeln und an vereinsamten 
Quellen, auch oft in Lagen vor, welche nicht 
einmal diese bieten und auch dies spricht dafür, 
daß einst eine gedrängtere Bevölkerung hier lebte, 
welche sich zum Theil auf unwirthliche Wohn- 
punkte verwiesen sah. 
II. Die Mark Wichdorf. 
An die Ebene von Gudensberg schließt sich 
nördlich eine Thalbucht an, aus welcher der 
Wiehoftbach (ursprünglich „Wichasfa" und noch 
in der Theilungs-Urkunde der Gebrüder Mel 
chior und Daniel Heß v. Wichdorff von 1565 
„Wichoffe" genannt) vereint mit dem Rheinbache 
und dem Matzoftbache (früher „Matzaffa") her 
abkommt und ° sich in das Emsflüßchen ergießt. 
Diese Thalbucht mit ihren Umgebungen bildet 
die Wichdorfer Mark, welche nördlich und 
westlich von erwähntem Emsflnsse, südlich von 
der Metzer Gemarkung und östlich von dem 
Langenberge begrenzt war. 
Hauptort dieser Mark war Wichdorf. Erst 
im X. Jahrhundert wird dieser' Ort in einer 
um 950 ausgestellten Urkunde erwähnt, mittelst 
deren ein gewisser Hunold das Dorf Gerestädt 
in Thüringen, gegen das Dorf Almundehusen 
„jacens in finibus Uuihdorphornm et Bala- 
hornorum“ an das Stift Hersseld vertauschte. 
Im Jahre 1004 schenkte eine edle Matrone 
Frederuna mit ihrer Schwester Jmma dem Kloster 
Kemnaden Güter zu Wittorp und zu Witilah 
(Weisel in Oberhessen). Dann kommt Wichdorf 
1145 in einem Fritzlarer Stiftsregister vor und 
1169 vergleicht sich zu Grünberg Hugo Hesso 
,vir nobilis in Vichedorphe“ mit dem Stift 
Fulda über strittige Güter in Treyß rc. — Dies 
sind die ersten urkundlichen Nachrichten, welche 
von dem Dasein dieses Ortes Zeugniß geben, 
er war aber unstreitig viel älter und wahr 
scheinlich schon in der alten Chattenzeit vorhanden. 
Wichdorf ist, wie wir später sehen werden, die 
Mutter der Stadt Niedenstein geworden, und 
wir werden auf diesen denkwürdigen Ort später 
zurückkommen. Außer demselben gab es in der 
Mark Wichdorf noch eine größere Anzahl von 
Burgen und Dörfern, welche aber größtentheils 
im Laufe der früheren Jahrhunderte verödet 
und zu Wüstungen geworden sind. Wir führen 
dieselben in folgendem vor: 
1. Almundeshusen, dessen vorerwähnte Ur 
kunde von 950 schon neben Wichdorf gedenkt. 
Es lag an der Ems, dicht neben dem Orte, wo 
später das Kloster Merxhausen gegründet wurde 
und ist von dem Stift Hersfeld diesem Kloster 
anno 1225 geschenkt worden. Ende des XI?. 
Jahrhunderts war es bereits Wüstung. 
2. Die Altenburg — eine uralte Bergfeste, 
wahrscheinlich schon altchattischen Ursprungs — 
lag auf dem gleichnamigen Berge nordwestlich 
von Niedenstein. Dilich bemerkt darüber in seiner 
Chronik, es solle da vor alten Zeiten eine Stadt 
gelegen haben. Nur Spuren von Wällen und 
Gräben sind von ihr noch übrig, während Mauer 
reste nicht vorhanden sind. Die Zerstörung muß 
schon in vorhistorischer Zeit erfolgt sein, denn 
man hat von dieser Burg keine urkundliche 
Nachricht. 
3. Elmshagen („Elwineshahn, Ellenshein") 
noch vorhandenes Dorf am oberen Ende des 
Wichoffethales am Götzenberge (Gynzenberge) 
gelegen, gehörte ursprünglich den Herren v. Wich 
dorff Wackermaul'scher Linie, von denen 1334 
Heribert Wackermaul seinen Antheil des Ortes 
und des Gyncenbergs an Theoderich Hund und 
Kunigunde dessen Hausfrau verkaufte. — Auch 
Konrad Wackermaul verkaufte an sie in demselben 
Jahre seinen antheiligen Besitz an diesen Gütern 
nebst Gerichten und allem Zubehör. Einen dritten 
Antheil an Elmshagen besaß als Mainzisches 
Lehen Widukind Wackermaul, nach dessen erben 
losem Tode Erzbischof Heinrich von Mainz 1346 
die v. Dalwigk damit belieh. 1449 gelangte 
der Ort unter landgräfliche Hoheit, wurde aber 
von denen v. Dalwigk zu ihrem Gericht Schauen 
burg gezogen und so aus dem Wichdorfer Mark 
verband herausgerissen. 
4. Emserberg („Jmbsenbergk, Mensebergk") 
ein Dorf am Fuße des gleichnamigen Berges 
nordöstlich von Merxhausen. Es gehörte früher
        

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