Full text: Hessenland (2.1888)

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ertrage zur Geschichte des Ktäötchens Wiebenstein unb ber 
Mmilie Keß v. Wichborff.^ 
Von Ernst W o I f g a n g Hetz v. Wichborff. 
I. Einleitung. 
Mie folgenden Berichte bewegen sich auf elafsi- 
Wt fchem Boden, denn die Stadt Niedenstein 
, mit ihrer Umgebung gehört jenem Gehiete 
an, welches die Wiege unserer tapferen Alt 
vordern, der berühmten Chatten, war, jenes selbst 
von ihren Feinden, den Römern, geachtetsten, 
wenn auch gefürchtetsten deutschen Volkes, dem 
Tacitus in seiner Geschichte den schönsten Ehren- 
Denkstein gesetzt hat. 
Es geziemt sich daher, dieser glorreichen Ver 
gangenheit auch hier zu gedenken, und an sie die 
Aufzeichnungen anzuknüpfen, welchen diese Schrift 
gewidmet ist. 
Das Thalbecken, in welchem sich die Gewässer 
der Fulda, Eder, Schwalm, Elbe, Ems und Efze 
vereinigen, war der Ursitz des Chattenvolkes. 
Hier befand sich auf dem Gudensberge (Wodans 
berge) das Nativnal-Heiligthum, der Sitz ihrer 
Priesterfürsten und das an seinem Fuße liegende 
Dorf Maden (Mattium) war der Haupt-Ver 
sammlungsort des Volkes und blieb es auch noch 
in der Zeit, als die Chatten ihre Macht bis an 
den Rhein und Main einerseits und bis tief in's 
Thüringerland, bis auf den Harz und die Unter 
weser ausgedehnt hatten. Ein unumstößlicher 
Beweis für diese politische Bedeutung der Oert- 
lichkeit liegt in der Thatsache, daß als der rö 
mische Feldherr Germanicus im Jahre 15 nach 
Christo einen unerwartet schnell ausgeführten 
Kriegszug gegen die Chatten unternahm, er den 
selben gegen Mattium, den Hauptort des Volkes 
richtete und, da er letzteres unvorbereitet fand, 
den Uebergang über die Eder bei Möllrich er 
zwang, Mattium einnahm und sammt dem Priester 
sitze auf dem Wodansberge zerstörte. Der chat- 
*) Alle Rechte vorbehalten. 
Motto: 
Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt! 
(Goethe.) 
tischeObcrpriesterLibys wurde gefangen genommen 
und bei des Germanicus Triumphzug in Rom 
zu dessen Verherrlichung mit aufgeführt. 
Das Zerstörte wurde jedoch von den Chatten, 
nachdem sie sich für diesen Ucberfall blutig genug 
gerächt, bald wieder hergestellt lind Mattium 
sammt dem heiligen Wodansberge fuhr fort, noch 
Jahrhunderte hindurch der politische und religiöse 
Mittelpunkt der Nation zu sein. Es blieb auch 
bis in das frühe Mittelalter hinein der Haupt 
ort und die oberste Gerichtsstütte des Hessenlandes 
und dieses führte bis in spätere Zeiten (noch im 
XI. Jahrhundert) ehe es eine Landgrafschaft 
wurde, den Namen der Grafschaft Maden. — 
Zu seinem Schutze waren von den Chatten eine 
Reihe von Vorwerken angelegt, welche sich um 
die Stätte des Heiligthums herzogen. Wir 
können noch heute aus den Namen der nahe 
vorliegenden urchattischen Orte: W e h r e n, W er k e l, 
Ober- und Nieder-Vorschütz auf die Lage 
dieser Vorwerke schließen. An sie reihten sich 
noch andere Schutzwerke. Die Alten bürg und 
die Burg Felsberg an der Eder — wenn 
auch damals noch nicht die Steinbauten tragend, 
welche das spätere Mittelalter auf diesen Punkten 
aufführte und deren Ruinen noch in unsere 
Gegenwart hineinragen — waren ohne Zweifel 
auch zur Chattenzeit schon befestigte Vertheidigungs 
plätze. Ferner darf man die alte Focken bürg ober 
halb Wehren, den Wartberg bei Gleichen und 
die Altenburg oberhalb Niedenstein nebst der 
alten Landwehr, welche sich in der Nähe 
von Niedenstein am Emsenberge- und unter der 
letztgenannten Altenburg hinzieht, mit hoher 
Wahrscheinlichkeit als zu gleichem Zwecke er 
richtete Vorwerke ansehen. Diese Gegend war 
ohne Zweifel schon in frühchattischcr Zeit stark 
bevölkert. Die Kriegermassen, welche die Chatten 
aufstellten, lassen überhaupt auf einen reichen
        

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