Full text: Hessenland (2.1888)

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sofort in den einstigen Stabs-Orten der Kompagnien 
u. s. w. wiederum zu gestellen habe. Denn fast jedes 
Amt gab schon eine Kompagnie, der landrätliche 
Kreis ein Bataillon. An althessischen Offizieren war 
kein Mangel. Theilnehmen wollte der Kurfürst in 
großartigstem Maße an weiteren Kämpfen zu Deutsch 
lands Befreiung. So stund binnen weniger Wochen 
das althessische Heer, nach Verfaßung und Tracht, 
genau wieder da; und zwar dieß in einer Stärke, 
die aller anderer Länder Anstrengungen hinter sich 
ließ. Welche unsagbare Opfer solches aber dem 
kleinen ausgesognen Lande gekostet habe, das lese man 
nach im ersten und zweiten Hefte der Ditfurthischen 
Erzählungen aus hessischer Kriegs-Geschichte (Kassel, 
1860, Freyschmidt's Verlag). 
Nicht verweilt nun heute schnöde Befangenheit bei 
dieser wahrhaft gewaltigen hochherzigen Leistung des 
Fürsten und Volkes — nein, kläglich und boshaft 
wird an dem gleichgültigen Nebenumstande gemängelt, 
daß zur Tracht auch der Zopf gehörte. Die Unkuude 
weiß aber nicht, daß ebenwohl Napoleons Kaiser- 
Garde und die französischen Husaren bei Waterloo 
ihn noch trugen. So schneidet der entartete Sohn 
der Heimath Ehren schänderisch sich selber die Nase 
ab. 
Aus Hersfeld also rückte im Dezember 1813 ein 
neues Regiment „Landgraf Karl" nicht anders denn 
zur Zeit der Ahnen etwa ein Jahrhundert zuvor, 
oder auch schon 1687, wo es nach Griechenland gieng, 
zum Kampfe gegen Frankreich ab. 
Der Türmer Kollmann war vielleicht einst in der 
selben Kompagnie des alten Regimentes „Landgraf 
Karl" gestanden, als nun sein fahnenflüchtiger Sohn. 
Ohne Schaden war die westfälische Zeit über unser 
Volksthum dahin gegangen. Achtung vor einer Fürsten- 
Reihe, die solche Keime gelegt! 
Wer sich über unseren Landgrafen-Kurfürsten 
Wilhelm des Genaueren unterrichten will, der lese 
dessen „Lebens-Bild" im Jahrgange 1882 der 
„Hess. Blätter;" ferner „Aus hessischen Archiven" 
im Jahrgange 1879. Auch eine jüngst in Luck- 
hardtischem Verlage erschienene Schrift von „Dechend" 
über 1806 bietet manches. 
Hermann v. Pfister. 
(Einzelne Ausführungen des hochgeehrten Ver 
fassers obigen Artikels dürften vielleicht hie und da 
auf Widerspruch stoßen. Die Urtheile über den 
Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen lauten eben 
verschieden, das aber wird jeder, auch die Gegner 
desselben, zugeben müssen, daß er ein durchaus deutsch- 
gesinnter, kunstverständiger und die Kunst fördernder 
Fürst war. Welch' herrliche Schöpfungen verdankt 
das Hessenland nicht seinem Landgrafen und Kurfürsten 
Wilhelm! Abgesehen von seiner übertriebenen, an 
Knaujerei grenzenden Sparsamkeit, die ihn in den 
letzten Jahren seines Lebens beschlichen hatte, kann 
man ihm auch sonst die Anerkennung, daß er in 
seiner Weise ein tüchtiger, für das Wohl seines 
Volkes besorgter Regent gewesen ist, gewiß nicht ver 
sagen. D. Red.) 
Bor hundert zwei und fünfzig Jahren, am 28. März 
1736, starb der letzte Graf von Hanau, 
Johann Reinhard, im Alter von 70 Jahren. 
Nach dem Erbvertrage, den die Landgräfin Amelia 
Elisabeth von Hessen, bekanntlich eine Hanauische 
Prinzessin, am 26. Juli 1643 mit dem Grafen Friedrich 
Casimir von Hanau abgeschlossen hatte, sollte nach dem 
Erlöschen des Grafenhauses die Stadt Hanau mit 
der Grafschaft Hanau-Münzenberg an Hessen-Kassel, 
fallen. Und so geschah es denn auch. Vilmar 
in seiner „Hessischen Chronik" berichtet über den 
Tod des letzten Grafen von Hanau: Das ein 
same Todbett umstanden Fremde, welche auf die Erb 
schaft warteten: der hessen-kasselsche Geheime Rath 
Rau von Holzhausen und der hessen-darmstädtische 
Rcgierungsrath Teufel von Birkensee nebst deren 
Begleitern. Stadt und Schloß, alle Treppen und 
Gänge desselben bis an die Thüre des Sterbezimmers 
waren mit hessen-kasselschen Truppen stark besetzt. 
Schon seit mehreren Tagen war auf das langsam 
sich nähernde Erlöschen der schwachen Lebensflamme 
des Greises gewartet, von den geschäftseifrigen Be 
sitzergreifern und Notarien begierig gelauert worden. 
Als sie endlich Abends 67 4 erlosch, war das einzige 
Wort, welches sich über dem Haupte des entschlum 
merten Landesherrn hörbar machte, der Ruf des 
hessen-darmstädtischen Arztes Filgus: „Es ist aus!" 
und alsbald erfolgte mit lauter Stimme die Besitz 
ergreifung von dem Mobiliar durch den Herrn Teufel 
von Birkensee. So erlosch das alte Grafenhaus 
Hanau. — Näheres über den Uebergang Hanau's 
auf Hessen findet sich in der trefflichen „Geschichte 
des Kreises und der Stadt Hanau von W. Jung- 
hans", S. 55 u. flg., auf welche wir hier noch 
besonders verweisen wollen. 
— Nachträgliches zur „Hessischen Ehrentafel". 
Zunächst bitten wir in Nr. 5 des „Hessenlandes" 
Seite 72 und 73 folgende Druckfehler zu berichtigen: 
es muß gelesen werden: statt 1760. 25. März 
Gefecht bei Leimsfeld: 1761. 25. März; — 1761. 
18. März statt General Meaupou — Meaupeau; 
— 1761. 21. März statt Atzerheim — Atzenheim; 
— 1762 statt 28. Juli — 8. Juli und statt die 
Brigade — der Brigadier Normann. — Außerdem 
bemerken wir, daß in dem Ueberblick der Kriegs 
vorfälle des Hess. Jngenieur-Hauptmanns Franz Karl 
Schleicher eines Gefechtes am 20.März 1761 bei Grün 
berg Erwähnung geschieht, welches bei Renouard, 
Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und 
Westfalen in 1757 bis 1863, nicht vorkommt, 
und daß Renouard als den Ort der Schlacht 
vom 16. Juli 1761 nicht Billingshausen oder
	        

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