Full text: Hessenland (2.1888)

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_ „Da ist ein Billet-doux von meiner lieben 
Schwägerin, deiner verehrungswürdigen Schwester, 
an mich angekommen," sagte er, mit der einen 
Hand den Brief in die Höhe haltend und mit 
der andern darauf klatschend. „Rathe mal, was 
die alte Schachtel von mir will?" 
„Mein Gott, Daniel, "erwiderte Frau Schröder 
unbefangen, „wie kann ich wissen, was Bertha 
von dir will." 
„Bertha! Jawohl, Bertha heißt sie," rief 
Herr Daniel und lachte, daß ihm die Thränen 
in die Augen traten. „Hilf Himmel, Schwester 
Bertha, ach! hieß es in irgend einem Gedicht, 
das ich in der Schule auswendig lernen mußte. 
Dies „ach!" ist nämlich famos angebracht. Die 
Schwester Bertha ach! welcher der Himmel so 
bald als möglich helfen möge, bittet in diesem 
Schreibebrief jedoch mich, ihr zu helfen und ihr 
eine Gouvernante oder so ein ähnliches Möbel 
nach Dingskirchen hinzuspediren." 
„Was du da wieder schwatzest," sagte Hulda, 
welche das Schreiben an sich genommen und sich 
scheinbar in dasselbe vertieft hatte. „Sie will 
ein junges Mädchen zu ihrer Pflege engagiren." 
„So soll sie sich an eine barmherzige Schwester 
wenden, aber nicht an mich, das will ich dieser 
Schwägerin Bertha schreiben, oder weißt du 
was, schreibe du es ihr, ich könnte faule Witze 
machen, die für ihren schwachen Magen vielleicht 
nicht gut wären." Damit ging der besorgte 
Schwager von dannen, sein: „Hilf Himmel 
Schwester Bertha, ach!" in allen möglichen Ton 
arten vor sich hinträllernd. Hulda war klug 
genug, zudem die Beantwortung des Briefes in 
ihre Hand gelegt war, die Angelegenheit nicht 
zu übereilen und kam erst nach einigen Tagen 
wieder auf das Anliegen ihrer Schwester zurück. 
„Ich habe mir die Sache mit Bertha über 
legt," begann sie, als Daniel bei geeigneter Laune 
zu sein schien. „Wie wäre es, lieber Mann, 
wenn wir Dora für ein paar Wochen ihr ab 
treten würden. Dora ist ihr, von den mehr 
maligen Besuchen, die sie uns abgestattet, keine 
fremde Person und für unser Pflegekind ist es 
auch eine kleine Abwechselung. Sie sieht andere 
Menschen, lernt andere Verhältnisse kennen - " 
Bis dahin war Frau Hulda in ihrer über 
zuckerten Rede glücklich gekommen, als ihr Ge 
bieter, dessen Augen immer größer und unheil 
drohender geworden waren, ihr mit einem 
furchtbaren Poltern das Wort entzog: 
„Sie braucht keine anderen Menschen zu sehen, 
hier die sind gerade gut und schlecht genug, sie 
braucht keine anderen Verhältnisse kennen zu 
lernen, was sie kennen zu lernen nöthig hat, 
kann sie hier kennen lernen, sie braucht keine 
barmherzige Schwester bei deiner Schwester zu 
spielen, die gar keine Barmherzigkeit verdient, 
denn sie hat meinen armen Staar, meinen Jakob, 
wie sie zuletzt hier war, zwischen die Stuben- 
thüre geklemmt, daß er krepirt ist." 
„Aber, Daniel," remonstrirte Hulda, als er 
vor allzuhastigem Sprechen plötzlich zu husten 
anfing, „so überlege dir die Sache doch erst 
eben so reiflich, wie ich es gethan habe, bevor 
du so in Rage geräthst." 
„Ich brauche mir Nichts zu überlegen!" don 
nerte Herr Schröder von neuem, seinen Husten 
anfall gewaltsam unterdrückend. „Die Dora ist 
hier am besten aufgehoben und braucht nicht 
unter fremde Menschen zu gehen!" 
„Es ist ja meine leibliche Schwester, zu welcher 
ich sie schicken will." 
„Du willst sie schicken, jawohl! aber ich will 
nicht, ich, Daniel Schröder, Wohlgeboren, Hier! 
Du möchtest die Dora gern los sein, das weiß 
ich schon lange, aber daraus wird Nichts, ich 
habe sie als mein Kind angenommen und werde 
auch väterlich für sie sorgen, so lange meine 
Augen noch offen sind!" 
„Vielleicht aber wünscht Dora selbst, uns zu 
verlassen," sagte Hulda mit unerschütterlicher 
Ruhe, da sie durchaus nicht gesonnen war, sich 
den einmal gefaßten Plan über den Haufen 
werfen zu lassen und als scharfe Beobachterin 
in der Annahme nicht fehl zu gehen glaubte, 
daß Dora wirklich ihren Vorschlag annehmen 
würde. 
Zuerst sah Daniel seine Gattin betroffen au, 
dann riß er die Thüre auf und rief seine 
Pflegetochter aus der Küche herein. 
„Dora," sagte er kurz und zog seine buschigen 
grauen Augenbrauen zusammen, „hier die Ma 
dame, meine liebe Frau wollte ich sagen, macht 
mir soeben die Mittheilung, daß es dir nicht 
mehr bei uns gefällt und du gern anderswo 
eine Stelle annehmen wolltest. Ist das wahr?" 
Eine Todtenblässe überflog Dvra's Antlitz, sie 
fühlte, daß jetzt der Wendepunkt in ihrem Leben 
gekommen sei. Wie Hulda richtig voraussetzte, 
war der Entschluß in ihr zur Reife gediehen, 
selbst auf die Gefahr hin, in den Augen ihres 
Wohlthäters als das undankbarste Geschöpf von 
der Welt zu erscheinen, das Haus zu verlassen, 
in welchem sie erzogen worden war, um nicht 
Zank und Streit in die Familie zu bringen, der 
sie Alles zu danken hatte. Franz sollte sie 
vergessen, wie es mit ihr gehen würde, war ihr 
vorläufig eine Nebensache. Noch einmal lief 
alles dies an ihrem geistigen Auge vorüber, dann 
brachte sie, zwar heftig zitternd, auf die Frage 
ihres zweiten Vaters ein vernehmliches „Ja" 
über die Lippen. Dieser sah sie darauf wohl 
eine Minute lang forschend an und als sie vor
	        

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