Full text: Hessenland (2.1888)

107 
kenne das Mädchen von Kindesbeinen an und 
weiß, was daran ist, bringt mir der Junge aber 
vielleicht so eine Mamsell aus der Residenz in's 
Haus, so hält der Satan damit wohl gar seinen 
Einzug und mit der Gemüthlichkeit ist es ganz 
Matthäi am Letzten. Ich weiß ja zwar nicht, 
was der Patron für Absichten hat, aber eine 
bessere Ehehälfte, wie die Dora, kann er unter 
allen Umständen nicht bekommen, dabei bleibe ich." 
Nach und nach hatte der Bann sich von den 
drei Damen gelöst und Frau Hulda, ihre Tasse 
niedersetzend, sagte mit kreideweißen und vor 
Erregung zitternden Lippen, obgleich sie sich be 
mühte, durch ein mitleidiges Lächeln ihren Aerger 
zu verbergen: „Laß doch diese Scherze, Daniel! 
Wenn das Mädchen zufälligerweise eines deiner 
Worte auffangen sollte, könnte etwas Schönes 
daraus entstehen. Es ist nur gut, daß wir 
unter uns sind, denn, nicht wahr, meine Damen, 
ich darf mich doch darauf verlassen, daß Sie 
reinen Mund halten — ?" 
Eben wollten die also feierlich Beschworenen 
mit großer Bereitwilligkeit die Versicherung ab 
geben, daß sie über diesen delikaten Punkt selbst 
verständlich stumm wie die Fische sein würden, 
obgleich die Frau Hauptzollamtskontroleurin sich 
schon innerlich freute, die erste zu sein, 
diesen angehenden Familienkonflikt im Schröder- 
schen Hause den sämmtlichen Frau Basen des 
Städtchens, jeder einzelnen natürlich unter dem 
Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, mittheilen zu 
können, — eben sollten also diese Versicherungen 
abgegeben werden, als Franz und Dora in die 
Stube traten, gleichsam als eine Illustration zu 
dem vorhergegangenen Gespräch. Fröhlich in die 
Hände klatschend rief Herr Daniel aus: „Da 
haben wir's, wenn man den Fuchs nennt, kommt 
er gerennt!" während Frau Hulda noch blasser 
wurde und die beiden anderen Damen sich ver- 
ständnißvolle Blicke zuwarfen und sich darauf 
gefaßt machten, daß nun eine ganz außerordent 
liche Familienscene erfolgen sollte, wie sie auf 
dem Theater nicht besser aufgeführt werden 
konnte, denn alle Rollen bis auf sie selbst, welche 
das Publikum repräsentirten, waren ja ans das 
Beste vertheilt, aber sie sollten sich trotzdem getäuscht 
haben. Franz setzte sich neben seinen Vater, 
Dora verließ das Zimmer kurz nach ihrem Ein 
tritt wieder, um dem Dienstpersonal noch noth 
wendige Anordnungen für den morgenden Tag 
zu geben und von den Anwesenden sprach zuletzt 
nur noch der alte Schröder allein. Sein Gedanken 
gang hatte indessen eine andere Wendung ge 
nommen und drehte sich nunmehr um die Wein 
stuben und Restaurants der Residenz, wobei der 
auch in den culinarischen Genüssen sehr bewan 
derte Papa sich nicht wenig ärgerte, daß der 
Sohn der Zubereitung der Speisen, wie sie auf 
die Wirthschaftstafeln gelangen, nicht das erfor 
derliche Interesse zugewendet zu haben schien, da 
er weder von einer neu erfundenen Sauce, noch 
von einer Entdeckung auf dem Gebiete der 
Ragouts zu berichten wußte. Als die beiden 
Freundinnen der Frau Hulda merkten, daß die 
letztere an diesem Abend das interessante Thema 
beruhen ließ und zu keinem weiteren Angriff 
überging, empfahlen sie sich, als der Nachtwächter 
seinen ersten Ruf erschallen ließ. Auch nach dem 
Abgang der fremden Personen ereignete sich in 
dem Schröder'schen Hause nichts Besonderes, 
Frau Hulda zog sich im höchsten Grade ver 
stimmt in ihr Schlafzimmer zurück und Franz 
mußte zu guter Letzt mit seinem Vater noch 
einige Partien Sechsundsechszig spielen, welche 
er zum großen Gaudiuni Daniels sämmtlich 
verlor. 
Am andern Tage kehrte Franz in die Residenz 
zurück, ohne daß zwischen ihm und seinen Eltern 
irgend eine Auseinandersetzung über sein Ver 
hältniß zu Dora erfolgt wäre. Er hatte den 
Entschluß gefaßt, die Sache nicht eher zum Aus 
trag zu bringen, als bis nach der im Herbst er 
folgenden Beendigung seiner Studien, wo er 
alsdann mit einer gewissen Selbstständigkeit auf 
treten konnte. Dora, welcher er seine Absicht 
mitgetheilt, hatte wehmüthig das blonde Köpfchen 
dazu geschüttelt, denn sie hielt es für eine Un 
möglichkeit, daß Franz seine Absicht durchzusetzen 
vermöge, freilich dachte sie nur an die Härte der 
Frau Hulda und berücksichtigte nicht die wohl 
wollende Gemüthsart des Herrn Daniel, welcher 
seine Pflegetochter weit mehr schätzte, als er es 
sich ihr gegenüber merken ließ. Wie sehr sie 
dem alten Herrn an das Herz gewachsen war, 
sollte Dora jedoch einige Tage nach Franzens 
Abreise erfahren. Hulda hatte nach jenem Thee 
gespräch die Ueberzeugung gewonnen, daß es die 
höchste Zeit sei, das Mädchen aus dem Hause 
zu bringen, wollte sie nicht sich selbst den Vor 
wurf machen, eine ihr für die Dauer immer 
unliebsamere Person immer festeren Fuß in ihrer 
Familie fassen zu lassen. Aus diesem Grunde 
ging sie mit dem Plane um, Dora in eine ent 
fernte Provinzialstadt zu ihrer, Huldas, ledigen 
Schwester zu schicken, welche, von gebrechlichem 
Körper, einer Pflegerin bedürftig war. Sie 
schrieb an dieselbe und veranlaßte sie, mit wen 
dender Post die Anfrage an ihren Schwager, 
Herrn Daniel, zu richten, ob er ihr keine ge 
eignete Persönlichkeit zu ihrer Stütze empfehlen 
könne. Wie Hulda vorausgesehen, so geschah es, 
ihr Eheherr suchte sie nach Empfang des Briefes 
auf, um über den Inhalt desselben mit ihr 
Rücksprache zu nehmen.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.