Full text: Hessenland (2.1888)

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Die französischen Chasseurs waren zwei blutjunge 
Burschen von kleiner, schwächlicher Figur, während 
der Grenadier ihnen gegenüber ein Mann von 
kriegerischer Haltung und mehr als gewöhnlicher 
Körperkraft war. 'Vermuthlich von Kassel aus 
als Patrouille in der Richtung auf Eschwege 
vorgesandt, waren die Gefangenen vom richtigen 
Wege abgekommen und in der Irre umher ge 
ritten. Schon drei Meilen von Kassel entfernt, 
kamen sie aus eitler unwegsamen Gegend auf 
eine durch den Wald führende Straße. Sie 
mochten wohl ängstlich besorgt sein wegen ihrer 
Rückkehr durch ein im Aufstande begriffenes 
Land, da erschreckt sie plötzlich die hohe Gestalt 
eines Grenadiers, der ihnen den Weg vertritt, 
mit donnernder Stimme Halt gebietet und in 
demselben Augenblick einen von ihnen mit großer 
Kraft aus dem Sattel hebt und zu Boden 
schleudert. So lassen sich beide im ersten Schreck 
entwaffnen und gefangen nehmen. Wenn die 
Kühnheit des Grenadiers allen Beifall verdient, 
so will ich das Benehmen der beiden Chasseurs 
weder rechtfertigen, noch entschuldigen, sondern 
nur zu erklären suchen. — 
Noch war Eschwege, das Hauptquartier der 
im Ausstande begriffenen hessischen Soldaten, 
von den Franzosen nicht angegriffen worden, 
und die Führer waren bemüht, den Aufstand zu 
verbreiten und ihre Streitkräfte zu vermehren. 
Deshalb kam auch nach Großalmerode eines 
Tages ein hessischer Lieutenant, ein Herr von 
Hasserodt, in vollständigem Dienstanzuge mit 
Schärpe und Ringkragen, geritten, stieg vor dem 
Posthause ab, erklärte meinem Onkel, daß er 
zum Kommandanten der Stadt ernannt sei und 
nahm bei ihm Quartier. Er versammelte die 
Unteroffiziere und Soldaten des Orts, regulirte 
unter Zuhülfenahme der vorhandenen Jagdgewehre 
ihre Bewaffnung, etablirte unter dem Beifall 
der Menge im Gasthaus zur Krone eine Haupt 
wache mit einem Posten vor Gewehr, stellte einen 
Posten vor die Kommandantur, so wie Doppel 
posten an die Thorpfeiler, die am Aus- und 
Eingang des Ortes diesen als Stadt bezeichnen 
sollten, da Großalmerode weder Mauern noch 
Thore hat. 
So wurde meine Vaterstadt besetzt und gegen 
den Feind behauptet, der zur Zeit noch ruhig 
in Kassel blieb. Als aber der feindliche Ober 
befehlshaber seine Streitkrüfte zusammen zog, 
wurde Großalmerode ohne Schwertstreich auf 
gegeben und die Besatzung marschirte nach Esch 
wege ab, in so weit Einzelne aus nothwendigen 
Familien-Rücksichten es nicht vorzogen, zu Hause 
zu bleiben. 
An einem Sonnabend Nachmittag verbreitete 
sich das Gerücht, daß die Franzosen im Anmarsch 
seien, uin gegen Eschwege vorzurücken. Das Volk 
schaarte sich auf den Straßen, um die erwarteten 
Franzosen zu sehen. Die Arbeiter in den Fabriken 
ließen sich ihren Wochenlvhn auszahlen und 
sprachen fleißig der Flasche zu. Da kam ein 
einzelner französischer Offizier in das Städtchen 
geritten. Ein Pfeifenmachergeselle, begeistert 
durch das genossene Getränk und durch das kühne 
Beispiel, das der Grenadier Hopffeld gegeben 
hatte, ergriff einen Stock, trat aus dem Volk 
heraus, fiel dem Pferd des Offiziers in die 
Zügel und schrie: Halt! — Abgesessen! Der 
Offizier aber saß nicht ab, sondern zog den Säbel. 
Kaum aber sah unser verwegene Geselle die 
blitzende Klinge aus der Scheide fahren, als er 
entsetzt die Zügel los ließ und mit Zurücklassung 
seiner Pantoffeln pfeilschnell in das dichteste 
Volksgedränge flüchtete. Der Offizier sprengte 
ihm mit geschwungenen Säbel nach, aber wohl 
aus Besorgniß, Weiber und Kinder zu verletzen, 
hielt er sein Pferd an und ließ die Klinge nicht 
niederfallen. 
In demselben Augenblick sprengte ein französischer 
Kürassier die Straße herab und mit schnellem Blick 
erkennend, daß der von dem Offizier Verfolgte 
sich bemühte, die Thür eines freistehenden Eck 
hauses zu erreichen, flog er um das Haus herum 
und besetzte den hinteren Ausgang. Der kühne 
Flüchtling hatte, durch das Volksgedränge ge 
schützt. die Thür jenes Hauses erreicht, war aber 
vom Hofe desselben über eine Mauer nach einem 
Nachbargrundstück gelangt und so glücklich ent 
kommen. 
Jetzt rückte ein französischer Oberst, von Ad 
jutanten begleitet und von einer Eskadron Kürassiere 
gefolgt, ein. Diese dichte Kolonne in Stahl und 
Eisen gekleideter Reiter waren die ersten Kürassiere, 
die ich sah und machten auf mich einen freude 
erregenden Eindruck. Die Schwadron hielt und 
der angegriffene Offizier meldete den Vorfall. 
Der Oberst ließ sich von den Umstehenden den 
Namen des Mannes, der den Offizier angefallen 
hatte, nennen und befahl das Wohnhaus desselben 
anzuzünden. 
Mein Onkel war unterdeß auf dem Platze 
angelangt. Er erkannte unter den Begleitern 
des Obersten einen ihm bekannten ehemaligen 
hessischen Offizier, der in französische Dienste ge 
treten war, wandte sich an diesen und eröffnete 
die Unterhandlungen mit dem Obersten dadurch, 
daß er ihn bitten ließ, ihm die Ehre zu erzeigen, 
mit den Herrn Offizieren in seinein Hause ein 
Glas Wein zu trinken. Die Einladung wurde 
angenommen; mein Onkel bewirthete die Offiziere 
auf das Beste und stellte unterdeß dem Herrn 
Obersten vor, daß der Pfcifenmachergeselle als 
ein blödsinniger, unzurechnungsfähiger Mensch
        

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