Volltext: Hessenland (1.1887)

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falls mit polizeilicher Hülfe, nöthigte Lepel im 
Januar 1839 auch seine Entlassung als Minister 
zu erbitten und ein Portefeuille niederzulegen, zu 
dessen Erlangung er selbst keinerlei Schritte ge 
than hatte. 
Außer der ihm von seinem ersten Herrn sicher 
gestellten Pension von 1200 Thlr. erhielt er 
nur 300 Thlr. Staatspension. 
Dem in seinen Gefühlen durch solchen Aus 
gang der Dinge wenig gehobenen Mann eröff 
neten sich unerwartet im Herbste 1840 Aussichten 
seine Lage zu verbessern und wieder ein Feld 
der Thätigkeit zu erlangen. 
Der regierende Herzog Ernst I. von Coburg- 
Gotha bot ihm die, durch den Tod des Ministers 
von Carlowitz erledigte Stelle eines dirigirenden 
Geheim-Raths und Staatsministers an. Er 
zögerte nicht mit der Annahme des gut dotirten 
Vertrauenspostens und nachdem er seine Loslös 
ung aus hessischem Verbände durch Verzicht auf 
die Staatspension und Niederlegung der Kammer 
herrnwürde — bei welcher Gelegenheit er jedoch 
erklärte, „sich immer noch als Kammerherrn des 
Hochseeligen Kurfürsten zu betrachten", erlangt 
hatte, siedelte er zu noch 33 Jahre dauerndem 
Aufenthalt nach Coburg über. 
So lange der damalige Herzog lebte, welcher 
die konservativen Grundsätze seines ersten Be 
amten billigte und theilte, ging Alles vortrefflich. 
Im Januar 1844 starb aber der Herzog, und sein 
Sohn Ernst II. folgte ihm in der Regierung. 
Der junge, von liberalen Ideen durchhauchte, zu 
Neuerungen neigende Fürst mußte mit seinen 
Anschauungen vielfach in Widerspruch treten mit 
den Ansichten des peinlich gewissenhaften, von 
den Rechten und Pflichten fürstlicher Autorität 
im höchsten Grade durchdrungenen und wenig 
zu Konzessionen neigenden Vertreters der alten 
Schule. Namentlich trat diese Verschiedenheit 
der Ansichten bei Abwägung der Rechte hervor, die 
der Herzog seinen Ständen gegen den Rath 
Lepels einräumte. Dies veranlaßte ihn, zurückzu 
treten. Der erbetene Abschied wurde ihm zu 
Anfang 1846 in gnädiger Weise und unter, für 
damalige Verhältnisse sehr günstigen Bedingungen 
gewährt. 
Auf den Wunsch des Prinzen Albert, Gemahls 
der Königin Victoria, übernahm • der nun für 
immer aus dem Staatsdienst Geschiedene die 
Vertretung dieses nächsten Agnaten und präsum 
tiven Thronerben des Hauses, in allen seinen 
heimischen Angelegenheiten, namentlich die Fidei- 
kommißverwaltungen der Coburgischen Besitzungen. 
Eine sehr freigebig angebotene Entschädigung für 
seine Mühewaltung lehnte er ab. 
Dann kam das Jahr 1848 mit seinen Hoff 
nungen und seinen Alles in Verwirrung bringen 
den Umstürzen und Enttäuschungen. Es brachte 
in seinem Gefolge auch für Lepel manchen Kampf. 
Im Interesse seines Mandanten und der übrigen 
Agnaten: des Königs Leopold der Belgier und 
des Herzogs Ferdinand kämpfte er für die Rechte 
derselben am Domamen-Vermögen, welches der 
Herzog in eine Allodialrente umwandeln wollte. 
Es liegt ein umfangreicher Briefwechsel über 
diese Fragen mit dem Prinz Gemahl vor, der 
sich indessen der Benutzung resp. Veröffentlichung 
aus mancherlei Gründen entzieht. Es ist aber 
doch daraus zu ersehen, daß der Prinz später in 
seinen Ansichten sich dem herzoglichen Bruder 
anschloß und daß Lepel, welchen die Erlebnisse in den 
Jahren 1848 und 1849 nur noch mehr in seinen 
Grundsätzen des Beharrens auf konservativer 
Basis bestärkt hatten, deshalb auch dies letzte Amt im 
Sommer 1851 niederlegte. Kurz vorher hatte 
er den Schmerz erlitten, seine treue Gattin zu 
verlieren. 
Lepel blickte auf ein ungewöhnlich langes und 
erfahrungsreiches Dienstleben, welches ihn in 
Beziehungen mit den meisten der für Deutsch 
land maßgebenden Persönlichkeiten gebracht hatte, 
zurück. War seinem redlichen Wollen, seiner 
rastlosen Thätigkeit, nicht immer Anerkennung 
und Erfolg verliehen, so hat er doch genug 
Gutes geleistet, um sich für alle Zeiten das 
rühmlichste Andenken zu erhalten. An äußeren 
Ehren hat es ihm nicht gefehlt, beide Hessen, 
Baden, die thüring'schen Staaten, sogar Portugal 
hatten ihm ihre höchsten Orden verliehen. 
Noch eine lange Reihe von Jahren dauerte 
der Lebensabend des Greises. Im 86ten Lebens 
jahre schloß er das dritte Ehebündniß mit Wil 
helmine Freiin von Meyern-Hohenberg. Der 
Mann, der dem alten Reiche gedient hatte, der 
aufrichtige Anhänger Oesterreichs und des 
Staatenbundes sah noch, wenn auch nicht leichten 
Herzens die Wandlungen, welche das Jahr 1866 
brachte, er sah noch die Entstehung des neuen 
Reiches und einer seiner Söhne hat durch seinen 
Heldentod mit dazu beigetragen, daß es wieder 
einen Kaiser über Deutschland gibt. 
Daß die Größe des Vaterlandes erreicht 
wurde, obgleich auf anderem Wege wie auf dem 
von ihm eingeschlagenen und für richtig gehal 
tenen — mußte dem alten deutschen Patrioten 
die letzte Freude bereiten. 
Er starb am 10. November 1873 im fast 
vollendeten 94. Lebensjahre in Coburg. —
        

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