Full text: Hessenland (1.1887)

Pflanzenwelt fast sechsmal soviel Arten enthält als 
die ganze mitteleuropäische Flora zusammengenommen, 
daß unter der Martius'schen Ausbeute eine große 
Zahl bis dahin noch ganz unbekannter, nie beschriebener 
Spezies sich befand, kann sich auch ein Nichtfachmanu 
eine Vorstellung von der Größe der zu bewältigenden 
Aufgabe machen. Dazu kommt noch, daß die Mehr 
zahl der Haupttypen des ganzen Gewächsreichcs in 
dieser brasilischen Flora repräsentirt ist, und viele der 
natürlichen Pflanzenfamilen in ihr den Schwerpunkt 
haben. Der Bearbeiter muß also auch jene Typen 
in ihren außerbrasilischen Formen studiren, muß 
ferner die Gruppen monographisch untersuchen. Durch 
überaus fleißige Betheiligung an der großartigen Arbeit 
und zwar in dem eben angedeutenden Sinne wurde 
Sichler sowohl zur Ausbreitung als zur Vertiefung 
seines Wissens geführt und gelangte so allmählich 
zu der umfassenden Formenkenntniß und der großen 
Anschauungsweise des Pflanzenreiches, welche ihn eine 
der ersten Stellen in der Reche der lebenden Botaniker 
einnehmen ließ. Freilich heißt jetzt eine andere Art 
der Forschung, die mikroskopische, wissenschaftlicher und 
wird höher gestellt; ob mit Recht, ist eine andere Frage. 
Nachdem Martins (am 13. December 1868) ge 
storben war, siel Sichler die Leitung des großen 
Unternehmens zu, welche er bis zuletzt m seiner Hand 
behielt. Nur kurze Zeit noch blieb er in München, wo 
er sich bald nach Antritt seiner Assistentenstelle auch als 
Privatdozent habilitirt hatte. Er wurde 1871 als 
Professor der Botanik und Direktor des botanischen 
Gartens nach Graz berufen. Zwei Jahre später 
leistete er einem Rufe nach Kiel Folge, um dort in 
den gleichen Aemtern zu wirken. Fünf Jahre gehörte 
er der holsteinschen Universität an. Im Jahre 1878 
wurde er Nachfolger Alexander Braun's auf dem Lehr 
stuhl der systematischen Botanik und in der Direktion 
des botanischen Gartens der Universität Berlin. 
Hier entfaltete Sichler eine überaus segensreiche 
nnd fruchtbare Thätigkeit als akademischer Lehrer, 
Organisator, wie Forscher. Unter seiner Leitung er 
reichte der botanische Garten seine jetzige Vollendung, 
unter ihm wurde das botanische Museum gebaut und 
eingerichtet. Von seiner literarischen Thätigkeit geben 
Zeugniß das zweibändige epochemachende Werk 
„Blüthendiagramme, konstruirt und erläutert" (Lpz., 
Engelmann. 23 M.), sein in 4 Ausl, erschienener 
„Syllabus derVorlesungen über spezielle und medizinisch- 
pharmazeutische Botanik", sein „Jahrbuch des k. bo 
tanischen Gartens und Museums zu Berlin", welches 
neben fachwissenschaftlichen Abhandlungen, Bericht 
über die Arbeiten und Veränderungen im botanischen 
Garten in der Zeit 1878—81 und eine Beschreibung 
des neuen botanischen Museums enthält; ferner zahl 
lose Abhandlungen in fachwissenschaftlichen Zeitschriften, 
in den Abhandlungen der preußischen Akademie der 
Wissenschaften, zu deren wirklichem Mitgliede er schon 
in verhältnißmäßig jugendlichem Alter gewählt worden 
war,- in den Schriften der Gesellschaft naturforschender 
Freunde- den Sitzungsberichten des botanischen Vereins 
der Provinz Brandenburg, der Monatsschrift des 
Vereins zur Beförderung des Gartenbaus in den 
Preuß. Staaten rc. rc. Zu dem großen Handbuch 
der systematischen Botanik „Engler nnd Praetl, 
die natürlichen Pflanzenfamilien" (Lpz., Engelmaun), 
dessen Erscheinen bervorsteht, hatte der Verewigte die 
Bearbeitung zahlreicher, von ihm ganz besonders ein 
gehend studirter Familien übernommen, und, soviel 
uns bekannt ist, u. A. die der Soniferen auch bereits 
fertiggestellt. 
Trotz der kolossalen Arbeitslast, welche in Berlin 
auf seinen Schultern lag, nnd der er sicherlich so früh 
um Opfer gefallen ist, war er doch stets der hülfs- 
ereite Freund, der gern aus dem reichen Schatze 
seines Wissens mittheilte. 
Alle, welche ihm näher getreten, werden ihm ein 
freundliches Andenken der Liebe und der Hochachtung 
bewahren. Und wenn sich auch so früh des Vaters 
Homer botanischer Spruch an ihm erfüllt hat: „Wie 
der Blätter Geschlecht, so sind die Geschlechter 
der Menschen", so wird doch sein Leben in der Geschichte 
der Wissenschaft große und nachhaltige Spuren zurück 
lassen. ^ # A. 
Rudolf Busch. 
Am 6. März starb hier in Kassel der Inspektor 
der Mädchenfreischnle Pfarrer R u b o l f Bu s di. 
Derselbe ist geboren zu Haina im Kreise Franken 
berg am 11. Oktober 1821. Sein Vater war 
der dortige Metropolitan Dr. thcol. Karl Fried 
rich August Busch. Vom Herbst 1835 bis Ostern 
1844 besuchte Rudolf Busch das Gymnasium in 
Hersfeld. Herauf bezog er die Universität Marburg, 
die er im September 1847 nach wohlbestandenem 
theologischen Examen verließ. Nachdem er an ver 
schiedenen Orten Kurhessens als Privatlehrer und 
als Pfarrgehilfe thätig gewesen war, bestand er im 
August 1852 in Marburg die Prüfung pro rectoratu 
nnd übernahm im Jahre 1854 auftragsweise das In 
spektors über die 6 stiftungsmäßigen und 5 städti-, 
schen Freischulklassen in Kassel. Seine definitive Be 
stellung als Inspektor und erster Lehrer der städtischen 
Freischule erfolgte im Jahre 1857. Als diese An 
stalt im Jahre 1883 eine Ausdehnung gewonnen 
hatte, die eine Theilung nothwendig erscheinen ließ. 
behielt Busch die Lenung der 'Mädchenfreischule 
Busch erfreute sich bis wenige Wochen vor seinem 
Tode des besten Wohlseins, ein Bronchial-Katarrh 
führte sein Ende herbei. Er hat es in seltenem 
Maße verstanden, sich nach allen Seiten hin Liebe 
zu erwerben. Den Schülern war er ein liebevoller 
Lehrer, den Eltern derselben ein freundlicher Berather, 
den Lehrern ein humaner Vorgesetzter nnd Freund. 
An seinem Leichenbegängniß am 9. März betheiligten 
sich außer den Lehrern aller Schulgaltnngen, Geist 
lichen und Bürgern die Vetreter Königlicher Regier 
ung nnd der städtischen Behörden, und viele theil- 
nehmende Menschen bildeten Spalier vom Trauer 
hause bis zum Todtenhofe. Unter den zahlreichen 
Kranz- und Blnmenspenden heben wir hervor einen 
Palmenzweig und Blumenstrauß mit der Widmung: 
„Dem Pfarrer mtb Schulinspekror Rudolf Busch ge 
widmet von der Residenzstadt Kassel" und einen
        

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