Full text: Hessenland (1.1887)

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Doch wie staunte er und sie, 
Goldgedieg'ne waren die 
Und an Werth, matt könnte Haufen 
Eiserne wohl dafür kaufen. 
Das jagt Zweifel ihm durch's Hirn, 
Falten furchen seine Stirn: 
„„Sieben Jahre bei dem Quinten?"" 
Frägt er sich, ,,„im Berg dahinten?"" 
Doch als echter Fahnenschmied, 
Wie er leibt und lebt im Lied — 
Jauchzt alsbald er lautester Weise, 
Schwenkend sie dabei im Kreise: 
„„Marie-Ann', wie dem auch sei, - 
Hielt Dir Liebe, Schwur und Treu! 
Sieh, dies reicht zu Haus und Scheuern, 
Juchhei! nun geht es an's Heu'ren! 
Backe, brat' und lade ein! 
Rüst' Dein Hochzeitskämmerlein; 
Als Frau Fahnenschmied des Quinten 
Soll der nächste Tag Dich finden!. . 
Kirdnris Motiv. 
Uetrvotoge. 
August Wilhelm Eichler. 
Schon wieder haben diese Blätter den Tod eines 
bedeutenden Sohnes unseres engeren Vaterlandes zu 
melden. Nicht an der Grenze, welche dem rnenschlichen 
Leben gesetzt ist, oder zu einem Zeitpunkt, wo des 
Lebens Schatten länger geworden, nein, im kräftigsten 
Mannesalter, im Zenith des Lebens, beschloß am 
1. März, Morgens 6*/** Uhr, zu Berlin nach schwerem 
Leiden sein irdisches Dasein Dr. August Wilhelm 
Eichler, Professor der Botanik, Direktor des k. bo 
tanischen Gartens und des botauischen Museums in 
Berlin. Noch lag ein weites Feld segensreicher Thätig 
keit vor ihm offen, noch schien ihm vor etlichen 
Monaten, wenigstens nach menschlicher Berechnung, 
ein reiches Wirken beschieden zu sein — und nun 
deckt ihn der Schooß der märkischen Erde. 
Der Verblichene war geboren am 22. April 1839 
zu Neukirchen als Sohn des jetzigen ersten Ober 
lehrers an der Realschule zu Eschwege Eichler. Nach 
Absolvirung des Gymnasiums widmete er sich dem 
Studium der Mathematik und Naturwissenschaften, 
pflegte jedoch von Anfang an mit besonderer Vorliebe 
die letzteren, namentlich unter Leitung des vor Kurzem 
verstorbenen Professors Wigand die scientia amabilfe. 
die später sein Spezialstndrum werden sollte, und in 
deren Elemente ihn sein Vater, selbst ein tüchtiger 
Pflanzenkenner, eingeführt hatte. Im Jahre 1860 
legte er in Marburg das Gymnasiallehrerexamen ab 
und am 7. Oktober desselben Jahres wurde er als 
Praktikant des Gymnasiallehreramtes in den Vor 
bereitungsdienst am Marburger Gymnasium einge 
führt. Hier blieb er nur kurze Zeit. In dem 
folgenden Jahre berief ihn der Geheime Rath von 
Martins, der berühmte Münchener Botaniker, zu 
sich als Assistenten. Der damals beinahe 70 Jahre 
alte, aber geistig wie körperlich ungemein rüstige Ge 
lehrte lebte nur seinen Privatstndien. und den Interessen 
i der bayerischen Akademie der Wissenschaften. Sein 
j Universitätsamt, sowie die Direktion des botanischen 
j Gartens hatte er niedergelegt, weil man ihm trotz 
l seinen Gegenvorstellungen den letzteren, der unter 
seiner Leitung ein Musterinstitut von europäischem 
Rufe geworden war, durch Einbau des Glaspalastes 
in Plan und Anlage vollständig verdorben hatte. 
Unter seinen Arbeiten nahm ihn hauptsächlich in An 
spruch die Herausgabe der „Flora brasiliensis“. Für 
dieses großartig angelegte botanische Prachtwerk hoffte 
er in Eichler einen tüchtigen Mitarbeiter zu be 
kommen. Daß er keine beffere Wahl hätte treffen 
können als durch Heranziehung des jungen kurhessischen 
Gymnasiatpraktikanten, hat er selbst wiederholt aus 
gesprochen. hat die Zukunft bewiesen. 
Der Mitarbeiterschaft an" diesem Werke,*) dein 
großartigsten botauischen Werke, welches bis jetzt 
existirt, verdankte Eichler seine eminente Pflanzen- 
j kenutniß und nicht minder seine verdiente Carriere. 
Wir können es nicht unterlassen, mit einigen Zeilen 
! näher darauf einzugehen, wenn es auch schwer ist, 
, dem Nichtbotaniker namentlich nur in kurzen An 
deutungen einen Begriff von. der Größe und Be- 
. deutnng des Werkes in Rede zu geben. Sie gründen 
sich zum Theil auf Eichler's eigene Mittheilungen, 
mit welchem der Schreiber dieser Zeilen während seines 
Studiums in München in freundschaftlichem Verkehr 
! stand und Gelegenheit hatte, den hingebenden und er- 
! folggekrönten Antheil des dittevcn Freundes an dem 
Unternehmen zu verfolgen. 
Von der großen wissenschaftlichen Reise, welche 
Martins mit dem Zoologen Spix nach Brasilien 
unternommen und welche sich ttch über den Zeitraum 
vorn April 1817 bis Dezember 1820 ausdehnte, hatte 
ersterer als Ausbeute nahezu 7000 Pflanzenarten 
- mitgebracht. Erst im Jahre 1839 faßte Martins 
mit dem berühmten Wiener Botaniker Endlicher den 
Plan (und zwar auf Anregung des Fürsten Metternich), 
auf Grundlage der Riesenausbeute jener Reise sowie 
überhaupt des aus Brasilien zusammengetragenen 
Materials die gesammte Flora dieses Landes einer 
! wissenschaftlichen Bearbeitung zu unterziehen und be- 
i gleitet von zahlreichen ikonographischen Darstellungen 
in Gestalt eines Prachtwerkes zu einem systematischen 
■ Ganzen zu vereinigen. Die Potentaten Kaiser 
! Ferdinand I. von Oesterreich, Don Pedro II. von 
! Brasilien, König Ludwig I. von Bayern, bezw. ihre 
( Nachfolger, nahmen das Werk unter ihre Aegide und 
' sicherten damit dessen finanzielle Grundlage. Natur 
gemäß konnte ein solches Unternehmen nur langsam 
j vorwärts schreiten und, wenn wir uns recht entsinnen, 
' war im Jahre 1861, als Eichler in die Reihe der 
Mitarbeiter eintrat, ungefähr Fase. 30 in der Be 
arbeitung. Wenn wir anführen, daß Brasiliens 
> *) Sein vollständiger Titel lautet: M a r 11 u s e t E i c h l e r, Flora 
, brasiliensis. Emimeratio plantarum iu Brasilia hactenus 
detectamm, quas suis aliorumque. botanicorum ? studMs 
i deseriptas et methode naturali digrestas, partim ieone illustra- 
tas edd. Bis jetzt sind 94 Fase., mit ca. 9000 ftoliotafchi illustrier, 
i erschienen. Der Preis eines Fase. beträgt 7-' Mark.
	        

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