Volltext: Hessenland (1.1887)

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schluß! Wer aber konnte sie zwingen, wenn ' 
nicht einmal die Eltern es wünschten'? Ein an 
geblicher Berwandter von ihr hat unlängst etwas 
über diese Heirath drucken lassen, jedoch ohne 
eine wirkliche Klarlegung zu geben. 
Als beglaubigt kann das Gerücht angesehen 
werden, daß der Doktor Diede seine junge schöne 
Frau sehr imglücklich gemacht hat, aber nachdem ! 
die Scheidung stattfand, sich mit einer andern j 
Dame verheiratete und eine sehr zufriedene Ehe j 
mit ihr führte. i 
Charlotte wünschte so dringend von ihm ge- ■ 
schieden zu werden, daß sie sich freiwillig als 
schuldigen Theile erklären ließ. Damit hatte sie 
ihren Ruf unwiederherstellbar vernichtet. Dazu 
war es bekannt geworden, daß ein sehr schöner 
adliger Offizier mit ihr in einem Liebesverhült- 
niß stand. Dasselbe dauerte mehrere Jahre und 
Charlotte hoffte immer, daß eine Heirath daraus , 
entstehen würde. Aber sic hatte sich in dem 
Dev imhnenfd)nried. 
Sieben Jahre saß und spann 
An dem Fenster Marie-Ann' 
Schweigend von dem schlanken Wocken 
Ab des Flachses seid'ne Flocken. 
Sieben Jahre sind es heut', 
Kam ein Reiter nm die Zeit 
Der ersehnten Vesper munter 
In dem Dorf den Weg herunter. 
Eben trat der Nachbar Klans 
Aus der Schmiedenthür heraus, 
Blasend blaue Ringelreifchen 
Aus dem Almer Maserpfeifchen. 
Grüßte nach dem Fenster hin 
Die geliebte Nachbarin, 
Die erröthend tief sich neigte, 
Als er in der Thür sich zeigte. 
Ritt der fremde Reitersmann 
Zu dem Feiernden heran: 
„Nehmet Hammer, Zang' und Feile, 
Meister, und folgt mir in Eile! 
Nägel, werther Meister mein, 
Biel' der neuen steck't auch ein; 
Denn manch' Rößlein, laßt's Euch sagen! 
Giebt es heut noch zu beschlagen." ' 
Flugs nahm Meister Klaus darauf 
Hammer, Zang' und Feile auf, 
Und mit Nägeln füllt die rasche 
Hand schnell seine Schurzfells-Tasche. 
.,Nun, mein Meister, schwinget Euch 
f itster mich auf's Roß in's Zeug! 
önnt Ihr, Meister, denn auch traben 
Ueber Stock und Stein und Graben?" 
Charakter des Geliebten getäuscht, er- löste das 
Verhältniß und schloß eine Ehe mit. einer Dame 
seines Ranges. Wie niederschmetternd dies Ver 
fahren auf Charlotte wirkte, läßt sich nicht be 
schreiben, sie hatte durch ihre Ehescheidung zudem 
alle Mittel einer gesicherten Lebensstellung ver 
loren und wurde in Kassel von- allen Bekannten 
gemieden. Sie zog nach Rraunschweig, wo sie 
billiger leben konnte und auch noch einige Hülfs- 
quellen besaß, weil ihr väterliches Erbtheil in 
Braunschweigischen Papieren bestand. Durch den 
Tod des Herzogs und die Siege Napoleons ver 
lor sie ihr ganzes Vermögen. Ganz hilflos, 
alternd und kränklich wußte sie nirgend unterzu 
kommen. In ihrer Verzweiflung fiel ihr ein 
Zeitnugsblatt in die Hand, in welchem sie den 
Namen Wilhelm von Humboldt lobend erwähnt 
fand. Derselbe war damals Bevollmächtigter 
des Königs von Preußen beim Kongreß in Wien. 
(Schluß folgt). 
-»-s:— ••• 
„„Traben ich, — der Fahneuschmicd, 
Wie er leibt und lebt im Lied, —- 
Der in zwanzig tust'gen Jahren 
’ Diente bei den Leib-Husaren?! . . 
Jener d'rauf mit Gertenhieb 
An das edle Rößlein trieb, 
Daß es stolz die Glieder reckte 
Und zu raschem Trab sich streckte. 
Auf zum Odenbergsgeheg 
Bog es in den hohlen Weg 
Und hinein die weite Spalte 
An der steilen Bergeshalde. 
„Fürchtet, werther Meister, Ihr 
Richt im wilden Felsrcvier 
Euer Leben zu verlieren, 
Wann d'rauf tos wir galoppieren?" 
..„Fürchten ich — der Fahnenschmied, 
Wie er leibt und lebt im Lied — 
Ein Galöppchen? . . . Braucht die Sporen! 
Schaut, der Gaul spitzt schon die Ohren!. . 
Wie das schnob den Berg hinein! 
Funken sprühte das Gestein! 
„Meister, kennt Ihr auch den Quinten?" 
„„Ammen Märchen! Narren-Finten! . . ."" 
Hellung zeigte bald der Schacht, 
Ward zum lichten Tag die Nacht, 
Wehte frisch herein vom Thale 
Es ganz nah mit einem Male. 
Und da — vor der Felsschlucht sah'n 
Sie sich auf dem schönsten Plan 
Und durch's Hüngegrüu von Birken, 
, Plane Höh'n ein Thal umzirken.
        

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